Ankunft in Breslau – das Hostel „Mleczarnia“

Ankunft in Breslau – das Hostel „Mleczarnia“

Breslau, Ankunft

Oben, ein Flugzeug, ein Stück weiter – ein Heißluftballon, von der Sonne golden angestrahlt; beide schweben unbeweglich am Himmel wie aufgehängter Weihnachtsschmuck.

Bei Dresden tanke ich nochmal. Erst als ich in Richtung Görlitz abbiege, habe ich wirklich freie Fahrt, denn bis dato hänge ich gefühlt die Hälfte der Zeit in irgendwelchen Staus.

Aber hier, hier ist sowieso Niemandsland, so kurz vor der Grenze, wo zwar offiziell noch Deutschland ist, aber die Mehrheit der Autos auf der Autobahn polnische Kennzeichen trägt. Und so gelten hier auch beim Fahren bereits polnische Gewohnheiten: man fährt zügiger, man überholt zügiger und gibt beim Fahren, so mein Eindruck, mehr aufeinander acht. Auch der aggressive Aspekt fällt weg: ich habe noch nie gesehen, dass ein polnischer Fahrer Lichthupe gegeben oder seinen Vordermann mit groben Gesten beleidigt hätte.

Die gegenseitige Toleranz beim Fahren geht dabei Hand in Hand mit einer sehr riskanten Fahrweise, und so weiß ich beim Überholen zum einem, dass der Überholende vorausschauend zügig an mir vorbei kommt, wenn ich mich auf einen langsamen LKW zubewege, weiß aber auch, dass ich, einmal auf der linken Spur, schnell wieder selbige räumen muss, will ich nicht ebenfalls die erlaubte Höchstgeschwindigkeit überschreiten.

Hinter der Grenze ist die Fahrbahn gefühlt schlechter. Die A4 besteht augenscheinlich aus übergossenen Betonblöcken, die beim Drüberfahren „bop-bop-bop“ machen. Auf Feldern links und rechts sind überdimensional große Werbetafeln angebracht, von der Sorte, wie sie in Deutschland verboten worden sind. „Haben Sie Erektionsprobleme? Bestellen Sie jetzt…“ Es folgt der Name des Medikaments. Wie gern hätte ich ein Foto gemacht.
Dafür zeigt alle paar Kilometer eine digitale Tafel zeitaktuell die Lufttemperatur und die Temperatur der Fahrbahn an. Auf einer anderen, direkt über den Köpfen, leuchtet die Verkehrsinfo-Servicenummer, die man jederzeit anrufen kann, will man sich über die Verkehrslage auf ausgewählten Strecken informieren. Wie progressiv, denke ich mir, vor allem wenn man sein Handy sowieso über W-Lan mit dem Auto verbunden hat.

Bin ich stolz auf mein Land? Joai… Stolz wäre momentan wohl der falsche Ausdruck. Ich bin immer froh, etwas positives, etwas schönes zeigen zu können. Wie tolerante Autofahrer. Wie die praktischen Anzeigetafeln. Vielleicht, um von den anderen Dingen abzulenken. Vielleicht aber auch, um mir selbst gut zuzureden. Irgendwie haben wir wohl in Deutschland das Gefühl, dass durch die Propaganda und Medienverstaatlichung seitens polnischer Regierung sich eine Art Willkür Deutschen gegenüber entwickelt hat. Manchmal habe ich selbst diese Befürchtung. Dass die Ordnungshüter bereits im Gebüsch lauern, sich in den Wäldern postiert haben und, sobald ich die Grenze betrete, freudig ausrufen: „Ein deutsches Kennzeichen! Dem geben wir es!“

Nun, das ist nicht der Fall. Kaum jemand interessiert sich für die wenigen Touristen oder Ausländer, die hierher kommen. Wie immer, wenn es Probleme in einem Land gibt, sind sie selten sofort sichtbar. Selten prangen sie anklagend am Straßenrand, kaum dass man die Grenze betreten hat. Alles ist normal. Es sind schließlich auch ganz normale Menschen, denen man hier begegnet, Menschen wie du und ich. Wie oft lese ich von Menschen, die in Länder reisen, um die sich viele negative Vorurteile ranken, wie sie nach ihrer erfolgten Reise zurückkommen und sagen: Es ist gar nicht so schrecklich gewesen, die Menschen waren alle so lieb zu uns.

Natürlich waren sie lieb. Natürlich kann man in vermeintlich unsichere Länder reisen und vermutlich passiert einem auch nichts und ja, die Menschen sind meist allerliebst. Natürlich kann man in Länder reisen, in denen Menschenrechte nicht viel gelten und ja, vielleicht wird man auch dort gut behandelt und wird auch gute Erfahrungen machen. Als ich vor kurzem meine Tante via Messenger fragte: Was ist denn da bei euch in Polen los? – Antwortete sie mir etwas verwundert: Was soll los sein? Hier ist gar nichts los.

Trotzdem ändert die scheinbare Ruhe nichts an der Tatsache, dass Regierungsgegner vor Gericht zitiert werden, dass sich eine zunehmend nationalistische Gesinnung entwickelt. Dass der Stadt, mir nichts, dir nichts, Medien und Justiz einkassiert hatte, dass man mit Repressionen rechnen muss, sollte man seine (regierungskritische) Meinung öffentlich kundtun. Diese Dinge sieht man nicht, wenn man die Grenze überquert oder wenn man durch sonniges Breslau spazieren geht. Diese Dinge sieht man nicht auf den ersten Blick. Denn es ist ein ganz normales Land.

Gegen zehn komme ich am Rande von Breslau an. Die Ankunftszeit am Hostel wird mir mit halb elf angezeigt. Da wird bestimmt niemand an der Rezeption mehr sein, denke ich mir und stelle mein Auto an einen halb leeren Parkplatz am Rande einer vielbelebten Kreuzung ab. Außer mir – ein paar PKW, ein Lkw und ein kleines, buntes Auto, dass man anscheinend im Rahmen von Carsharing mieten kann. Ich hieve meinen Koffer auf den Beifahrersitz, verriegle die Türen und strecke mich auf der Rückbank aus. Keine Decke dabei. Aber der Plan war ja nicht gewesen, im Auto zu schlafen.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil sich das Auto bewegt. Ungläubig mache ich die Augen auf und sehe einen jungen Mann auf dem Fahrersitz, wie er sich im schwachen Licht an den Kabeln zu schaffen macht. Kein Wunder, den Schlüssel habe ich schließlich in der Hosentasche einstecken. Ich rufe: „Hey!“

Er dreht sich um. „Oh, verdammt, da ist ja noch jemand drin?“
„Ja.“ Sage ich verschlafen. „Wenn Sie ein Auto klauen wollen, dann vergewissern Sie sich vorher, dass da auch niemand mehr drin sitzt. Und überhaupt, das ist ein Firmenwagen und ich muss damit noch nach Warschau zu meiner Familie, also bitte nicht klauen. Suchen Sie sich doch bitte etwas anderes.“ Der Dieb hat ein Einsehen und zieht davon.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil mir empfindlich kalt ist. Die Kälte ist nicht überraschend, da ich sie schon von den Schlaferei im Auto bereits kenne. Lästig ist sie trotzdem und so versuche ich, mich möglichst klein zu machen. Und natürlich macht sich niemand an meinem Auto zu schaffen. Der Parkplatz liegt still da, die restlichen Autos sind weg. Nur noch der Lkw und das kleine, bunte „miet mich“ Auto stehen noch in meiner Nähe.

 

Das Hostel „Mleczarnia“

Als ich aufwache, scheint bereits die Sonne ins Auto herein. Der Parkplatz ist leer und auf der Kreuzung herrscht geschäftiges Treiben. Ich reihe mich in den Verkehr ein und folge dem Navi in die Pawła Włodkowica-Straße.

Das Hostel „Mleczarnia“ liegt am Rande der Altstadt. Ich biege in die kleine Gasse ein, stelle mich ins absolute Halteverbot hinter eine lange Fahrzeugkolonne und reihe mich ein zu den anderen, die ebenfalls im absoluten Halteverbot stehen.

Das „Mleczarnia“ ist nicht einfach zu finden. Mehrmals laufe ich die Straße auf und ab, froh darüber, meinen Koffer im Auto gelassen zu haben. Solltet ihr auch mal in die Verlegenheit kommen, orientiert euch am Lokal Cocofli Cafe Vinebar – es ist genau dahinter. Eine kleine, leicht zu übersehende Aufschrift an der massiven Holztür weist darauf hin.

Die Räumlichkeiten sind ansprechend im Jugendstil gestaltet, mit Rundbogenfenstern, buntem Glas und viel dunklem Holz. Der Aufenthaltsraum ist ein Unikum für sich, alte Schallplatten stehen in einem Stapel an der Wand, Buntglasfenster geben Flair und uralte Holz- und Eisentüren dienen als Deko. Und als ich endlich die langersehnte Dusche nehme, dringt stilvolle Jazzmusik zu mir herein. Joa mei!

Ein kleiner Minuspunkt ist die Tatsache, dass sich die Türen zu den Räumen nicht abschließen lassen; dafür ist die Rezeption 24h/Tag besetzt und es wird beim Hereinkommen die Identität geprüft. So hatte ich also völlig unnötig auf dem Parkplatz geschlafen. Sicher nicht die letzte, sinnfreie Kasia-Aktion.

Ich lasse mir Zeit. Eine ganze Weile sitze ich oben auf dem Hochbett und lese ein bisschen; dabei versuche ich, mit dem Quietschen des Bettes das Mädel nicht zu wecken, das um zwölf noch schläft. Ehe ich losgehe, parke ich noch mein Auto um – die Empfehlung der Hostelmitarbeiterin ist unmissverständlich. Ja, sagt sie, hier parken alle – und danach suchen sie alle ihr Auto, weil es abgeschleppt worden ist…

Der Artikel kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Nach der aktuellen Gesetzeslage ist die Erwähnung, Bewertung und/oder Verlinkung von Produkten und/oder Dienstleistungen jeglicher Art als Werbung zu kennzeichnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.