Das Katzencafe „Miau“ in Bukarest

Das Katzencafe „Miau“ in Bukarest

So anders ist es nicht, denke ich mir, als ich später durch die Straßen laufe und die sandsteinfarbenen Häuserfassaden betrachte. Ja, so in etwa habe ich es mir vorgestellt. Der Verfall des ehemals Schönen erinnert mich ein wenig an Polen der neunziger Jahre.

Als ich all die zusammengerollten, schwarzen Kabel sehe, die sich an den Strommasten zusammen finden, muss ich schmunzeln. So kreativ sie fahren, so kreativ setzen die Menschen hier auch ihre Stromversorgung um. An manchen Häusern ziehen sich die Leitungen wie Girlanden entlang, sie hängen fast auf Schulterhöhe. Hauptsache, es funktioniert.

Der Sektor 4 liegt südöstlich des Parlamentspalastes, ich bewege mich langsam zum Sektor 3.

Man beachte die abenteuerlich gerollten Kabel

Bukarest ist keine Stadt der durchdachten Fußgängerüberwege, denn an manchen Stellen fehlen sie ganz. Doch der einheimische Fußgänger weiß sich zu helfen, wie ich fasziniert beobachten kann, und stürzt sich in einem wohlüberlegten Moment einfach auf die vierspurige Straße. Die Kunst dabei ist es, rechtzeitig gesehen zu werden und bei der Aktion möglichst nicht zu sterben. Doch keine Sorge: die Autos halten an. Kurz darauf habe auch ich die Straße überquert. An der Brücke halte ich an und schaue auf den Dâmbovița Fluss hinab. Er fließt vor sich hin wie er gerade möchte und der dichte Bewuchs an Wasserpflanzen sowie die geringe Tiefe lassen hier keinen Schiffsverkehr vermuten. Wahrscheinlich ist es dafür auch nicht tief genug. Ein schwach modriger Geruch dringt zu mir hinauf und entlang beider Ufer reihen sich weitere sandsteinfarbene Wohnblöcke aneinander.

Die Sonne gibt den unförmigen Blocks einen goldenen Glanz. Immer wieder weht mir ein süßer Blumenduft in die Nase, egal, wo in der Stadt ich mich gerade befinde. Als ich die Hosteltür hinter mir schloss, duftete es nach Blumen, vermischt mit dem leckeren Aroma von Crepes. Und auch jetzt begleitet mich der blumige Hauch mit jedem Schritt. O Bukarest, du Duftende.

Doch es ist stellenweise auch eine dreckige Stadt. Vielleicht nicht an den Boulevards oder in der Altstadt, doch sobald man die Hauptstraßen verlässt und eine unbebaute Straße abseits entlang läuft, säumt Müll den Weg. Die unförmigen Bauklötze erinnern mich an das Polen der 90er Jahre; sie werden hier und da von einer Hochglanzfassade durchbrochen wie von einem hübsch glänzenden Strassstein. Graffiti an den Wänden. In einer Nebenstraße sehe ich Kerzen, ein Kruzifix und Fotografien vermisster Personen.

Die Menschen hier haben größtenteils ein mediterranes Aussehen, doch es gibt auch einige blonde (…Frauen) unter ihnen, ob der Farbtube geschuldet, sei dahingestellt. Der Punkt ist: ich falle nicht auf. Einfach zielgerichtet weiter gehen, als hätte man ein festes Ziel vor Augen. Auch unsicher fühle ich mich nicht, egal, wie vereinsamt und abgegriffen eine Gegend aussieht. Als ich den Fluss hinter mir lasse, sehe ich das erste Coole hier in Bukarest: einen Streetfood-Park. Ich betrete den Garten und werde sofort in Empfang genommen. Der „Park“ ist eine Art Open Air Garten, umringt von Imbissbuden, die verschiedenste Küchen anbieten. Der Junge spricht englisch und führt mich herum, es gibt Getränke, Cocktails, Meeresfrüchte und Fisch, argentinische Steaks, Gegrilltes, mexikanische Küche mit Wraps und spanisch mit Paella. Bezahlt wird in Form einer Guthabenkarte, die mit einem beliebigen Betrag aufgeladen werden kann, und – für mich erfreulich – der Streetfood-Park bietet Kreditkartenzahlung an.

Es ist unter der Woche (Do.) und somit relativ wenig los und einige der Stände haben geschlossen. Sobald ich meine Guthabenkarte aufgeladen in der Hand halte, ist auch der Junge wieder neben mir. Was möchtest du essen? Erstmal schauen. Hinsetzen, etwas trinken… „Wie du möchtest.“ Er lässt mich allein.

Cocktails gibt es anscheinend doch keine. Doch man zaubert mir von irgendwoher einen Mojito und der Wrap, den ich bestelle, erweist sich als eine Offenbarung (ja, ich weiß; ich bezeichne so ziemlich vieles von dem, was ich esse, als „Offenbarung“…): diese süßlich-pikante Soße… Und ehe ich mich versehe, habe ich mich bereits mit selbigen vollgekleckert. Das ist mir in Prag doch schon mal passiert – Kasia, musst du denn immer die Welt um dich herum vergessen, wenn dir etwas schmeckt?

Den Cocktail trinke ich noch vor dem Wrap und er breitet sich schön wohlig in meinem Kopf aus. Eigentlich keine so gute Idee, sich gleich am ersten Abend in einer fremden Stadt die Kante zu geben, aber den habe ich mir jetzt echt verdient. Auf Zuckerwattewolken gebettet gehe ich weiter.

Ein kleiner Streetfood Garten

Einmal links, dann rechts, an ruhigen Vierteln und einsamen Straßen vorbei. Immer mal wieder muss ich stehen bleiben, um mich zu orientieren, wobei mir die Routenkarte auf dem I-Pad als Hilfe dient. Immer schön vorsichtig und schön unauffällig hinter einer Häuserecke versteckt tippe ich auf dem Gerät herum.

Reisende neigen dazu, zu denken, dass, sobald sie die heimatlichen Gefilde verlassen und sich in einem fremden Land befinden – das womöglich wirtschaftlich schwächer aufgestellt ist als das eigene – ihnen jemand gleich einen auf den Deckel haut und sie ausgeraubt werden oder Schlimmeres. Doch wider Erwarten werde ich nicht ausgeraubt und es haut mir niemand die Rübe ein. Und das wichtigste ist: ich fühle mich hier nicht fremd. Bukarest wirkt nicht wirklich anders auf mich als das sozialistische Polen, das ich aus meiner Kindheit kenne, und ich habe nicht das Gefühl, hier ein Fremdkörper zu sein, im Gegenteil empfinde ich sogar den Menschen gegenüber eine seltsame Verbundenheit. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mit der Umgebung verschmelze und von den Leuten auch nicht weiter beachtet werde.

Das Katzencafe Miau ist nicht unter der angegebenen Adresse zu finden. Ich stehe vor einer Hausfassade, die, zugegeben, sehr katzenhaft bemalt ist, doch ein sehr gut englischsprachiger Mann klärt mich über meinen Irrtum auf. Das Cafe ist umgezogen: mit wackeliger Schrift notiert er die neue Anschrift in meinen kleinen Block. Das Cafe ist nahe der Brücke am Dambovita Fluss zu finden, die ich bereits überquert hatte, das heißt, den halben Weg wieder zurück zu gehen. Ich seufze. Die Sonne neigt sich bereits immer tiefer.

Am Boulevard Unirii werden gerade die Rasensprenger eingeschaltet und verbreiten goldenen Dunst. In der Ferne ist der imposante Regierungspalast zu sehen, der das Land damals in den achtziger Jahren nach damaliger Kaufkraft rund 3,3 Milliarden Euro gekostet hatte.

Der Regierungspalast am Boulevard Unirii

Eine Brücke über dem Dambovita Fluss; man achte auf das Kabel…

Vor dem Katzencafe bleibe ich unschlüssig stehen. An der liebevoll bemalten Fassade vorbei führt der Weg in einen kleinen, länglichen Garten, doch das Holztor ist versperrt. Eine der Mädels öffnet mir, und ein kleiner, schwarzer Hund rennt mir freudig bellend entgegen. „He is the guardian of the cats.“ Sagt das Mädchen.

Drinnen muss ich aufpassen, wo ich hintrete, da sich auf dem Gehweg kleine Kätzchen vor meinen Füßen tummeln. An jedem besetzten Tisch liegt ein Kätzchen auf der Bank und lässt sich streicheln und an der Hauswand steht ein Katzen-Kletterparadies bereit. Ich nehme an einem der hinteren Tische Platz. Bekommt man hier so ein Kätzchen zum Kaffee dazu serviert?

Ich entspanne mich schnell, denn die Musik, die angenehm vor sich hin plätschert, ist fast schon hypnotisch. Während ich sitze, vertreibe ich mir die Zeit damit, die erwachsenen Katzen beim Spielen zu beobachten. Wobei „spielen“ hier übertrieben ist. Gespannt schaue ich zu, wie eine der Katzen einem Käfer auflauert – er hat ihren Jagdinstinkt geweckt. Doch sie greift nicht an – der Käfer beginnt jetzt schon, sie zu langweilen. In Lauerstellung schläft sie ein.

Der Garten ist an allen Ecken gegen Katzenflucht gesichert, so dass auch die Kleinen nicht ausbüxen können. Deswegen war das Tor wohl verschlossen.

Ich hätte auch gerne so ein Kätzchen, aber alle Katzenbabys sind gerade „besetzt“. Doch da die Kleinen auch spielen und trollen und in erster Linie sehr neugierig sind, kommen die Kätzchen irgendwann zu mir.

„Manchmal werden sie einfach ausgesetzt.“ Sagt das Mädchen zu mir. „Einen der Babys haben wir vor kurzem auf der Straße gefunden, jemand hat es bei uns vor die Tür gesetzt.“

Als ich zurück ins Hostel laufe, ist es dunkel. Und noch immer hat mir niemand eins übergebraten. Wie ein Rumäne lerne auch ich schnell, zwischen den Autos hindurch über die belebte Straße zu huschen. Die Stadt, die nun im Dunkeln liegt, duftet; sie duftet aus jeder Pore. Es ist, als ob die bröckelnden Gemäuer und die hässlichen Plattenbauten diesen Duft ausströmen.

Bukarest, du duftende, vergangene Schönheit.

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