Rumänien – Begegnungen

Rumänien – Begegnungen

Als nächstes bewege ich mich grob in Richtung des Cismigiu Parks, des ältesten Parks der Stadt. Ich passiere das Viertel Lipscani, welches in diversen Blogs als das Bukarester Trendviertel angepriesen wird und frage mich, ob ein paar Bars und Cafes sowie das eine oder andere Graffiti an den Wänden wirklich für diesen Titel ausreichen.

Ein Straßenverkäufer sitzt am Bürgersteig; ausgestellt hat er Schmuck wie Armbänder, Ohrringe und Ketten, alles in Handarbeit gefertigt. Ich erstehe ein Paar Ohrringe und bin erstaunt über den geradezu lächerlich niedrigen Preis von fünf Lei. und während der Mann mit seiner Zange weiter an einem neuen Schmuckteil werkelt, gehe mich mit meiner Beute weiter.

An einer groß belebten Kreuzung angekommen drehe ich wieder um, laufe zu dem Mann zurück und tue etwas, wofür mich die nachfolgenden Generationen an Reisenden vermutlich verdammen werden: Während ich ein zweites Paar Ohrringe kaufe, sage ich zu ihm: „Fünf Lei sind dafür zu billig. Sie sind hier in einem touristischen Viertel, Sie könnten sieben oder zehn Lei verlangen.“ Eine Gewissensfrage – der Mann hat sicher Frau und Kinder. Er bedankt sich verlegen.

Wieder an der Kreuzung muss ich mich neu orientieren. Ich befinde mich an dem I love Bukarest-Schriftzug, also muss ich wieder ein Stück zurück. Nach einem kurzen Zögern nehme ich die von außen wenig vertrauenserweckende Unterführung. Und bin, unten angekommen, ehrlich überrascht. Denn da, wo ich Uringestank und Obdachlose vermutet hätte, stehe ich in einer sauberen, modernen Halle mit Geschäften, Kiosken und Menschen, die hin und her eilen. Viele Menschen sind hier unterwegs, keiner lungert herum. Über Rolltreppen komme ich wieder nach oben.

 

Der Cismigiu Park

Der Cismigiu Park ist die älteste und größte Anlage in der Bukarester Altstadt, er hat eine Fläche von 17 ha. Die Straßen werden umringt von grünen Bänken mit geschwungen, massiven Lehnen. Sie reihen sich aneinander auf beiden Seiten des Weges, so dass niemand um eine freie Bank kämpfen muss. Rasen betreten ist hier nicht verboten und so sitzen Jugendliche auf bunten Decken und picknicken, andere flanieren die Kieswege entlang. Wer möchte, kann sich ein Boot mieten und zwischen den tiefhängenden grünen Zweigen, unter Brücken hindurch oder an Enten vorbei den See entlang schippern.

Die obligatorischen Cola bewerbenden Buden verkaufen Eis, Getränke und Snacks und sind in angenehmen Abständen entlang der Wege verteilt. Ein Mädchen, das auf dem Rücken seines Vaters sitzt, dreht sich immer wieder begehrig um und zeigt mit ihrem kleinen Finger  – sie hat das Eis in den Händen der Menschen gesehen.

Ein älterer Mann lehnt an einem abgeschnittenen Baumstamm und streichelt hingebungsvoll seine Perserkatze, die er auf einer Decke neben sich drapiert hatte. Die Perserkatze zieht ihr gelangweiltes Perserkatzen-Gesicht.

Ich ruhe mich aus. Endlich hinsetzen und nichts machen müssen, nicht auf eine Bestellung warten, nicht lächeln müssen, keinen Smalltalk. Das Einkehren in einem Lokal ist für mich keine Pause, es ist ein Zwischenstopp. Erst dann, wenn ich auf nichts und niemanden reagieren muss, wenn ich ein gelangweiltes Gesicht ziehen kann wie die Perserkatze zehn Meter weiter und meine Umgebung komplett ignorieren kann, erst dann entspanne ich wirklich.

Die Sonne ist kurz davor, unterzugehen. Bis es dunkel wird, sind es vielleicht noch anderthalb- bis zwei Stunden Zeit. Und obwohl ich sehr gerne der Empfehlung folgen wollte, den Unirii Boulevard bei Nacht entlang zu spazieren, fühle ich mich im Moment einfach nur noch müde. Die Umhängetasche hängt schwer an meiner Schulter, der Gurt frisst sich unangenehm in meine Haut und mein Rücken verspannt nach und nach immer mehr – nicht mal das häufige Wechseln der Belastung kann daran etwas ändern.

So laufe ich langsam in Richtung des Hostels, vorbei an den sprießenden Fontänen, die ich wohl kitschig bunt beleuchtet dieses Jahr nicht mehr erleben werde. Ich tröste mich mit dem Gedanken, nächstes Jahr wiederzukommen – für länger.

Immer wieder im Laufe des Tages wurde ich von den Menschen auf rumänisch angesprochen; ich fiel als Touristin erst auf, wenn ich den Mund aufmachte. Noch nicht einmal die Tatsache, dass ich mit meinem Handy fotografierte, änderte etwas daran; sogar die Mitarbeiterin eines Fitness Studios sprach mich auf der Straße an, um mir ein Fitness Abo ans Herz zu legen (hm, ich mache mir wohl später mal Gedanken darüber…). Erst als ich mit ihr englisch sprach, wurden ihre Gesichtszüge immer länger.

So mache ich nun auf dem Heimweg die Probe aufs Exempel und kaufe in einem kleinen Market außerhalb vom Stadtzentrum eine Cola. Die Verkäuferin, beschäftigt mit Telefonieren, stutzt nicht einmal, als ich ihr mit starkem deutsch-polnischen Akzent ein „la revedere“ wünsche. Und ich frohlocke darüber, nicht auf der Stirn „Tourist“ stehen zu haben.

Wieder im Hostel überraschen mich Gitarrenklänge: Paulo, unser Kolumbianer, hatte sich das Instrument von Daniel aus Hamburg geborgt und klimpert und singt vor sich hin. „Ich übe für meinen Vater.“ Sagt er. Hinreißend.

Später setze ich mich raus in den Garten, wo auch die Jungs üben. Ich sitze in der Sitzecke auf einem Kissen, welches schon bessere Tage gesehen hatte und doch Schutz vor dem eingestaubten Holz bietet, und das eingeschaltete, dämmrige Disco-Licht wirft kleine, bunte, im Kreis drehende Punkte in die Umgebung. Eine private achtziger Jahre Party mit Gitarreneinlage, nur für mich. Die bunten Lichter kreisen und wenn man selbst ganz, ganz still dasitzt, die Augen auf einen Punkt fixiert, kommt es einem vor, als würde man selbst schweben.

 

Der nächste Tag – Ich verlasse Bukarest

Ungeduldig stehe ich in der Schlange vor dem Scheck Inn Schalter, während eine mehrköpfige Familie gefühlt seit zwanzig Minuten abgefertigt wird. Was als heilloses Durcheinander begann, hatte sich nach und nach zu einer geordneten Menschenreihe organisiert und nun beobachte ich die Dame am Schalter und frage mich dabei, wo denn eigentlich das Problem liegt. Plötzlich höre ich neben mir eine schüchterne, weibliche Stimme. Ich schaue nach unten, wo die Stimme herkommt und sehe sie, eine kleine, unsicher lächelnde Frau mit warmen, braunen Augen: Amalia.

Sie beginnt sogleich, auf rumänisch auf mich einzureden, bis ich es irgendwann schaffe, sie zu bremsen. Doch auch ihr englisch ist ganz gut. Amalia fliegt zum ersten Mal und will anscheinend wissen, was sie mit ihrem Gepäck machen soll. Ich erkläre ihr, dass sie das Gepäck beim Check Inn gleich mit abgeben kann, doch irgendwie scheint sie die Info nicht ganz zufrieden zu stellen.

Nach einer Weile kristallisiert sich heraus, dass Amalia bereits von zu Hause aus eingecheckt hat und nun am Drop Inn Schalter nur ihr Gepäck hätte abgeben müssen. Doch nun bleibt sie neben mir stehen, denn wir sind sowieso gleich dran.

Als ich mich auf den Weg mache, um nach den Gates zu schauen, sehe ich sie wieder, etwas orientierungslos, hinter mir laufen. Anscheinend hatte sie sich vorgenommen, dorthin zu gehen, wo ich hingehe, also laufen wir zusammen weiter. Etwas überrascht bin ich, dass bereits in der großen Halle die Flugtickets überprüft werden und nach zwei weiteren Schritten finden wir uns direkt an der Sicherheitskontrolle wieder.

„Wo musst du hin, zu welchem Gate?“ Frage ich Amalia, als wir auch diese passierten. Zusammen laufen wir weiter. Immer mal wieder schaue ich nach ihr, als sie hinter mir zurückbleibt, um auf den Anzeigetafeln nach ihrem Gate für den Flug nach Istanbul Ausschau zu halten. Zufällig befindet es sich genau neben meinem.

Ich erfahre von Amalia, dass sie einen neuen Job in Istanbul angenommen hatte, was der Grund für diese Reise ist. Und auch ein ziemlich guter Grund, überhaupt zum ersten Mal im Leben in den Flieger zu steigen. Sie bedauert, dass ihr der Mann, der in der Schlange vor uns stand, keine Auskunft geben wollte. „Er wusste genau, zu welchem Schalter ich hätte gehen sollen. Er hat mich ja verstanden – er ist Rumäne, wie ich. Aber er wollte nichts sagen. Es ist doch nur eine Auskunft.“

Ja, denke ich, die Menschheit ist nicht nett. So prinzipiell, denke ich. „Denk nicht mehr dran.“

Als wir uns verabschieden, wünsche ich ihr alles Gute und sage ihr, dass sie keine Angst vor dem Fliegen zu haben braucht.
„Dir auch einen guten Flug.“ Sagt sie mit einem warmen Lächeln. „Du bist was Besonderes.“

Eine herzliche Frau.

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