Titan RT im Harz – Die (zweit)längste Fußgänger-Seilbrücke der Welt

Titan RT im Harz – Die (zweit)längste Fußgänger-Seilbrücke der Welt

Das Auto brummt, mein Kopf brummt gleich mit. Ich bin mit der Innenausstattung verschmolzen, bin ein lebendiger Teil der Polstersessel, das Fahrzeug ist zu einer Verlängerung, einer Erweiterung meines eigenen Körpers geworden. An einem Tag einmal quer durch Deutschland und wieder zurück war wohl doch ein bisschen viel.

Wie kam es?

Es kam so. Ein wichtiger beruflicher Termin zog mich nordwärts nach Hannover. Die Strecke an sich ist immer wieder eine willkommene Abwechselung, denn ich bekomme sonst nicht allzu oft die Gelegenheit, in den Norden zu fahren. Also steige ich in Mannheim morgens um sieben ins Auto und bin nach halb zwölf vor Ort.

Nach einem erfolgreichen Meeting starte ich gegen dreizehn Uhr abermals den Motor. Wer Kasia kennt, weiß auch, dass Kasia nicht gerne ihre Zeit mit bloßer Fahrerei verplempert, Kasia möchte auch etwas von der Gegend sehen. Natürlich kann man sich auch nach dem Zufallsprinzip treiben lassen und einfach mal schauen, was der Weg so mit sich bringt, ich habe aber ein ganz bestimmtes Ziel, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste steht: die Hängebrücke über der Rappbodentalsperre; die im Jahr 2017 in Betrieb genommene, längste Seilbrücke ihrer Art (soll heißen: für Fußgänger) in der Welt. Superlativen über Superlativen, doch mich interessiert auch der Ausblick über die herbstliche, in Rot- und Orangetönen glühende Landschaft.

Die Brücke wurde in den Schieferfelsen des Rappbodentals befestigt und mit 494 m war sie bei ihrer Eröffnung in Mai 2017 die längste Seilhängebrücke ihrer Art überhaupt. Und dann kamen… ja wer wohl: die Schweizer, und schlugen just in Juli 2017 den Rekord mit einer fast 500 Meter messenden Seilbrücke bei Zermatt. Wer hats erfunden…? 😉

Das wunderbare, sonnig-warme Wetter setzt sich auch jetzt noch, Ende Oktober fort und als ich den Harz am Nachmittag erreiche, sind nur über den Bergen vereinzelt Wolkenfelder zu sehen. Von der Autobahn auf die B4; neugierig schaue ich umher. Wie hübsch die Landschaft doch ist! Sanft und golden, hügelig, mit langgezogenen Baumreihen in der Ferne. Dahinter – Berge. Vereinzelte, dicke Sonnenstrahlen dringen durch die dichte Wolkenschicht, die sich über der Bergkette angesammelt hat und dort festhängt, und das Licht bringt Bäume, Blätter und das Land zum Leuchten. Hübsche, kleine Kirchen, hübsche, kleine Orte. Lange, schwarze Schnüre aus Wildgänsen, die sich am Himmel schreiend über meinen Kopf ziehen. Und ich, die leider nirgends für ein Foto anhalten kann.

Von der B6 biege ich bei Blankenburg auf die L81. Vor Ort verpasse ich die Abfahrt; die Rappbodentalsperre zwar ist ausgeschildert, mich irritiert jedoch die Beschilderung, denn die L96 ist streckenweise gesperrt. Fährt man jedoch über die L81 weiter am Rande des Ortes Hasselfelde erreicht man die Pullman Westernstadt.

 

Die Pullman City

„Hm. Interessantes Konzept.“ Denke ich, als ich aus dem Auto steige und die kleinen „Western“-Häuschen betrachte. Pullman City ist im Grunde ein Erlebnispark und bietet neben einem Biker-Lokal (ein riesengroßer Parkplatz nur für Motorräder, auf dem aktuell nur eine einsame Harley steht…) Cowboy- und Indianer Shows aller Art, Schießstände, Büffel, ein Streichelzoo und sogar Hochzeiten in der stadteigenen Kapelle. Zu meiner Verwunderung finden die Shows täglich statt; bei der unter der Woche recht geringen Besucherzahl kommt  bei mir die Frage auf, ob sich das rentiert…

Später werden die Bisons durch den Hof und über die Straße getrieben. Wobei „getrieben“ ein zu starkes Wort ist für das gemütliche Entlang-Trotten, das die Tiere wie gelangweilt absolvieren, die Kühe vorneweg und ihre Kälbchen hinterher. Geduldig warten die Autofahrer darauf, dass die gesperrte Fahrbahn wieder frei gegeben wird. Ich trinke meinen Kaffee zu ende, den ich mir im Biker Lokal bestellt habe, nehme meine Tasche und trotte gemütlich zum Auto. Zu viel Zeit habe ich leider nicht mehr…

 

Die Titan-RT

Das muss ein irres Gefühl sein, denke ich mir, so weit oben über dem Tal zu wandern auf einem fragil wirkendem Gebilde, das fast zu schweben scheint und das bei jedem Windstoß mitschaukelt…

Als ich ankomme, ist es kalt und wolkig. Die Sonne und das warme Wetter haben sich sonst wohin verzogen und als ich den kleinen, schmalen Trittweg an der Straße entlang in Richtung Brücke marschiere, bin ich froh um meinen langen Wollmantel.

Und überhaupt, der Wollmantel. Er passt perfekt zu der weißen Bluse schicken, schwarzen Lackschuhen und manch einer der Spaziergänger schaut mich aus seiner Funktionskleidungs-Wäsche ganz irritiert an. Ja, so ist es manchmal, wenn man versucht, das Nützliche (Job…) mit dem Angenehmen (Seilhängebrücke…) zu verbinden, das treibt dann manchmal seltsame Blüten…

Als ich an der Seilbrücke ankomme, bin ich etwas enttäuscht.

Warum?

Nun ja, zum einen hatte insgeheim ich gehofft, die Sehenswürdigkeit heute, unter der Woche, mehr oder weniger für mich alleine zu haben. Und auch wenn sich die Anzahl der Besucher sicherlich nicht mit den Wochenenden oder den warmen Sommermonaten vergleichen lässt, so ist es mir trotzdem etwas zu überlaufen. Auch hatte ich gehofft, die Brücke auf dieser Höhe im Nebel gehüllt zu sehen, wie sie ganz schemenhaft darin verschwindet, doch dafür hätte ich meinen Abstecher wohl früh am Morgen machen müssen…

Während also die Menschen wackelig über die Brücke stolpern, laufen, gehen und ihre Kinderwägen schieben, bleibe ich ein wenig abseits an der Talsperre selbst stehen und beobachte das Geschehen.

Die Hängeseilbrücke an sich ist beeindruckend. Sie schwebt frei über dem Tal und bietet mit Sicherheit einen sagenhaften Rundumblick, gepaart mit dem wunderbar wackeligem Gefühl, ganz im Freien zu stehen.

Wer es gerne noch freier haben möchte, der kann es dem Herrn (?) gleichtun, der hier gerade vor meinen Augen an einem Seil in die Tiefe stürzt. Es handelt sich hier um den sogenannten Gigaswing Pendelseilsprung. Der Unterschied zu Bungee besteht darin, dass man nach dem Sprung nicht auf und ab wippt, sondern wie ein Pendel hin und her schwingt, ansonsten ist das Prinzip das gleiche: Augen zu und runter! Oben auf der Brücke haben sich gleich ein paar Schaulustige versammelt, doch der Mensch, der da gerade kopfüber am Seil baumelt, gibt während seines freien Falles keinen Pieps von sich. Tapfer – oder in Todesangst erstarrt, wer weiß das schon so genau.

Bungee-Sprüngen und Ähnlichem stehe ich seit jeher skeptisch gegenüber. Nicht, dass ich es nicht gerne mal ausprobieren würde, aber ob ich freiwillig springe oder ob es schlussendlich einen Fußtritt in den Rücken bedürfe, um mich nach unten zu bringen, das wissen im Moment nur die Götter… 😉

Doch als ich die nächste Attraktion sehe in Form zweier Menschen, die wie Geschosse an einem Seil die Brücke entlang schießen, bin ich sofort Feuer und Flamme. Hierbei handelt es sich um die Megazipline, Europas längste Doppelseilrutsche.

Es gibt eindeutig mehr Interessenten für die Megazipline, immer wieder beobachte ich kreischende Leute, die mit einem Mordstempo (bis zu 85 km/H, wie ich später nachlese) über dem Wasser gleiten und zwischen den Bäumen verschwinden. Und in diesem Moment weiß ich, dass ich wiederkommen muss. Ja, ich will auf die Rutsche und ja, ich will auf die Brücke, aber nicht heute. An einem schönen, warmen Tag, gerüstet mit den richtigen Klamotten und Schuhen, mit einem Stefan an meiner Seite, der mich filmt und mit einer Actionpro-Kamera auf meinem Kopf, die ich mir eigens zu diesem Zwecke kaufen will. Doch es wird wohl in diesem Jahr nichts mehr draus werden.

Zurück nach Hause fahre ich erstmal ganz lange über die B6, die sich in kurven durch die schöne Landschaft schlängelt. Vor mir habe ich einen Mitmenschen, der vor jeder Kurve bremst (und in der Kurve auch nochmal, sicher ist sicher). Was solls, besser so als sich in Selbstüberschätzung üben… ich trotte ihm gemütlich hinterher.

Ich liebe es, hier durch die kleinen Orte zu fahren, jedes einzelne Haus hat etwas unheimliches, sieht aus wie das Hexenhäuschen von Baba Jaga, jeder Ort wirkt wie ein eingefrorenes Grimmsches Märchen. Ob die Menschen hier es auch so empfinden?

Parallel zur Straße verlaufen Schienen. Als eine alte Tüff-Tüff-Lock an mir vorbei fährt und einen lange, schwarze Rauchspur aus dem Kamin zieht, raste ich in meinem Auto vor Begeisterung fast aus. „Eine Tüff-Tüff-Lock…!“ Der schwarze, dicke Rauch verteilt sich in der Landschaft und zwei Minuten später habe ich den Geruch von brennender Kohle in meiner Nase. Ja, so eine will ich unbedingt auch mal fahren! Ja, und das würde Stefan, dem Züge-Narr, sicherlich auch gefallen. Das riecht förmlich nach einem künftigen Urlaub im Harz…

 

Titan RT – Info

Anfahrt
L96, 38889 Elbingerode (Harz)
Oder gib einfach „Rappbodentalsperre“ in dein Navi ein, die Beschilderungen werden dich dann weiter zur Brücke lotsen.

Öffnungszeiten
Täglich 8-22 Uhr (letzter Einlass am Automaten um 21:30 Uhr
Ganzjährig geöffnet

Eintritt
Erwachsene 6 Euro, Kinder 4 Euro

Gigaswing
Der Pendelsprung kostet einzeln 79 Euro, auch Tandem für 149 Euro ist möglich. Eine vorherige Anmeldung ist notwendig (1 Tag vorher online). Es gibt die Möglichkeit, für 17 Euro leihweise eine GoPro Actioncam zu nutzen.

Megazipline
1x Flug 39 Euro
Familienticket 120 Euro, Kombiticket 75 Euro
Vorabbuchung online notwendig (1 Tag vorher)
Auch hier gibt es die Möglichkeit, für 17 Euro leihweise eine GoPro Actioncam zu nutzen. Weitere Infos findet ihr hier

Wallrunning an der Staumauer
Erwachsene: 49 Euro, Kinder ab 8 Jahren: 15 Euro, Kombiticket 75 Euro
Geöffnet nur während der Sommersaison täglich von April bis Oktober, Vorabbuchung notwendig.
Auch hier ist es möglich, vor Ort gegen Gebühr eine Actioncam auszuleihen.

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