Was mein Opa damals sagte…

Was mein Opa damals sagte…

Wir sitzen in der Küche und ich weiß, dass eben noch im Wohnzimmer die Nachrichten liefen. Mein Opa kam herein und setzte sich zu mir. „Kasia.“ Sagte er. „Die Nazis in Deutschland raufen sich zusammen. Sie sagen, sie wollen wieder an die Macht. Pass auf, wenn du in Deutschland bist, denn du wirst immer fremd bleiben.“ 

So oder so ähnlich waren seine Worte. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, fand doch das Gespräch nicht, wie man meinen könnte, erst vor kurzem, sondern bereits vor rund mehr als fünfzehn Jahren statt. Damals lachte ich darüber. Ich glaubte ihm nicht. Ich dachte, er wolle mir Deutschland madig machen, will, dass ich zurück nach Hause komme; selbst noch vom Krieg traumatisiert sieht er den schwarzen Mann, wo gar keiner ist. „Opa.“ Sage ich. „Mach dir da mal keine Sorgen, die Nazis sind, wenn es welche gibt, nur eine kleine Randerscheinung. Ich lebe in diesem Land; wenn es denn eine solche Entwicklung gäben würde, dann würde ich das jawohl als erstes mitkriegen.“

Ich habe einen Kloß im Hals. Einen Kloß im Hals und einen Knoten im Bauch, der nicht mehr weggeht, und das bereits seit Wochen. Es ist ein immer präsentes Gefühl in der Magengrube, ganz latent, und es lässt mich nicht los. Mein Körper ist in Alarmbereitschaft, die ganze Zeit über. Seit ich die Nachrichten über Chemnitz verfolge. Und ich verfolge sie täglich, von Anfang an.

Es sind nicht die Ausschreitungen, die mich schockieren. Nicht die Eskalation. Denn all das überrascht mich in Wahrheit noch nicht einmal. Es ist nicht der Hass, es ist nicht die Gewalt. Nein, es ist etwas anderes.

Was mich wirklich bis ins Mark trifft, ist die willige Bereitschaft der Menschen, an all die Halbwahrheiten und die Hetze zu glauben. Menschen, die man kennt, Menschen, die man mag, dabei zuzusehen, wie sie den Fremdenhass befeuern, wie sie, ohne darüber nachzudenken, was sie da tun, einmal irgendwo gehörte Inhalte im Internet weitergeben.

Es ist die Freundin, die in ihren Facebook-Kommentaren von „Merkels Goldstücken“ spricht. Davon, dass das, was Flüchtlinge erlebt haben, „wohl so schlimm nicht sein kann, da sie ihre Frauen und Kinder daheim gelassen haben“, es seien schließlich vorwiegend „junge Männer, die da kommen.“ Dass ein paar abgebrannte Flüchtlingsheime „einen Mord nicht rechtfertigen“. Natürlich tun sie das nicht, und so soll das nicht verstanden werden. Doch wie hat man die Menschen denn hier empfangen? Mit Feuer?

Es hätte in Chemnitz gar keine Nazimärsche gegeben; das seien alles nur Trauerbekundungen gewesen. Denn es gäbe in Chemnitz überhaupt keine Nazis. Den Hitlergruß habe ein einzelner „Obdachloser“ gezeigt. Mit Obdachlosen verhält es sich ähnlich wie mit verstorbenen: sie müssen für vieles herhalten, denn sie können sich nicht wehren.

Der Berichterstattung solle man nicht trauen, sagt sie, denn die Medien ließen sich von der Regierung instrumentalisieren. Fakten seien keine Fakten, Hetzjagden hätte es nie gegeben. Es sei keine Hetzjagd, wenn ein paar Ausländer auf die andere Straßenseite getrieben werden. Und zack – so schnell ist man damit beschäftigt, zu definieren, was als eine Hetzjagd gilt und was nicht.

Der Moment, in dem du merkst, dass du mit Argumenten, egal wie wahr sie sind, nichts erreichen kannst. Dass jemand, den du magst, nur das glaubt, was er glauben will. Wenn du merkst, wie blind die Menschen sind, wie sehr sie die Augen verschließen. Und du nichts tun kannst.

Ja, es ist nicht die offene Aggression, die mir Angst macht. Darauf kann man antworten, auf die eine oder andere Weise. Nein, es ist die unterschwellige Grausamkeit der Menschen, die sich selbst gar nicht für grausam halten. Grausamkeit, gepaart mit Ignoranz, von Leuten, die du selbst bis dahin noch für gute Menschen hieltest. Diese camouflierte Aggression macht mir am meisten Angst, denn sie kommt verborgen, sie schleicht sich an. Nein, du kannst nicht sagen, du seiest ein guter Mensch, wählst aber die AfD. Das funktioniert nicht. Du kannst nicht sagen, du verteidigst christliche Werte und die Menschlichkeit dabei vergessen. Das geht nicht.

Besagte Freundin ist auf meine Entscheidung hin keine Freundin mehr. Wie traurig, sagte sie mir; sie sei so enttäuscht darüber, dass man sich nur aufgrund unterschiedlicher politischer Ansichten trennt.

Fremdenfeindlichkeit ist keine politische Ansicht.

Nie werde ich den Tag vergessen, damals, als ich mit meinen zwölf Jahren am ersten Schultag vor meiner neuen Lehrerin stand und sie mich mit einem Lächeln willkommen hieß. Ich verstand damals kein Wort, doch ließ sie mir das Gesagte von einer anderen, polnischen Mitschülerin übersetzen. Am nächsten Tag bekam ich ein kleines Päckchen, darunter ein Gedicht:

„Im Dunkel scheint dein Licht.
Woher, ich weiß es nicht.
Es scheint so nah und doch so fern.
Ich weiß nicht, wie du heißt.
Was immer du auch seist:
Schimmre, schimmre, kleiner Stern!“

 

Liebe Deutsche, ich bin von Euch damals sehr gut und sehr warm aufgenommen worden. Ich habe Euch als überkorrekte, doch offene und neugierige Menschen kennen gelernt, die vieles dafür taten, um mir die Anfänge hier leichter zu machen. Ich habe Eure Sprache sehr schnell gelernt, und Ihr wurdet nicht müde, mir zu versichern, wie toll und wie wichtig Ihr das findet. Und ich habe mich wohl gefühlt.

Natürlich gab es auch vereinzelt Fälle von Diskriminierung. Doch die habe ich ehrlich gesagt nicht wirklich als solche empfunden. Denn ich habe so schnell ein Selbstverständnis entwickelt, hier zu sein, dass es mir nicht mal entfernt eingefallen wäre, die Vorfälle hätten etwas mit meiner Herkunft zu tun.

Ich denke, nach über zwanzig Jahren in diesem Land habe ich mich ziemlich gut integriert. Ich beherrsche Sprache und Schrift inzwischen besser als mancher Muttersprachler, habe eine gute Ausbildung und einen guten Job, bin über das politische Geschehen auf dem Laufenden und kenne das Land besser als mein eigenes. Im Ausland, egal, wohin es mich verschlägt, bin ich immer „die Deutsche“. Ich gehöre hierher.

Doch seit kurzem fühle ich mich nicht mehr wohl. Seit den Vorfällen in Chemnitz fühle ich mich nicht mehr wohl, irgend eine latente Angst in mir, so ein Gefühl, das ich nicht erklären kann, sagt mir, all die Vorfälle hätten noch etwas ganz anderes ausgelöst.

Liebe Deutsche, ich sehe Euch inzwischen mit anderen Augen. Wenn ich auf die Straße gehe, sehe ich all die blassen Gesichter um mich herum, sehe Euch mit der Korrektheit, mit dem praktischen Kleidungsstil, mit all den für Euch typischen Macken, die Euch so liebenswert machen… und es ist nicht mehr so, wie früher.

Wenn ich auf die Straße gehe, in die Gesichter blicke um mich herum, von Bekannten, Nachbarn, Fremden… inzwischen habe ich Angst vor Euch. Denn ich weiß nicht, was Ihr denkt. Ich fürchte Euch, fürchte Eure bürgerliche Mitte mit ihren Kaffeekränzchen, der Eckkneipe und der Schlagermusik, die die AfD wählt. Fürchte den Wolf, versteckt unter dem Spießertum. Begegne Euch mit Misstrauen, denn ich weiß nicht, was Ihr denkt, wenn Ihr mich ansieht.

Es ist der Bekannte aus dem Bikerverein, der mir schreibt, man solle zunächst mal sein eigenes Land aufbauen, ehe man flüchtet. Seine Eltern hätten genau das getan.

In einem Krieg, in beinahe jedem Krieg wird zuallererst das schwächste Glied vernichtet, und das sind die Minderheiten. Wie kann eine Minderheit, die unter Repressionen der eigenen Regierung leidet, helfen, ein Land aufzubauen. Wie hätten die Juden unter dem Naziregime das tun können. Wer flüchtet denn schon freiwillig, verlässt seine Heimat, obwohl er bleiben könnte? Doch wohl jemand mit entweder ganz viel Abenteuergeist – und den haben wenige – oder jemand, der sich dazu gezwungen sieht. Immer wieder erstaunt mich ein solches Ausmass an unreflektierter Ignoranz. Sollte es hierzulande zu Verfolgungen kommen, schrieb ich ihm zurück, würde ich als Polin laufen, soweit mich die Beine tragen können.

Es ist die ehemalige Mitschülerin, die immer wieder Posts teilt, die die Stimmung und die Hetze aufheizen. Es ist die Familie meines Ex-Mannes, die immer mal wieder über die „Türken“ oder die „Chinesen von nebenan“ schimpfte oder auf ihre Kosten Witze machte. Unterschwelliger Rassismus, schon damals, vor acht Jahren, der sich nun wie eine Welle seinen Weg bahnt. Es sind Bekannte, Kollegen, Menschen, die ich mag. Menschen, die ich nicht verstehe. Und das macht mir Angst.

Einige sagen, die Geschichte kommt zurück. Vielleicht ist das zu weit gedacht, vielleicht auch zu dramatisch. Vielleicht aber auch nicht. Denn wer hätte sich damals ausmalen können, 1933, was anschließend alles geschehen würde.

Lange Zeit war ich sicher, ich könne für immer bleiben. Eine Rückkehr nach Polen wäre, im Gegensatz zu meiner Mutter, nie eine Option für mich gewesen.

Noch habe ich Zeit. Ich bin blond und blauäugig, ich falle nicht auf. Noch schwimme ich unter dem Radar und mit wirklichem Fremdenhass bin ich persönlich noch nicht konfrontiert, wohl aber des öfteren Zeuge davon geworden. Der ältere Mann, der eine junge Frau beschimpfte, die ein Kopftuch trug. Die andere Frau, die ihm danach zustimmend zulächelte.

Doch das waren bis dato Einzelfälle. Und da ich nicht betroffen war, wollte ich an diese Dinge nicht glauben. Bis mir meine Freundin persisch-armenischer Herkunft erklärte, dass solche Diskriminierungen durchaus an der Tagesordnung sind.

„Du bist blond.“ Sagte sie. „Du bekommst das gar nicht mit. Wenn ich dagegen in ein Geschäft gehe, steht gleich eine Verkäuferin neben mir und passt auf, dass ich nichts klaue.“ Meine Freundin hat ihre eigene Strategie entwickelt, um dieser Art von Umgang vorzukommen. So hat sie zum Beispiel ihre Sprachweise perfektioniert, um mit ihrer gebildeten, eloquenten Ausdrucksweise nicht die gängigen Vorurteile zu bestätigen. Ihr elegantes Auftreten und ihre Bildung bringen sie weit weg jenseits gängiger Klischees.

Es wird immer schwieriger für Menschen, die eindeutig anders aussehen, hier zu leben. Ermutigt durch salonfähigen Rassismus kommt der Wolf in den Menschen zum Vorschein. Plötzlich kann man scheinbar alles sagen, bekommt dafür Beifall. Das Internet verbreitet die Hetze besonders schnell und zielgerichtet. Ich glaube nicht, dass sich das wieder legt. Wie sollen Menschen, die sich tagtäglich mit Anfeindungen konfrontiert sehen, hier leben? Ich dachte lange Zeit, den Rassismus in Deutschland hätten wir, bis auf ein paar unsoziale Ausnahmen, längst überwunden. Weil wir gelernt hätten. Und dann kam die AfD. Scheinbar volksnah. Und hat erst nach und nach ihr wahres Gesicht gezeigt. Und plötzlich durfte man alles sagen. Ungestraft. Einfach so. Wie soll die Gesellschaft da wieder zurück rudern können?

Dieser Beitrag enthält einige Pauschalisierungen, wofür ich mich im Vorfeld entschuldigen möchte. Natürlich ist der größte Teil der Deutschen nicht fremdenfeindlich oder spießig und es trägt auch nicht jeder praktische Funktionskleidung😀Die Verallgemeinernden Beschreibungen dienen hier lediglich dazu, (m)einen subjektiven Blick auf die derzeitige Entwicklung wiederzugeben.

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