Hundert goldene Nüsse – Als Deutscher auf einer türkischen Hochzeit

Hundert goldene Nüsse – Als Deutscher auf einer türkischen Hochzeit

Die Feierlichkeiten haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie ein Moderator verkündet der Zeremonienmeister mit ernster Miene und jovialer Stimmer die Namen der Gäste. Wie Entlein haben sich diese aufgereiht, um dem Brautpaar ihre Aufwartung zu machen und Geschenke zu überreichen. Und verschenkt wird unter anderem… Geld. Mit einem Mikro in der Hand verkündet der „Moderator“, welche Familie welchen Betrag beigesteuert hat. Plötzlich wirkt er sichtlich irritiert. Er runzelt die Stirn, schaut auf seinen Zettel, fängt sich jedoch schnell wieder. „Und die Apotheke…“ spricht er im selben jovialen Ton in sein Mikrofon – „schenkt dem Brautpaar… Einhundert goldene Nüsse!“

Recht früh treffen wir in den Räumlichkeiten ein. Im Unterschied zu anderen Hochzeiten dieser Art, die ich bereits gesehen habe, hatte unsere Kollegin keine einfache, nichtssagende Halle angemietet. Im Gegenteil; die Räume sind schön und feierlich ausgestattet. Ein Großteil der Gäste ist schon da, doch noch ist nichts los; Frauen eilen hin und her und Kinder spielen und turnen auf dem Fußboden herum. Die Kleinen haben hier Narrenfreiheit; niemand zwingt sie, auch später während der Feier nicht, steif irgendwo sitzen zu bleiben, sie bewegen sich die ganze Zeit über frei im Saal herum.

Die Braut ist nicht da, wir werden vom Brautvater begrüßt. Alle Apothekenmitarbeiter hatten sich an diesem Abend zur Aylins Hochzeit eingefunden und es wurde eigens ein Tisch für uns reserviert. „Was wollt ihr trinken?“ Fragte der Brautvater in die Runde. „Ich habe alles da: Cola, Wein, Bier… alles kein Problem.“ Der willige, deutscher Gast ordert freudig sein Bier – und sieht sich kurze Zeit später einer weißen, undurchsichtigen Plastiktüte mit mehreren Bierdosen als Inhalt gegenüber. Der verwunderte Gast beschließt daraufhin, sein Bier draußen vor der Halle zu trinken.

Diese Anekdote bringt mich immer noch zum Schmunzeln. Keiner von uns hatte damit gerechnet, auf einer muslimischen Hochzeit Alkohol ausgeschenkt zu bekommen. Da sich scheinbar aber herumgesprochen hatte, was ein Deutscher – vermeintlich – von einer guten Feier erwartet, wollte man ein guter Gastgeber sein und dem Gast alles anbieten, was sein Herz begehrt, doch konnte man das selbstverständlich nicht öffentlich vor den versammelten, teils mehr, teils weniger konservativen Hochzeitsgästen tun. So entschloss man sich zu einem Kompromiss nach dem Beispiel aus den USA, wo der Kunde seinen Alkohol auch in einer braunen, unmarkierten Papiertüte verkauft bekommt.

Unsere kollektive Sorge bezüglich der Kleidung erwies sich jedoch als völlig unbegründet, denn viele der jungen Frauen, die sich zu der Feier eingefunden hatten, trugen teilweise hautenge, glitzernde Kleider und einen hohen Absatz. Groß, dünn und wunderschön sahen die Mädchen aus und ich fragte mich, wie sie es schafften, trotz der reichhaltigen, türkischen Küche und den köstlichen Süßigkeiten ihre gertenschlanke Figur zu behalten.

Die Braut wurde hereingeführt und dem wartenden Bräutigam übergeben. Er war derjenige, der den glitzernden, roten Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, lüften durfte. Unter lautem Jubel und Musik eröffnete das Brautpaar den Tanz.

Irgendwann tanzten wir alle; selbst die sonst zurückhaltenden Deutschen wurden mit sanfter Gewalt von ihren Stühlen geholt. Teils tanzten die Menschen für sich, teils bildeten sich kleinere und größere Kreise.

Als irgendwann alle erschöpft und verschwitzt, aber voller Glückshormone wieder auf ihren Stühlen saßen, begann die Geschenkeübergabe. Nicht das Brautpaar selbst, sondern ein Moderator (?) nahm, mit einem Mikrofon gerüstet, die Gaben entgegen. Verschenkt wurde – in erster Linie – Geld. Jeder überreichte Umschlag wurde sogleich geöffnet und – für uns etwas befremdlich – der Name der Familie und die Höhe des geschenkten Betrages vorgelesen. Die ungeschriebene, deutsche Regel: über Geld spricht man nicht (…man hat es…), war hier völlig unbekannt und die öffentliche Bekanntmachung sollte die Gäste dazu anstacheln, sich gegenseitig bei der Höhe der geschenkten Summe zu überbieten. Wir, die Arbeitskollegen, waren mit diesem Prozedere bereits von früheren Hochzeiten her vertraut und beschlossen diesmal, uns nicht lumpen zu lassen und dem (hochzeits-)gesellschaftlichen Druck nicht zu beugen. So hatte die Frau unseres Chefs die Idee, das Geld in gleichmäßige Beträge einzuteilen und, zusammengefaltet, in Walnussschalen zu füllen. Diese Walnusschalen wurden dann wieder zusammengeklebt, mit goldener Farbe angemalt und in ein dekoratives Körbchen gelegt. So hatte das Gesicht des Moderators, als er unser Geldgeschenk entgegen nahm, für einen kurzen Moment einen irritierten Ausdruck angenommen. „Die Apotheke schenkt…“ Prüfend hielt er das Körbchen in der Hand und hielt nach Geldscheinen ausschau; da es jedoch zu lange gedauert hätte, alle Nusschalen an Ort und Stelle zu knacken, fing er sich relativ schnell wieder und sprach mit unveränderter Stimme weiter:

„…die Apotheke schenkt dem Brautpaar – hundert goldene Nüsse!“

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