Das Amazing-Thailand-Festival

Das Amazing-Thailand-Festival

Es war einmal…

Mit diesem Worten fängt oft alles an. Es war einmal.

Es war einmal ein thailändischer König. Und er tat, was Könige so tun – er regierte sein Volk gut und weise (Achtung, Märchen-Aspekt 😉 ). Doch der König wurde krank und siechte vor sich hin, und kein Mediziner weit und breit konnte ihm helfen. So begab er sich auf eine lange Reise in ein weit entferntes Land, das berühmt war für seine heilsamen Quellen. In einem der Kurorte verbrachte der König ab sofort einen Großteil seiner Zeit, um Heilung zu erlangen, und tatsächlich – schon bald darauf ward er genesen. Um seine Dankbarkeit auszudrücken, schenke der thailändische König dem Kurort eine kunstvolle Pagode, die seit der Zeit im Kurgarten des Ortes steht. Beide Länder verbindet seit dieser Zeit eine tiefe Freundschaft.

Ein schönes Märchen – nur dass dies kein Märchen ist. Den thailändischen König gab es wirklich – es war König Chulalongkorn, der von 1873 Thailand 42 Jahre regierte, und der Ort, an dem der erkrankte Herrscher seine Heilung fand, ist Bad Homburg, wo seit über zwanzig Jahren das alljährliche, traditionelle Thai-Festival stattfindet, eines der größten Events dieser Art in Deutschland. Über dreißigtausend Besucher strömen jährlich in den Ort, aus dem Inn- als auch aus dem Ausland.

Als wir ankommen, erwarte ich fast schon, dass wir zu den wenigen, wenn nicht sogar den einzigen Weißen auf dem Festival zählen. Doch da soll ich mich irren.

Wir stellen die Motorräder auf dem Bürgersteig einer Seitenstraße ab. Es ist sehr warm – Helm und Jacken lassen wir an den Maschinen hängen, doch auch die schweren Stiefel, mit denen wir den Nachmittag über auf dem Gelände herumstampfen wollen, sind eine grenzwertige Sache.

Das Amazing-Thailand findet im Kurpark des Kaiser Wilhelm Bades statt. Schon von weitem sehe ich die Festivitäten, doch als erstes fällt mir das sich doch sehr häufig wiederholende Bild des älteren, deutschen Herren mit der kleinen, thailändischen, teilweise jüngeren Frau ins Auge. Ich weiß eigentlich nicht, wieso mich der Anblick wundert, doch vielleicht ist es etwas anderes, sich mit derlei Klischees mental auseinander zu setzen oder sie volle Bandbreite vor den Latz geknallt zu bekommen. Ich gehöre zu den Menschen, die Klischees als das enttarnen möchten, was sie zu sein scheinen – nämlich veraltete, per Mundpropaganda überlieferte, kaum noch zutreffende Stereotypen. Doch dass diese sehr wohl ihre Berechtigung haben, damit rechnete ich irgendwie nicht.

Ein langer Kiesweg, über den sich die Besucher schieben, ist mit Imbiss- und Verkaufsständen zugepflastert. Sie bieten alles an, wirklich alles: süßes Gebäck, Essen, mit Goldfäden bestickte Kleider, Wandbilder, Obst, thailändisches Bier. Interessiert betrachte ich die ausgelegten Waren. Mit Sicherheit ist viel Ramsch dabei, doch alles in allem sind sie schön anzusehen. Helle, hohe Stimmen schwirren um uns herum, rufen und reden in einem uns unvertrauten Sprechrhythmus. Hier lasse ich mich, wie man so schön sagt, treiben – vom Verlaufen im Bad Homburger Stadtpark kann eh keine Rede sein. Ich kaufe mir Süßgebäck, etwas, das aussieht wie grüne, runde Bälle und aus einer Mischung aus Eiern, Mehr, Zucker und Kokos besteht. Es schmeckt süß, etwas mehlig, aber gut, und anschließend setzen wir uns mit je einem Teller gebratener Gemüse-Nudeln an ein Treppchen im Schatten.

Die Rasenflächen sind, soweit das Auge reicht, voller picknickender Menschen, ganze Familien sitzen auf ihren Decken und lassen es sich gut gehen. Wieder begegnen wir dem inzwischen vertrauten Bild der stereotypisch multikulturellen Familie, doch haben sich unsere Augen bereits daran gewöhnt. Und immerhin, es scheint zu funktionieren, viele dieser Paare sind augenscheinlich schon seit Jahren zusammen und genießen gemeinsam den Lebensabend. Und immerhin bringen die deutschen Lebenspartner das Interesse mit, die Thai-Kultur kennenlernen zu wollen, sonst wären sie nicht hier… ich schwanke, versuche, das Klischee-Denken wieder zu verlassen. So ganz gelingt mir das nicht.

Während sich Stefan für die nächste Zeit im Gras ausstreckt, gehe ich auf Wanderschaft. Viel zu erwandern gibt es allerdings nicht, denn bereits ein paar Schritte weiter komme ich zu der Bühnen-Muschel, auf der im Stundentakt Aufführungen stattfinden. Ich schnappe mir eines der ausgelegten Programme: gerade werden thailändische Dehnübungen und Entspannungstechniken gezeigt. Auf Bankreihen sitzen die Zuschauer und daneben ist ein Zelt mit verschiedenen Attraktionen aufgebaut. Hier kann man eine Massage genießen, sich bei einem Workshop aus grünen Grashalmen einen Hut basteln oder bei der Herstellung handgefertigter Stoffe zuschauen. Ich kaufe einen Los für die Tombola – der Erlös geht an ein Elefanten-Krankenhaus in Thailand und der Hauptgewinn ist ein Flug nach Bangkok mit Weiterflug Übernachtung in Phuket. Im Geiste sehe ich mich schon mit Thai Airlines vom Frankfurter Flughafen abheben und über den Wolken schweben. Fünf Euro kostet das Los.

An der Bühne beobachte ich die Darbietung der Tänzer. Die Thais sind schon faszinierende Leute: die männlichen Tänzer tragen Lippenstift, geschminkte Augen und lasziv-lange Wimpern zur Schau, zusammen mit üppig glänzenden, Glitzerstein besetzten Kostümen, und sie scheinen die Inszenierung richtig zu genießen. Was für unser Auge ungewöhnlich erscheinen mag, lässt sich hier vielleicht mit dem kulturellen Aspekt erklären. Mit langsamen Bewegungen und dem immerwährenden Lächeln auf den Lippen dreht sich der Tänzer im Kreis. Die Tänze erinnern mehr an Figuren, langsam ausgeführte Bewegungen beinhalten viele Handgesten.

Langsam schlendere ich zurück. Irgendwie fühle ich mich hier fremd. Nein, das hat nichts damit zu tun, dass alles anders ist – vielmehr macht sich in mir der Gedanke breit, wie man denn eine Kultur kennenlernen will, wenn man nichts von alledem hier wirklich versteht. Viele Eindrücke, viel Exotik für unser Auge, viel Kunterbunt – doch oftmals reicht es darüber nicht hinaus. Zudem bemerke ich, dass viele Thais, die ich anrede, gar oder nicht viel deutsch sprechen. Und Gespräche ergeben sich auch so kaum, vielleicht liegt es auch an mir selbst, ich weiß es nicht.

Auf dem Rückweg entdecke ich einen Massage-Stand. Die Masseure bearbeiten ihre Kunden mit einem Holzhammer und einem Stück Holz und „klopfen“ so augenscheinlich die Verspannung aus dem Körper raus. Ein Mönch in orangener Kutte und einem stillen Lächeln beobachtet das ganze. Die Kunden werden gleich am Wegesrand behandelt und um die Szene hatte sich längst eine Zuschauertraube gebildet. Viele schauen skeptisch. Doch obwohl die Masseure den Hammer feste schwingen, sehen die Kunden dabei nicht leidend aus. Eine junge Frau hat ihre Augen geschlossen. Ich bin skeptisch ob der Effektivität, denn wie so ein Hämmerchen all die verspannten Muskeln und Knötchen finden soll, ist mir unklar – doch irgend etwas scheint es ja zu bringen.

Stefan, den ich dazu hole, schaut genauso skeptisch wie ich. Vergeblich versuche ich, ihn dazu zu bringen, sich unter den Hammer zu begeben. Wie schade…

Zusammen schauen wir uns vor der Bühne weitere Tanz- und Kampfkunstaufführungen an. Irgendwann beginnt die Musik mit ihren hohen Lauten, in unseren Ohren zu klingeln und wir ziehen uns auf den Rasen zurück.

Ja, es ist eine grenzwertige Sache, mit Motorradkleidung im Hochsommer auf ein Festival zu gehen. In den Motorradstiefeln beginnen meine Füße zu brennen. Ich lege mich auf den Rasen und schlafe ein, sei es nur für Sekunden.

Es ist später Nachmittag und im Grunde würden wir jetzt nach Hause fahren, wenn die Tombola nicht wäre. Die Verlosung findet gegen 18 Uhr statt – solange müssen wir uns noch gedulden. „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, zu gewinnen?“ Fragt mich Stefan, doch ich würge diesen Gedanken gleich im Keim wieder ab und erkläre ihm, dass es nicht auf die prozentuelle Wahrscheinlichkeit ankommt. „Du kannst auch zehn Lose da drinnen haben, es kann trotzdem sein, dass keines davon gezogen wird. Es ist auch wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden als in Lotto zu gewinnen, und trotzdem ist diese Tatsache den Menschen, die gewonnen haben, zurecht herzlich egal. Es braucht nur ein einziges Los gezogen zu werden – meines!“ Wie gesagt, in Gedanken sehe ich mich bereits mit dem Flieger abheben…

Als wir zur Bühne zurücklaufen, geht gerade eine weitere Tanzvorstellung zu ende. Ein thailändischer Musiker wird angekündigt, er ist eine bekannte Größe in Thailand und über die Grenzen hinaus. „Alle Thais kennen ihn, vor allem aber die Damen – und wäre der Herr eine Frau, dann wäre er wohl eine Helene Fischer.“ Sagt der Moderator. Und als der Künstler die Bühne betritt, sehe ich, dass er Recht hat: die Thais flippen aus. Eine seltsame Eigendynamik erfüllt plötzlich die Luft und ich beobachte interessiert, wie sich die Stimmung um uns herum verändert. Ist Thailand das Land des Lächelns, denke ich, dann lächeln sie jetzt noch mehr; das hier ist keine Vorführung für Zuschauer, das hier ist etwas „echtes“, das hier ist etwas für die Thais selbst, und zum ersten Mal verstehe ich den Unterschied.

„Die älteren deutschen Männer sehen gerade ziemlich verloren aus.“ Grinst Stefan. Ich schaue mich um, und er hat Recht: die Herren sitzen wie versteinert da, mit unbewegten Gesichtern und verschränkten Armen, während ihre Frauen jubelnd und klatschend dem jungen Sänger zurufen und rote Rosen zustecken.

Doch nicht nur Blumen bekommt der Sänger mit auf die Bühne, sondern auch Geld. Es scheint in Thailand üblich zu sein, Künstlern Geldscheine zu reichen, das konnte ich bereits bei den feminin geschminkten Herren während der Tanzvorstellung zu beobachten. Und auch hier sind es mal zehn, mal zwanzig Euro Scheine, die aus den ausgestreckten Zuschauerhänden in die Hände des Mannes wandern. „Warf man denn früher nicht mit Höschen?“ Ich wundere mich.

Die Tombolaverlosung verzögert sich um einige Minuten, denn der Sänger gibt eine Zugabe nach der anderen. Zwischenzeitlich tauchen die beiden Moderatoren mit scheuem Lächeln auf der Bühne auf, und ihrem Mienenspiel nach lässt sich leicht erraten, worum es ihnen geht. Wie sagen wir ihm denn jetzt höflichst, dass er über seine Zeit drüber ist? Doch dann geben sie auf und ziehen sich zurück. Eine weitere Zugabe folgt.

Bei der Tombolaziehung hole ich mein Los raus. Es wird spannend, da je nur die einzelnen Zahlen der dreistelligen Nummer, beginnend mit der letzten, vorgelesen werden. Bereits bei der ersten Ziehung wird klar, dass es für mich nichts wird: es ist die 919.

Doch der Besitzer der Nummer 919 lässt sich nirgendwo blicken. Dreimal hintereinander wird die Nummer ausgerufen, anschließend folgt eine neue Ziehung, bei der ich wieder im Rennen bin.

Das Rennen macht jedoch schließlich ein altes, thailändisches Mütterchen, der man den Hauptgewinn auch gönnt. Die ältere Frau bekommt auf der Bühne vor lauter Glück kein Wort heraus, und verlässt unter lautem Applaus die Bühne, die Flugtickets fest an sich gedrückt und, wie ich finde, besser hätte es das Schicksal gar nicht treffen können.

Auch sie hatte nur ein einziges Los gekauft.

Anschließend geht es nur noch um die vier Trostpreise, die unter den restlichen Teilnehmern verlost werden. Entspannt lehne ich mich zurück, denn Vitalkapseln und diverse Pflegeprodukte kann ich nicht so wirklich brauchen. Auch der Trolli, der mit verlost wird, passt nicht aufs Motorrad. Aus reiner Neugier verfolge ich jedoch die Ziehung.#

„…drei!“

Ich schaue auf mein Los. Sechs-acht-drei. Drei war die letzte Zahl. Und plötzlich, auf meiner Bank nach vorne gebeugt, verfolge ich gebannt jede Regung des Moderators.

„…acht!“

Oj, verdammt! Wie soll ich bitteschön den großen, schwarzen Trolli, der da auf der Bühne steht, auf meine Maschine kriegen? Vielleicht binde ich ihn mir hinten auf den Sitz…?

„…fünf!“

Mit einem Seufzer lasse ich die Luft aus meinen Lungen entweichen. Kein Trolli – kein Problem. Aber schade irgendwie. Und lustig zugleich. Weitere Nummern werden gezogen, doch so nahe wie jetzt komme ich einem Gewinn nicht mehr.

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