Lüttich in Belgien – Leben und genießen

Lüttich in Belgien – Leben und genießen

Das erste Mal sehe ich Lüttich von der Rue de Campine aus. Ein kleiner Ausschnitt der Stadt und die St. Martin Kathedrale eröffnen sich mir, als ich die steil abfallende Straße auf der Suche nach einem Parkplatz befahre. Die Rue de C. laufe ich anschließend zu Fuß nochmals ab – einfach, weil sie mir so gut gefällt. 

Die roten Ziegelsteinhäuser erinnern mich an Dänemark, dicht an dicht stehen hier die Villen beieinander und allein schon, weil die Bauweise so ungewohnt, so anders ist – ein wenig fremd – bleibt mein Auge daran hängen. Ich entdecke spannende Details wie die angestaubten Buntglasfenster aus dicken Glasquadern in den Eingangsbereichen der Häuser oder schmucke, doch inzwischen völlig obsolete Kacheln, mit bunten Mustern versehen, und auch die unter grauen schindeln herausschauendes Stück bunt bedruckter Tapete lässt eine Ahnung aufkommen von der vergangenen Pracht dieses Teiles der Stadt.

Wie der bröckelnde Putz, der vom Balkongeländer einer ehemals schneeweißen Villa blättert, die stolz und anmutig in der Abendsonne steht und vor der Äste der blühenden Apfelbäume sich verneigen. Der morbide Verfall tut ihrer Schönheit keinen Abbruch, im Gegenteil kommt sie dadurch noch stärker zum Vorschein.

Die äußeren Bezirke der Stadt scheinen fest von Lüttich‘ schwarzer Bevölkerung zu sein, ich muss daran denken, was ich alles über die Ghettobildung in Belgien gehört hatte.

Ich folge der Beschilderung zum Stadtzentrum. Menschen kommen mir entgegen. „Bonjour!“ „Bonjour!“ Hier in Belgien grüßt man sich. Auf der Straße, im Vorbeigehen. Einfach so.

Junge Menschen belegen die grünen, schattigen Rasenflächen, sitzen mitten in der Stadt auf Decken da, reden und chillen. Rasen betreten verboten ist hier glücklicherweise nicht. Wie schön.

An einer Kirche vorbei führt eine absteigende, gepflasterte Straße hinunter in die Altstadt. Ja, Lüttich hat einiges an Höhenmetern aufzubieten; wer hier unterwegs ist, sollte gut zu Fuß sein.

Doch zunächst präsentiert sich Lüttichs Innenstadt supermodern. Ich passiere Geschäfte, Cafes, bin auf einer Einkaufsmeile unterwegs. Die von mir erwartete, historische Altstadt zeigt sich erst nach und nach.

Die Stadt scheint einen großen Anteil an Schwarzbevölkerung zu haben, zumindest entnehme ich diese Vermutung dem Bild, das mir meine Augen zuführen. Selbst der muslimische Bevölkerungsanteil scheint, zumindest rein optisch, unterzugehen. Füllige, reife Damen gehen in farbenfrohen, langen Kleidern mit afrikanischen Mustern an mir vorbei und ganz kurz fühle ich mich nach Namibia zurückversetzt.

Am Place St. Lambert komme ich an einem Markt vorbei und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. Da gibt es alles, alles an Leckereien, was sich ein hungriges Leckermaul nur vorstellen kann – Pasteten, Gebäck, Macarons, diverse Käsesorten, abgehangenen Schinken und Salami, Liköre und, und, und… Ich verliere mein Herz an ein Stück Orangen-Florentiner, welches wie eine Offenbarung schmeckt und welches ich dann beim Gehen verspeise. Schade, dass ich nur wenig Bargeld mit dabei habe, doch einerseits auch gut so, denn ich würde mich hier dumm und dusselig kaufen. Alles, das ich je über das exquisite französische Essen gehört habe, kommt mir wieder in den Sinn. Genießen wie Gott in Frankreich, nur eben in Belgien; dieser Spruch kommt nicht von ungefähr, unsere Küche muss ihnen ja geradezu karg vorkommen. Allein dafür, denke ich mir – allein dafür lohnt es sich, nach Lüttich zu kommen, wenn schon nicht für Sightseeing oder um die Stadt kennen zu lernen, dann zumindest, um sich durchzufuttern.

Eine Verkäuferin lächelt mir von einem der Stände strahlend zu, als ich in meinen Florentiner beiße. Allein schon für diesen Florentiner habe ich mich in die Stadt verliebt. Und wenn ich auch bisher zu wissen glaubte, gutes Essen sei für mich keine wirkliche Priorität, so haben sich spätestens hier in Lüttich beim dritten Biss in den Orangenflorentiner die Prioritäten gründlich verschoben.

Belgier sind unheimlich nette Menschen. Das behaupte ich jetzt einfach so. Man grüßt sich, man lächelt. Man rempelt sich nicht an und sollte es doch vorkommen, dass dir jemand aus Versehen urplötzlich in den Weg läuft, bleibt immer ein bisschen Zeit, um sich umzudrehen und pardon zu sagen. Natürlich mit einem Lächeln. So viel Zeit muss sein.

Wie weit, denke ich mir, ist es mit uns gekommen, wie abgehärtet müssen wir wohl inzwischen sein, dass uns (hier: mir) ein normales, freundliches Verhalten; ein Mindestmaß an Respekt und Freundlichkeit bereits in Hochstimmung versetzt? Das führt mir vor Augen, wie vielen größeren und kleineren Unfreundlichkeiten wir uns tagtäglich aussetzen und wie normal das für uns geworden zu sein scheint.

Ich setze mich in die Sonne, schaue auf die hohen Hausfassaden mit den zierlichen, geschwungenen Balkonen, betrachte die Fenster, die, dunkel und glänzend, wie ein Spiegel wirken für die ganze Stadt. Und die braucht sich nicht zu verstecken: sie strahlt im Sonnenschein und die Freude über den ersten, warmen Tag spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen wieder. Ganz Lüttich scheint herausgeströmt zu sein und sitzt nun an der Sonne, jede freie, nicht befahrbare Ecke der Stadt ist mit Stühlen und Tischen zugepflastert und in jeder Ecke kuschelt sich ein Lokal. Die Menschen sitzen da, essen und trinken. Eine verrückte Anzeige sagt mir, dass es an diesem warmen Apriltag angeblich 36 Grad sein wollen. Na dann…

Dann schlendere ich hier und da durch enge Gassen, wo in den verborgenen Ecken auch man ein Graffiti zum Vorschein kommt. Die Stadt hat bereits auf den ersten Blick sehr viele Facetten. Die alten Bauten und schmucken Hausfassaden koexistieren harmonisch mit der hippen Seite der Stadt. Orientalische und asiatische Shops, Gemüsehändler und kleinere Markets, die alles führen, führen hier mit der schicken Einkaufsmeile und der Altstadt ein friedliches Nebeneinander und prägen gleichzeitig das Stadtbild.

Ich finde mich an der Montagne de Bueren, der Soldatentreppe wieder; einer Treppe, die eigentlich eine Straße ist und heraus aus dem Stadtteil Or Chateau führt. Die Treppe diente im 18 Jahrhundert dem Zweck, Soldaten einen schnellen Zugang zum Stadtzentrum zu ermöglichen, wurde jedoch auch von denselben als ein kurzer Zugang zum damaligen Kneipen- und Amüsierviertel rege genutzt. Oberhalb der Treppe wartet ein Zitadelle-Park auf den ausdauernden Besucher mit Burgelementen und Stadtmauern.

Als ich davor stehe, stoße ich kurz die Luft aus. Was, da rauf?

Die Treppe hat 374 Stufen, unerbittlich ragt sie vor mir auf und ich denke mir: oh shit… Menschen gehen rauf und runter, scheinbar ohne jegliche Anstrengung, manche sitzen gechillt auf den Treppenstufen.

Ich beginne den Aufstieg.

Doch schnell weist mich meine Puste schmerzhaft in meine Schranken und ich werde langsamer. So eine Treppe ist wohl doch nicht ohne. Einige machen sich eine Freude daraus, die steile Hürde im Lauftempo hinauf zu joggen. Ein Mädchen mit Kopfhörern  und Musik in den Ohren läuft sportlich an mir vorbei, ebenso wie der muskulöser Jogger. Links und rechts der aufsteigenden Stufen befinden sich Wohnhäuser und Eingänge zu kleinen, geheimen Hinterhofgärten, entsprechend auch sind spielende Kinder auf den Stufen zu sehen. Wer hier wohnt, darf keine Gebrechen haben, denn barrierenfrei ist hier nichts!

Auf halber Höhe setze ich mich hin und schaue mir die Dächer der Stadt an. Lüttich von oben ist wirklich keine Augenweide, denke ich mir; zwei große, graue Hochhäuser verbauen den Blick. Der Jogger war inzwischen unten, ist umgedreht und joggt nun die Treppe wieder rauf. Ein Vater mit seiner Tochter kommt schnaufend nach oben, lächelt, als er mich passiert. Doch ich habe beschlossen, nicht weiter zu gehen und heute ausnahmsweise die fünfer gerade sein zu lassen. Ich fühle, wie sich mein Puls beruhigt. Ich muss da heute nicht hoch, da oben wartet nichts auf mich und nach der sechsstündigen Wanderung durch die Moore der Rhön muss es heute nicht schon wieder höher, schneller und weiter sein.

Ich fühle, wie es stiller wird um mich herum, wie die Zeit beginnt, langsamer zu werden. Kleine Menschen ganz weit unten kommen hinauf zu mir. Das Schnaufen der Jogger, der angestrengt an mir vorbei läuft. Die Dächer der Stadt, auf denen sich die Sonne bricht. Von irgendwoher unter mir dringt leise Musik an meine Ohren. Kirchenglocken. Der warme Wind. Der Kirschbaum im Garten neben mir. Der perfekte, verdichtete Augenblick.

Doch dann, als ich vollkommen ruhig bin, stehe ich auf und beginne wieder, die Stufen zu erklimmen. Kasia kann es wohl doch nicht lassen. Kinder spielen, eine getigerte Katze verfolgt mit schläfrigem Blick aus halb geschlossenen Augen meinen Weg, wundert sich wohl, was ich hier mache. Oberhalb der Treppe soll es wohl auch ein Krankenhaus geben. Für alle Fälle…

Oben angekommen sehe ich das Mädchen mit den Kopfhörern auf einer Bank sitzen und lasse mich neben sie fallen. Sie lächelt – ich lächle. Die Jogger drehen wieder ihre Runden.

„You are crazy, guys! All of you!“ Würde ich ihnen allen am liebsten zurufen, doch ich tue es nicht. Be der in Spa bereits nachgewiesenen Einsprachigkeit vieler Belgier käme darauf als Reaktion vermutlich nicht viel mehr als ein erstauntes „Pardon?“.

Der Weg hinunter ist einfach. Wieder in der Stadt scheint es, als seien die Cafes, wenn überhaupt möglich, noch voller geworden. Ich setze mich draußen an einen der Tische unter einen Schirm und einen grünen Blätterdach und bestelle eine Cola. Die Sonne senkt sich immer tiefer ab und das Licht bekommt wieder diesen warmen Glanz. Hier kann man komplett vergessen, dass gar nicht Wochenende ist, so voll sind die Lokale. Die Leute gehen aus, essen, trinken, treffen Freunde – leben einfach. Mittwochabend. Ich denke daran, dass es bei uns oftmals das Weggehen, das Ausgehen mit Freunden und gutes hochwertiges Essen gerade die Dinge sind, an denen wir häufig sparen. Hier spielt es keine Rolle. Es ist Lebenszeit, es ist Qualitätszeit.

Lüttich ist eine wundervolle, lebenswerte Stadt, pulsierend, erfüllt mit Leben, immer noch auf schöne Weise provinziell, immer noch nicht allzu touristisch. Lüttich ist zu schade für Sightseeing, obwohl es hier sicher auch einiges anzuschauen gäbe. Doch man kommt nicht hierher der Sehenswürdigkeiten wegen. Man kommt, um zu genießen, um die Lebenslust der Menschen zu spüren. Man kommt des Essens wegen. Man kommt einfach, um zu sein.

Ich verliere meinen Blick irgendwo in den Zweigen des Baumes, in den jungen Blättern, die im Wind mit ihrem zarten Grün mit den Strahlen der Sonne spielen. Verträumt schaue ich dem zu und nehme trotzdem alles wahr um mich herum: den Radfahrer, der sich zwischen den Stühlen manövriert; das Pärchen, das aufsteht, um zu gehen; die Frau, die ihre Jacke anzieht. Die Gespräche um mich herum, all die Geräusche kommen näher und entfernen sich, scheinen zu pulsieren, wie eine Woge, verschmelzen zu einem einzigen, machtvollen Rauschen, in dem hier und da ein Wort, das Klirren des Besteckts oder ein glockenhelles Lachen zu hören ist.

So klingt Lebensfreude.

Kurz holt mich der Gedanke an den morgigen Tag ein. Beinahe hätte es sich angefühlt wie ein Wochenende. Man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist.

Die Sonne auf meiner Haut, das wohlige Gefühl, die Wärme, die mir sagt, dass der lange, kalte Winter nun vergangen; endgültig vorbei ist.

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