Schönheit und Verfall – die Altstadt von Bukarest

Schönheit und Verfall – die Altstadt von Bukarest

Eine schöne Kirche fällt mir ins Auge. Wie in einen Bahn ziehen mich die sakralen Gesänge, die den Gläubigen aus draußen angebrachten Lautsprechern beschallen und der Geruch von Weihrauch, der sogar nach draußen zieht, steigt in die Nase. Eine Bettlerin, die am Tor sitzt, spricht mich an.

Vorsichtig betrete ich die Kirche, bleibe am Tor stehen und bewundere die kunstvollen Bilder, Ikonen, die üppigen Kronleuchter und die reichhaltigen, goldenen Ornamente. Ich bin der einzige Tourist, alle anderen Besucher sind hier, um zu beten. Das Kreuzzeichen machend verneigen sie sich vor den Ikonen; ein Kuss, dann gehen sie weiter. Ich fühle mich fehl am Platz inmitten all der geistigen Ergriffenheit. Eine Frau, ein rotes Tuch um ihre Haare gebunden, steht sehr lange vor dem Altar und betet. Eine streng blickende Dame in schwarzer Kleidung sitzt an einem Tisch an der Wand und schreibt etwas in ein Buch hinein.

Links vom Eingang kann der Gläubige sakrale Objekte wie Madonnenbildchen, Kruzifixe und Rosenkränze erstehen, rechts steht ein hölzernes Kästchen für die Kollekte und unten, in einer abschließbaren Glastruhe, überraschenderweise Mehl, Zucker und Öl – Lebensmittel können direkt in der Kirche gespendet werden und diese Idee ist mir sofort sympathisch, denn satt zu sein ist nicht für jeden selbstverständlich.

Wieder draußen lausche ich den Lautsprecher-Gesängen; irgendwie beruhigt mich das.

Die Bukarester Altstadt ist für mich ein kleines Phänomen. Noch nie hatte ich erlebt, dass morbide Schönheit sowie Verfall und Zerstörung so beieinander liegen können. Eben noch belebte Boulevards und gepflegte Gassen, eine Abbiegung weiter Graffitis, bröckelnde Wände, abgesprungener Putz, Zäune aus gewelltem Blech. Eine Gasse, die an einen Brennpunkt denken lässt, mündet weiter in schmucken Cafes und sehenswerten Kirchen – meine Damen und Herren, wir sind in der Altstadt!

Die ehemals prachtvollen Fassaden bröckeln jedoch auch hier. Die Verzierungen zerfallen, von der Zeit vergessen. Und doch kann man sehen, wie schön all das hier einst gewesen ist. Bukarest wird von vielen „Klein-Paris des Ostens“ genannt.

Und nein, es ist nicht so, als sei Bukarest eine vom Rest der Welt vergessene Stadt, denn hier sind sie, die Touristen, sie tummeln sich alle in der Altstadt, in viele geführte Gruppen aufgeteilt. Da hätten wir die Holländer, die Deutschen, die Chinesen (wie klassisch!), sie alle sammeln sich vor dem denkmalgeschützten Restaurant Hanu Berarilol, welches der Ausgangspunkt für ihren Rundgang zu sein scheint.

Im Innenhof stehen zwei Mädchen in Folklore-Kleidung und nehmen Reservierungen entgegen. Ein älterer Rumäne läuft mit einem Stock in der Hand herum, den er immer wieder auf verstörte Fußgänger richtet. „Pau! Pau!“ Ruft er laut. „Pau! Pau!“

Die Curtea Veche Kirche aus dem 15 Jahrhundert ist die älteste in der Stadt. Ich schlendere langsam hin; draußen sitzt eine alte Frau in einem dieser bunten Kopftücher, in denen die älteren Frauen hier aussehen wie wahr gewordene Babuschkas.

Als ich die Kirche betreten will, platze ich mitten in eine Taufe hinein. Gleich drei Geistliche haben sich um das Kind versammelt und sprechen ihre Gebete in monotonen Singsang. Es riecht nach Weihrauch und die Familie, hatte sich um den Altar postiert. Die junge Patentante im engen, todschicken weißen Kleid macht Fotos. Weiter hinten sitzen ältere Frauen und schauen ab und zu rüber zu den in den hinteren Ecken wartenden Touristen, und ich kann in ihren Augen erkennen, was sie denken: Können sie uns denn noch nicht einmal jetzt in Ruhe feiern lassen und draußen warten?

Ich verlasse die Kirche, ohne das Ende der Zeremonie abzuwarten.

„Möchten Sie etwas trinken?“ Höre ich von der Seite. Das zierliche, blonde Mädel in den Jeans-Hotpants ist dabei, Gäste in das Lokal an der Ecke zu lotsen. „Vielleicht später.“ Sage ich und werfe dennoch einen Blick in die Karte. Und vielleicht ist es die subtile Art der Menschen hier in diesem Land, die nicht überreden und nicht drängen will (es sind wohl eher die Zigarren auf der Karte), doch ich ändere meine Meinung und setze mich in den Schatten an einen der Tische.

Das Lokal ist um die Mittagszeit noch relativ leer, die Menschen laufen vorbei, wollen erstmal die Altstadt besichtigen oder sind in Reisegruppen nach vorgegebenem Zeitplan unterwegs. Ich sitze draußen mit einem Gin Tonic in der einen und einer Shisha in der anderen Hand und beobachte die Mädchen, wie sie freundlich, aber unaufdringlich die vorbeilaufenden Menschen ansprechen. Die Markise ist mit Dampfdrüsen ausgestattet. Sie gehen in regelmäßigen Abständen los und sprühen weißen Dampf in die Luft, der in der Sonne leuchtet und überallhin geweht wird; manchmal kommt sogar ein kleiner Hauch bei mir an.

Als eine Gruppe grölender Jugendlicher durch die kleine Gasse zieht, schäme ich mich ein wenig fremd.
„Was geeeht?!“ Ruft einer von ihnen angetrunken dem Mädel zu. Doch sie nimmt es mit Humor und die Gruppe zieht weiter.

Mitarbeiter eines zweiten Cafes schieben einen Einkaufswagen voller Getränke durch die Altstadt. Jemand anders trägt zwei Matratzen auf der Schulter vor sich her. Das Dröhnen eines Motorrads reißt mich aus meinen Gedanken, und so komme ich mit einer der Mädels ins Gespräch. Als ich ihr von meiner Maschine erzähle, leuchten ihre Augen seltsam auf. „Und wie ist es?“ Fragt sie mich. Sie erzählt mir, dass sie auch ihren Führerschein machen will. Motorrad zu fahren ist zwar gefährlich, das wisse sie, doch sie will es trotzdem.

Anderthalb Stunden später, die Sonne steht schon wesentlich tiefer, taumle ich mit etwas wackeligen Schritten (Alk plus Shisha gemischt mit Hitze…)  unbeirrt die Altstadt entlang. Von weitem ist die Nationalbank zu sehen, schick angezogene Menschen laufen an mir vorbei und an einer Hauswand sitzt eine alte Bettlerin. Die Kontraste hier sind groß.

Ein circa zehnjähriger Junge kommt auf mich zu und beginnt, auf rumänisch auf mich einzureden. Als ich seinen Irrtum aufkläre, fragt er mich in bestem englisch nach etwas Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen, sieht dabei jedoch weder verarmt noch schlecht angezogen aus. Ach, Junge, du solltest so etwas lieber nicht so jung lernen. Du solltest in der Schule sein – ach richtig, wir haben Samstag, mein Fehler. Dann solltest du zu Hause sein und lernen oder deiner Mutter beim Abwaschen helfen. Ich sehe, wie die Augen des Jungen bei meinem nein ganz kurz zu schmalen Schlitzen werden – eine Gefühlsregung, die er noch nicht unter Kontrolle hat. Er bleibt zurück und hält nach weiteren „Opfern“ Ausschau.

Eine Braut lässt sich, glücklich strahlend, an einer alten Kirche fotografieren. Ganz Bukarest ist an einem Samstag zu dieser Jahreszeit voll mit Bräuten: sie schlendern durch den Park, posieren für Bilder oder ihre Aufnahmen fürs Leben.

Bei der römisch-orthodoxen Biserica Stavropoleos handelt es sich eigentlich um ein Kloster. Der Name Stavropoleos kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Stadt des Kreuzes“. Die dem Kloster zugehörende Kirche ist den Erzengeln Michael und Gabriel geweiht und architektonisch ein schöner Stilmix mit byzantinischen, italienischen und orientalischen Einflüssen.

Die alten Fresken an den Außenwänden sind beeindrucken. Die Kirche ist ein Teil des Klosters und ein Stück weiter findet sich ein schöner, schattiger Innenhof. Steinerne Kruzifixe und Grabsteine stehen in seiner Mitte im Schatten der Bäume, Bänke und ein kleiner Tisch laden zum Ausruhen ein und eine schwarz gekleidete Nonne läuft eilig durch die schattigen Gänge.

Das Innere der Kirche beeindruckt mich noch mehr. Ich werde von einer Duftwolke aus Weihrauch empfangen, dessen Geruch sogar nach draußen dringt. Die Malereien an den Wänden spürten bereits die Einwirkung der Zeit, doch diese Mischung aus Gold und blätternde Farbe ist noch spannender. Die Gesichter der Heiligen sind stellenweise fast nicht mehr zu erkennen, es sieht fast so aus, als wären sie gezielt zerstört worden (später lese ich nach, dass einige der Wandmalereien während des kommunistischen Regimes zerstört wurde). Die Kuppel ist schmal und reicht hoch hinauf und ganz oben schaut ein von Engeln umringter Jesus auf den Betrachter hinab. Der Altar ist Gold- und sehr reich verziert und an den Wänden hängen Weihrauchgefäße. Ich setze mich auf eine Bank und beobachte, wie sich die Nonne ehrfürchtig bekreuzigt, ehe sie den Altarbereich betritt und mit einem weißen Tuch in der Hand beginnt, die goldenen Gefäße zu polieren. Auch andere Touristen haben sich hingesetzt und schauen sich um. Das sind die Momente, in denen man beinahe vergisst, die Kamera zu heben. Manche Orte sind einfach nicht mit einer kurzen Stippvisite abgehackt.

Gegenüber der Kirche befindet sich das Cu Bere, ein traditionelles Restaurant, welches in Reiseführern als Empfehlung gehandelt wird. Eine Frau in Folklore-Kleidchen fragt mich nach einer Reservierung. Ein Tisch im Inneren des Lokals sei frei, doch in einer Stunde müsste ich fertig sein. Ich bin einverstanden und werde hinein geleitet.

Cu Bere, die „Bierkutsche“, ist das älteste und beliebteste Restaurant in der Stadt. Es gibt das Lokal bereits seit 1879 – interessanterweise wurde es im 19 Jahrhundert von einem polnischen Architekten erbaut. Nach der Wende und der überstandenen Zeit des Sozialismus geht es seit 2006 immer weiter aufwärts. Die Plätze sind regelmäßig ausgebucht und ohne Vorreservierung läuft normalerweise gar nichts – Glück gehabt, würde ich sagen.

Die Einrichtung ist toll und kurz überlege ich, ob dies hier früher mal eine Kirche gewesen sein könnte, doch die Glasfenster belehren mich eines Besseren; sie zeigen typische Szenen eines Restaurants. Zu essen bestelle ich ein traditionelles rumänisches Gericht: Mamalyga, eine Art Griesbrei als Beilage sowie gegrillte Wurst- und Fleischsorten, dazu Sauerkraut. Obwohl es gut schmeckt, ist das Gericht so reichhaltig, dass es wie ein Stein im Magen liegt. Ich esse es nicht auf.

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