Bukarest – Heute und damals

Bukarest – Heute und damals

Das Gurren der Tauben weckt mich endgültig auf, nachdem es der Sonnenaufgang um halb sechs nicht vermocht hatte. Im Garten unter mir höre ich Stimmen – ein paar Leute aus dem Hostel haben sich im Schatten der Bäume niedergelassen.

Gestern Abend nach der Ankunft im Hostel wurde ich wieder von Stefan aus Holland in Empfang genommen. Ich hatte es geschafft, noch im Hellen anzukommen, denn laut Berichten sollte man in Rumänien nicht im Dunkeln über die Landstraßen fahren, da sie voller Schlaglöcher seien. Ich fand die Straßen bis dato ganz okay.

Mit Stefan, dem Holländer, hatte ich mich gestern Abend bereits unterhalten. Wir sind hier eine bunte Mischung aus aller Welt: da ist Paul aus Kolumbien, Chris aus New York, Daniel aus Hamburg. Der große Hund, ein Golden Retriever, versucht, das Kätzchen zu erwischen, welches aufgeregt und aufgeputscht wie eine Rakete durch den Raum schießt, als hätte es Cola getrunken. Wenn er die Katze kriegt, kneift er ihr spielerisch in den Nacken.

„Das ist das Schöne am Konzept von Hostels.“ Sagt Stefan. „Man ist miteinander und es ist anonym. Menschen aus aller Welt treffen sich hier, Menschen, die sich nicht in ihrer Hotelanlage einschließen, sondern wirklich etwas von der Welt sehen wollen.

In einem Hotel ist jeder für sich; man kann zwar an die Bar gehen, trotzdem ist man auch dort für sich, die einzige Konversation findet an der Rezeption statt: Bitteschön, Ihr Zimmerschlüssel.

Im Hostel ist es anders: schon bei der Ankunft durchquert man den Wohnraum, wo meistens jemand sitzt, und da man nicht einfach weiter gehen kann, ohne was zu sagen, kommt man so automatisch miteinander in Kontakt.“

Stefan selbst ist vor zwei Jahren aus den Niederlanden hierher gekommen und geblieben, denn er hatte sich in Land und Leute verliebt.
„Es war wie bei dir.“ Sagt er. „Alle hatten mich damals gefragt: Rumänien? Was willst du hier? Anfangs wollten mich meine Freunde hier nicht besuchen kommen. Ach, Rumänien, sagten sie, ich weiß nicht so recht. Doch dann zeigte ich ihnen die Berge, die Schlösser, die Wildnis, fuhr mit ihnen nach Constanti ans Schwarze Meer, und irgendwann sagten sie: Oh, okay… hier ist es doch ganz nice…“

Ich will von ihm wissen, wie es so ist, dauerhaft hier in Rumänien zu leben – ist es problematisch, sich etwas aufzubauen? Wie sieht es mit der Bürokratie aus?

Nein, für ihn sei es das nicht gewesen, sagt er, denn als Einwanderer aus bestimmten europäischen Staaten wie Deutschland, Holland, Norwegen oder Dänemark wird man vom rumänischen Staat unterstützt und kann viele Vorteile genießen. Für viele Rumänen ist es wohl nicht so einfach, hier zu leben, doch als Westeuropäer kannst du es dir hier sehr nett machen.

Auch investiert das Land verstärkt in den Tourismus, aber… „Die Rumänen wollen gerne ein touristisches Land sein, doch sie wollen es zu schnell. Überall schießen billig hochgezogene Hotellandschaften aus dem Boden und versprechen das schnelle Geld, doch das ist nicht das, was Besucher, die nach Rumänien kommen, sehen wollen. Man sollte es langsam angehen, Hostels, Ferienwohnungen und Pensionen fördern und vor allem an einem besseren Image des Landes arbeiten, an einem gewissen… Flair wie es Städte wie Barcelona haben. Und natürlich mehr internationale Werbung, das Land hat schließlich so viel zu bieten.“

Um halb eins gehe ich los, an den Blocks vorbei den Boulevard Unirii entlang und staune immer noch über den allgegenwärtigen Blütenduft, der so gar nicht zur Optik der Stadt und zu ihrem hektischen Verkehr passen will. Staune auch über die Elektrobuslinie, die ich nun in aller Ruhe betrachten kann und die Bezirke der Innenstadt miteinander verbindet. So fortschrittlich, und irgendwie will auch das nicht zu dem Bild passen, das ich mir in meinem Kopf von Rumänien gemacht habe.

Ich überquere belebte Kreuzungen, auf welchen man die Übersicht verlieren könnte. Woran erkennt man in Rumänien zweifelsfrei einen Ausländer? – frage ich mich an einer roten Ampel. Ganz klar – der Ausländer bleibt hier als einziger wirklich stehen…

Die sozialistischen Bauten ragen unförmig auf und umgeben die Kreuzung wie ein Ring. An ihren Fassaden – die unvermeidliche Reklame. Plakate, Tafeln, eine große Pepsi-Dose auf einem der Dächer; es scheint, als sei die ganze Stadt von Coca-Cola und Pepsi gesponsert worden. Kleine Kioske, bedruckt mit allgegenwärtiger Cola-Werbung, verkaufen Fast Food und Snacks.

An der Piata Unirii bleibe ich an einer Bäckerei stehen. Ein Blick auf die Uhr – eigentlich könnte ich um halb eins doch schon etwas essen. Die süßen Teilchen duften so schmackhaft in meine Richtung und verdrängen für einen Moment sogar den Blütenduft aus meiner Nase. Und schau, gleich ein paar Schritte weiter gibt es den Kaffee passend zu meinen süßen Teilchen!

Hier treffe ich Alex.

Alex macht mir meinen Latte Macchiato, stellt sich zu mir an den Tisch und fängt an zu reden.

„Sei vorsichtig, wenn du hier unterwegs bist.“ Sagt er, nachdem er hört, wie gut es mir hier in Rumänien gefällt. Schönes Land, schön und gut, aber pass auf deine Wertsachen auf.“ Auch Taxifahrten seien keine gute Idee, meint er und erzählt mir von einem Touristen aus New York, den er mal kannte. Dieser ging recht naiv an die Sache ran und buchte, ohne sich vorher über die Preise zu informieren, eine zweistündige Taxifahrt, die eigentlich in etwa 80 Lei kosten müsste. Der Taxifahrer hat ihm stattdessen 80 US-Dollar abgenommen.
„Wenn sie merken, dass du nicht von hier bist, ziehen sie dich ab.“

Früher, noch vor gar nicht so langer Zeit, war die Kriminalität viel präsenter gewesen. Touristen wurden auf der Straße in ein Gespräch verwickelt und abgelenkt, während ein anderer sie abgezogen hat.

Doch die Polizei macht einen sehr guten Job, erzählt er weiter. „Früher, da arbeiteten sie mit den Kriminellen Hand in Hand, doch seit einigen Jahren hatte sich das geändert.“ Das wichtigste sei die Bildung, denn nichts beugt Kriminalität besser vor. Früher machten nur ca. 20 Prozent der Studenten ihren Abschluss. Heute sind es wesentlich mehr geworden und viele machen auch Auslandssemester.

Ich spreche ihn auf die Elektrobusse an. „Ja.“ Sagt er. „Wir haben eine neue Bürgermeisterin, eine Frau; und sie hat viele Veränderungen eingeführt. Sie sprach mit den einzelnen Sektoren, denn die müssen sich erst einmal einigen.“

Bukarest ist in sechs Sektoren, die eigenständige Verwaltungsebenen darstellen, aufgeteilt. Jeder dieser Sektoren hat einen eigenen Bürgermeister. Die Oberbürgermeisterin Gabriela Firea hatte sich 2016 mit den einzelnen Verwaltungen auf die Beschaffung von 500 neuer Elektrobusse für die Stadt geeinigt. Ein Vertrag über die Auslieferung weiterer 400 Euro-6-Norm Fahrzeuge der türkischen Firma Otokar wurde laut Medien bereits unterzeichnet.

Wir stehen weiter da, sprechen über das Reisen. Auch Alex ist ein Reisender: Italien, Großbritannien und die Niederlande hat er bereits besucht. Nächstes Jahr möchte er mit Freunden nach New York reisen. „Ich spare mein Geld nur für das Reisen auf, alles andere ist für mich zweitrangig.“ Sagt er voller Überzeugung.

Irgendwann gehe ich weiter. Mein Latte ist leer, von dem Gebäck habe ich nur zwei Bisse genommen. Ich komme am, zugegebenermaßen beeindruckenden, Regierungspalast vorbei, dem nach dem Pentagon zweitgrößten Regierungsgebäude der Welt. Beim Bau dieser übergroßen Machtdemonstration wurde 1985 ein ganzes Stadtviertel mitsamt 40 000 Wohnungen, historischer Gebäude, 12 Kirchen und drei Synagogen abgerissen; es war ein Schlag ins Gesicht der Bevölkerung.

Das sogenannte „Haus des Volkes“ hat das Land schätzungsweise nach heutiger Kaufkraft rund drei Milliarden Euro gekostet und verschlang somit um die 40 Prozent des Bruttosozialproduktes. Die Vorstellungen des damaligen Staatspräsidenten Nicolae Ceausescu waren ausufernd.

Der Regierungspalast hat 65000 m² Fläche, 3000 Zimmer und eine eigene U-Bahnlinie, die von der Innenstadt aus bis hin zum Palast führt.

Es wurde fünf Jahre lang rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet.

Heute ist das Gebäude für Touristen zugänglich und ein weiteres Monument des Größenwahns; manche Rumänen bezeichnen es auch als das „Haus des Sieges über das Volk“. Nun ist alles friedlich, vor dem Bau sprießen auf grünen Rasen Fontänen in die Höhe. Ein aus Rumänien stammender Kunde erzählte mir mal, dass die Kosten für die Instandhaltung für den rumänischen Staat eine enorme Herausforderung darstellen, und bei einer Stromrechnung, die 2008 1,7 Millionen Euro betrug, will ich das gerne glauben!

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