Das Street Food Event in Stralsund

Das Street Food Event in Stralsund

Ich stehe in der Mitte des großen Platzes und meine Augen wandern. Mein Bauch kann sich nicht entscheiden, worauf er zuerst Lust hätte. Falafel? Inder? Mexikanisch? Oder ein Insekt am Stiel? Hier am Stralsunder Street Food Market wird alles geboten. Einen unendlichen Hunger und zwei Mägen müsste der Mensch haben…

Von der Rügen-Brücke aus spiegeln sich die Häuser und Türme der Hansestadt in der ruhigen Oberfläche des umgebenden Wassers. „Unesco-Weltkulturerbe“, sagt ein Hinweisschild – die Innenstadt reiht sich damit in die Gruppe der schönsten Hansestädte des deutschen Nordens ein, zu denen auch Lübeck und Wismar gehören.

Wir haben nur noch wenig Zeit, denn es ist Sonntagabend und wir wissen nicht genau, wie lange das Streetfood Event noch geht. Doch noch stehen alle Trucks da und die Stände locken mit einer Köstlichkeit nach der anderen. Schließlich entscheiden wir uns für eine japanische Spezialität: Gerollte Crepes, gefüllt mit allen möglichen Zutaten, je nach Geschmack von süß bis deftig. Wir sind auch nicht die Einzigen, die sich von der neuen, unbekannten Versuchung locken lassen, denn hinter uns hat sich ziemlich schnell eine Schlange gebildet. Geschickt rollt der Mann unsere Crepes zusammen. Dann beißen wir rein. Was soll ich sagen… sagenhaft! Ein Traum aus süß und fruchtig. Nicht zum ersten Mal zeigen die Japaner, dass sie Foodtrend-affin sind und immer für Neues zu haben.

Doch es ist nicht nur Street Food, sondern das Gesamtkonzept der Veranstaltung, das mir besonders gut gefällt. Hier wird nicht einfach nur essen verkauft, hier werden jedes Jahr aufs Neue Geschmäcker und Kulturen aus aller Welt zusammengebracht. Und das war auch der Gedanke dahinter – Menschen bringen Menschen ihre Kultur näher, ein bisschen Exotik hält in Stralsund Einzug. Integration wird greifbar.

Greifbar wurde auch die Falafel, die auf das Crepe folgte. Doch da bereits beginnen die ersten Stände, ihre Bürgersteige hochzuklappen und der Falafel-Mann spült bereits seine Behälter. Es ist abends kurz nach sechs. Nur noch der Insekten-Stand scheint von der späten Stunde unbeeindruckt und verkauft munter seine Knuspermaden.

Als die meisten Stände geschlossen und das lecker Essen in ihren Tiefen verschwunden ist, will ich die berühmte UNESCO-Altstadt sehen. Langsam schlendern wir also los und in Richtung Altstadt. Doch Stefan will nicht so recht schlendern; eigentlich will Stefan gar nicht schlendern. Und zum ersten Mal seit langem merke ich, wie gut es doch manchmal tut, einen neuen, interessanten Ort auf eigene Faust zu erkunden. Denn ich bin eher der Mensch, der gemütlich vor sich hin trabt, in jede Ecke schaut und jeden interessanten Stein und jede Mauer abfotografiert. Immer mal wieder bleibe ich stehen, wenn mir etwas gefällt. Doch mein Liebster wird ungeduldig und beginnt, zu nörgeln. Mein Liebster will zum Wasser laufen. Schließlich bleibe ich stehen und drücke ihm den Autoschlüssel in die Hand (ja, wer mit dem Motorrad anreist, ist auf das Auto der Freundin angewiesen…) und sage: „Hier. Geh am Wasser spazieren und wenn du nicht mehr willst, dann zum Auto zurück. Ich brauche hier noch ein bisschen.“ Danach ist Ruhe im Schiff, doch Stefan bleibt neben mir.

Die Altstadt ist beeindruckend schön. Eine tolle Abwechslung ist es, auch mal eine Innenstadt so ganz ohne Fachwerk zu sehen. Hier dominiert die typisch nordische, helle Bauweise, die ein bisschen an Amsterdam erinnert. Und die Türen… überall entdecke ich schöne, kunstvoll bemalte Massivholztüren, die mich an meine Reise nach Tondern in Dänemark erinnern. Es ist still und friedlich, und bis auf eine Frau mit ihrem Hund – menschenleer.  „Wieso?“ Antwortet Stefan, als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass er mir beim Knipsen ständig ins Bild läuft. „Dann sieht man auf den Bildern auch mal sowas wie Bewohner…“

Seit 2002 darf sich die Stralsunder Altstadt zum UNESCO-Welterbe zählen. Die Stadt ist einzigartig – und einzigartig schön. Im Krieg kaum zerstört zeigt sie in ihren restaurierten Bauten ihren ehemaligen Reichtum, den sie ihrer Funktion als Umschlagplatz für Handel aus und in aller Welt verdankt. Es wurde mit Tüchern, mit Wolle, mit Fisch und Honig gehandelt. Die Bauweise der Häuser wurde mit ihrem hellen Stil und den hohen Dachgiebeln als „Sundische Gotik“ bezeichnet.

Der Stadtkern hat sich in seinen Grundzügen kaum verändert, so sind die mittelalterlichen Grundrisse noch erhalten. Sie entstand im 12 Jahrhundert durch deutsche Kolonisation slavischer Gebiete.

Wir kommen zum Alten Marktplatz und spätestens hier ist auch Stefan beeindruckt. Wir lassen die Köpfe oben und die Blicke gleiten rundum. Zudem – UNESCO-Erbe hin oder her – ist die Stadt so schön untouristisch. Keine Scharen mit Fotoapparaten, bis auf uns und einer älteren Dame. Völlig unbeeindruckt und mit stoischer Ruhe schauen die Stralsunder uns von ihren Cafetischen zu.

Das Stralsunder Rathaus ist charakteristisch. Hunderte von Jahren ist es alt, wohl irgendwann im 13 Jahrhundert erbaut. Die äußere Erscheinung wurde immer mal wieder verändert: heute ist das Rathaus ein unverwechselbares Wahrzeichen der Stadt. Wir laufen den Rathausdurchgang lang und an der Barockgalerie vorbei. Immer mal wieder bleibe ich beeindruckt stehen, finde den Bau einfach wunderschön. Der Durchgang verbindet vier Gebäudeflügel miteinander und an der Nikolaikirche kommen wir anschließend wieder raus. Hier hängen von der Decke runde Korbsitze neben kleinen, niedrigen Tischen, das dazugehörende Lokal ist geschlossen. Ich habe große Lust, hier die Seele baumeln zu lassen, doch Stefan ist bereits weiter gegangen. Einige Fotos später sehe ich ihn weit weg am anderen Ende der Straße sich immer weiter entfernen.

Doch ich will nicht hinterher, ich will zum Hafen.

Laut über die Straße schreien will ich auch nicht, also rufe ich aufs Handy an. Die Gestalt Stefans am anderen Ende der Straße zuckt nicht einmal. Lautlos also – verdammt. Also schreibe ich eine Whats App Nachricht, drücke auf Senden und biege links ab.

Am Hafen spielt Musik. Immer wieder ist das laute, dumpfe Tut-tuuut! der einlaufenden Schiffe zu hören. Menschen sitzen in den Lokalen am Wasser und es weht ein leichter Geruch nach gebratenem Fisch.

Doch zu lange bleibe ich nicht, denn mich verfolgt der Gedanke an einen Stefan, der mich eventuell suchen könnte. Ein Anruf später bringt die Klärung. „Ach, ich bin schon am Auto.“ Sagt die Stimme in meinem Handy.

Also schlendere ich langsam zur westlichen Seite der Stadt.

Hier am Wasser kann ich der Sonne beim Untergehen zusehen. Glitzernd brechen sich die Strahlen auf der glänzenden Wasserfläche. Weiden und Gräser neigen sich im Wind und eine Fontäne mitten auf dem Wasser verspricht Erfrischung, ist jedoch zu weit weg, um dieses Versprechen auch einzulösen. Es wird Abend, hier ist es schön, es ist perfekt. Dann denke ich an Stefan, der treu im Auto auf mich wartet, und seufze. Zu lange bleiben kann ich nicht, das ist halt so eine Sache mit der Begleitung. Und meine Begleitung möchte am Neuen Markt in der Street Food-Spielecke abgeholt werden…

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