Was von der Heimat blieb – Eine Hommage an die Kindheit

Was von der Heimat blieb – Eine Hommage an die Kindheit

Wir sitzen in der Küche, die Luft ist zum Schneiden. Mein Opa sitzt am Tisch, mir gegenüber, doch er scheint mich nicht wahrzunehmen. Den Kopf in die Hände gestützt seufzt er ab und zu. Dabei erzählt er von Oma, von glücklicheren Zeiten, davon, wie sie beide am letzten Abend vor ihrem Tod zusammen ledernde Hauslatschen geflickt hatten. Er spricht von diesem einen Abend, immer und immer wieder.

Ich möchte am liebsten wegrennen, sagen, dass er aufhören soll. Doch er fühlt sich so einsam. Also lasse ich ihn reden, obwohl ich es kaum ertrage, lasse ihn so lange reden, wie lange es nötig ist.

Nehmen wir die „glücklicheren Zeiten“ der Vergangenheit denn überhaupt als solche wahr? Mehr denn je kann ich nun sehen, wie sehr die Erinnerungen verklärt werden, wie sie in leuchtenden Farben erstrahlen. Doch hält jemand mal in seinem Leben inne und sagt sich, dass er just jetzt, in diesem Moment, glücklich ist? Und zwar ohne dass etwas passiert, ein einschneidendes Erlebnis, eine zweite Chance? Denn so grausam diese Erkenntnis auch ist: zweite Chancen dieser Art bekommen wir Menschen in der Regel nur selten. Eigentlich so gut wie nie. Glückliche Zeiten also: kommt diese Erkenntnis nicht erst später, erst wenn die schönen Tage vorbei sind?

Seit längerem schon laufe ich mit anderen Augen im Haus herum. Ja, ich kann mich noch gut an die schöne Zeit erinnern. Als alle mit am Tisch saßen, das Haus voll war, mein Onkel fluchte, weil jemand den Boiler im Keller ausgeschaltet hatte und meine Mutter meine Oma fragte, wo denn die alten, tönernen Blumentöpfe abgeblieben sind (Oma hatte sie weggeworfen…). Schon da, als halbwüchsiges Mädchen schwankte mir, dass das nicht ewig so bleibt. Nein, es war nicht das klare Bewusstsein darüber, dass sich, natürlich, die Dinge irgendwann einmal ändern werden: es war vielmehr ein dumpfes, bohrendes Gefühl, welches mir sagte, dass es gut wäre, genau jetzt stehen zu bleiben und genau hinzusehen.

So verbrachte ich viel Zeit bei meiner Oma im Keller und schaute ihr beim Füllen der Einmachgläser zu. Ich saß in der Küche neben ihr und half ihr beim Kochen, wie Kinder denn so helfen können (eigentlich hatte sie fast alles alleine gemacht, doch fehlte ihr nie die Geduld, mir nochmals zu erklären, wie man den flach gerollten Teig für Piroggen richtig zu befüllen hatte…). Ich scharwenzelte um meinen Opa herum und sah ihm bei der Jagd auf die Maulwürfe zu, die den Garten umgraben. Oder ging alleine umher, streifte durch die Räume und nahm den Geruch des Hauses wahr (ja, jedes Haus hat seinen eigenen Geruch…), betrachtete die Kleidung im Schrank, stöberte in alten Bildern und Dokumenten. Kletterte über die wackelige Holzleiter hoch auf den Speicher, wo der Stroh unter meinen Füßen knisterte; schaute hinterm Haus nach, ob mit dem Gemüse alles okay ist. Nicht ohne die reifenden Erdbeeren frisch gepflückt und ungewaschen in meinem Mund verschwinden zu lassen. Auch das kleine Feld voller Mohnkapseln, aus denen meine Oma ihren Mohnkuchen machte, war nicht vor mir sicher, hah! Ich hätte damals an jeder Flughafenkontrolle sofort die Drogenspürhunde angelockt! (Anmerkung: es handelte sich hierbei nicht um Schlafmohn, aber ab wann schlägt so ein Opiattest an? Hm…)

Apropos Kuchen, das mit dem Kuchen war auch so eine Sache: Jedes Jahr zu Weihnachten wurde eine ganze Reihe verschiedene Kuchen gebacken. Da hätten wir den erwähnten Mohnkuchen, verschiedene Torten, kalte Desserts und nicht zu vergessen den berühmten, Krawczuk’schen Apfelkuchen! Und als uns eines Tages, als ich wieder einmal zu Besuch aus Deutschland kam, meine Oma eröffnete, dass sie dieses Jahr keine Kuchen mehr selbst backen möchte, war es für mich wie ein Vertreiben aus dem Paradies. Meine Mutter und mein Onkel erklärten einstimmig, der gekaufte Kuchen stünde dem selbstgemachten im nichts nach. Doch ein Stück der Kindheit war weg.

Überhaupt geschah dieses „Vertreiben vom gelobten Land“ in unsagbar kleinen Schritten. Ein Glück vielleicht, vielleicht hoffte die Vorsehung so, mich langsam gewöhnen zu können daran, dass nichts so bliebe wie es ist. Doch gewöhnen wollte ich mich nicht, ich betrachtete jede Veränderung mit Argusaugen. Der Nudelteig, der nicht mehr selbst angerührt, geknetet und ausgerollt wurde („die gekauften Nudeln schmecken genauso, und es erspart soo viel Arbeit…“). Der (nicht mehr selbstgemachte) Kuchen. Die Gemüsefläche hinter dem Haus, die mit jedem Jahr immer kleiner wurde. Die zwei Hektar Feld, die nun nicht mehr selbst angebaut, sondern verpachtet wurden.

Die lange Krankheit meiner Oma.

Der letzte Sommer, voller sanfter, goldener Sonne, deren Licht durch die Blätter der großen Obstbäume fiel. Die Kirschen, dunkelrot und reif, wie sie schwer in den Ästen der Bäume hingen. Kirschen, ausgebreitet auf einer Plane, so viele, dass man sie kaum aufessen konnte. Der Kirschsommer.

Meiner Oma ging es besser und wir dachten alle, sie wäre über’m Berg. Sie saß mit meinem Opa draußen im Hof und die beiden machten bedrückte Gesichter, als ich ihnen sagte, dass ich mich entschloss, in Deutschland zu bleiben.

Und irgendwann war meine Oma weg, verschwand wie eine Erscheinung. Meine Mutter lebte in der Stadt, mein Onkel lebte in der Stadt. Einsamkeit wehte durch das Haus. Das Obst der vielen Bäume im Garten fiel herunter und verfaulte am Boden, Jahr für Jahr. Nur der Hund, der war noch da, sprang in seinem Gehege umher, immer wenn er mich erblickte.

Ein paar Jahre später gab es nicht einmal mehr das. Opa lebte bei meiner Mutter, der Hund auch. Das Haus war abgesperrt, das Leben an diesem Ort war nur eine Erinnerung. Zuletzt ließ mein Onkel die Jahrzehnte alten Obstbäume im Garten fällen und an ihrer Stelle Thujen pflanzen. Thujen! Was bitte ist so schön an Thujen?

In diesem Moment habe ich abgeschlossen.

Verweist, ein Geisterhaus. Ein Beweis dafür, dass Glück und Heimat nicht an Orte gebunden, sondern in unserem Kopf existent sind. Orte stehen nicht für sich, es sind Erinnerungen und Momente, die sie füllen.

Ein Freund vertraute mir einmal an, dass er in seiner Kindheit auf seinem Heimweg immer an einem großen Strauch vorbei lief. Und als er vor kurzem wieder in der Gegend war, war dieser Strauch weg. „Das machte mich traurig.“ Sagte er, und ich verstand nicht, was er damit meinte, es sei doch nur ein Strauch gewesen.
Jetzt verstehe ich es.

Reife, sonnengelbe Kirschen
Unser Obstgarten. Ich verbrachte sehr viel Zeit dort.
Oma im Gewächshaus
Ein Teil der Kirschen wurde zum Trocknen ausgelegt
Besorgte Gesichter. Ich hatte mich entschlossen, in Deutschland zu bleiben.

Mein Opa (in d. Mitte) mit Kameraden beim Wehrdienst. Als der Krieg ausbrach, wurde er mit siebzehn Jahren einberufen.
Die Küche, Treffpunkt der Familie. Immer zu den Essenszeiten hat Oma uns alle zusammengetrommelt, es wurde an einem Tisch gegessen und oft stundenlang geredet. Ablenkungen wie Fernseher gab es nicht; wer fernsehen wollte, ging ins Wohnzimmer – im Wohnzimmer wiederum wurde nicht gegessen 😉
Ein kitschig-schöner Sonnenuntergang, vom Obstgarten aus gesehen. Im Hintergrund kann man unser Feld erkennen.
Ein Stückchen Feld mit Gewächshaus. Hier befand sich ursprünglich die Gemüseecke, mit Radieschen, Karotten, Erdbeeren, Mohn…
Mein Opa befeuert den Zentralofen unten im Keller. Auf dem Dorf sorgte jeder selbst für seine Heizung.
Opas legendärer Honigwodka, mit dem er seinerzeit ein hartnäckiges Magenleiden auskuriert hatte…
Doch Vorsorge ist besser als Nachsorge… In diesem Sinne: Prost! 🙂

Dieses Gemälde anlässlich der Hochzeit meiner Großeltern in Auftrag gegeben. Es trägt bereits viele Spuren der Zeit…
Der Obstgarten in November. Irgendwann gab es niemanden mehr, der sich darum kümmern konnte…

Da billiger, wird in vielen Häusern auf Gasflamme gekocht. Das Gas wird regelmäßig in Flaschen angeliefert…
Reife, mit viel Zucker eingemachte Himbeeren. Sie wurden zum Gären in die Sonne gestellt. Mit dem so hergestellten Saft wurde der schwarzer Tee oder (seltener) der Wodka oder das Bier verfeinert.
Einmachgläser meiner Oma; halfen uns oft, im Winter die Lust auf Obst zu stillen. Selbst als es irgendwann zu allen Jahreszeiten frisches Obst in den Geschäften gab, wurde es im Winter einfach nicht eingekauft – durch die größtenteils autarke Versorgung gab es kaum die Notwendigkeit dazu.
Der Himmel blutet in kaltem Pink
In einer der Scheunen gab es viel interessantes Stillleben
Eigene Bohnen vom Feld
Opa beim Holz hacken (das Stillleben, nicht mehr so still…)
Ein Traktor aus den Achtzigern… immer noch funktionstüchtig

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