Ein Katzensprung nach Dänemark – Ribe

Ein Katzensprung nach Dänemark – Ribe

Jaaa, das ist es, wie schön… Backsteinhäuser, Wasser, kleine Boote, die angebunden auf ihren Einsatz warten, ein großer Mühlstein, der sich in der laut rauschenden Strömung dreht und eine große Backsteinkirche, die in der Mitte des Cafe-gesäumten Platzes thront. Das ist, was ein Besucher sehen will, das nenne ich eine Altstadt! 🙂

Ich verlasse Tondern und fahre in Richtung Norden, immer weiter über flaches Land an kleinen Dörfern vorbei. Manchmal sehe ich Schilder, die zu Besichtigung eines Freilichtmuseums einladen, manchmal überholt mich ein Fahrzeug mit einheimischen Kennzeichen, das schneller ist als ich. Da mein Navi seit einiger Zeit ausgefallen ist, orientiere ich mich auf die altmodische Weise an den Straßenschildern, die glücklicherweise allesamt die Stadt Ribe ausweisen. Und irgendwann, nachdem ich einige Kilometer tief ins Land gedrungen bin, verlasse ich einen Kreisel und dann – dann bin ich angekommen.

Ribe verfügt über einen übergroßen kostenfreien Parkplatz, der sich am Rande der kleinen Stadt befindet. Die Ladesäulen für Elektroautos (zu dieser Zeit sind diese in Deutschland noch rar gesät…) und die umweltfreundlichen Papiertüten in den Abfalleimern sind das erste, was mir ins Auge fällt. Staunend starre ich in den Mülleimer auf die braune Papiertüte und denke: Wow… die sind uns so weit voraus..

Tatsächlich wird der Umweltschutz in Dänemark schon lange groß geschrieben; das Land war 1971 der erste Industriestaat, der ein Umweltministerium eingeführt hatte. 2015 schafften es die Dänen, 116 Prozent des Energieverbrauches mit Windenergie zu decken. An dänischen Stränden und Häfen weht die blaue Flagge, ein EU-Gütesiegel für eine hohe Wasserqualität und die „Grüne Schüssel“ kennzeichnet ökologisch geführte Hotels und Gasthäuser.

Das Stadtzentrum ist ausgeschildert. Ich überquere eine hölzerne Brücke, die über einen plätschernden Bach führt, und erschrecke ein paar Enten, die sich schnatternd von mir entfernen. Laufe dann an einem Wohngebiet vorbei. Und auch in dieser Stadt ist niemand zu sehen – zumindest jetzt noch nicht. Hier und da fällt mir, wie bereits in Tondern,  ein Wintergarten ins Auge. Viel roter Backstein ist zu sehen, verarbeitet in niedrigen, gedrungenen Häusern, die sich entlang der Straße reihen. Und auch hier, genauso wie in Tondern, begegnen mir Türen; ganz viele farbenfrohe, geschnitzte, hölzerne Türen.

Doch je näher ich mich über die verwinkelten, schmalen Straßen dem Zentrum zubewege, umso mehr Menschen kommen mir entgegen.

Ribe ist schön. Die Altstadt verdient ihren Namen. Früher einmal Königssitz mit dem größten Hafen des Landes, heute mit ca. 900 Einwohnern eher ein kleines Dorf, doch unbedingt sehenswert. An einer kleineren Kirche, auch aus rotem Backstein erbaut, sehe ich einen Souvenirshop und decke mich mit Postkarten ein. Laufe weiter.

Das Zentrum der Stadt bildet der Domplatz, in dessen Mitte der Dom zu Ribe thront. Über den Platz flanieren Menschen, Restaurants und Cafes haben bereits geöffnet und ihre rausgestellten Tische und Stühle, die sich um den Platz gruppieren, sind schon gut belegt. In den Bäckereien werden Flødeboller verkauft, eine typisch dänische Spezialität; eine Art Schaumküsse auf Marzipanboden.

Der Ribe Å rauscht vernehmlich, als ich über eine Brücke laufe. Dieses laute Rauschen wird von der malerischen, hölzernen Wassermühle verstärkt, deren großes, sich langsam drehendes Rad dem Ort eine sommerliche, entspannte Stimmung verleiht. Angebundene, kleine Boote schaukeln am Rande des Flusses hin und her. Menschen sitzen auf roten, verschnörkelten Bänken und strecken die Köpfe der Sonne entgegen, die inzwischen hinter den Wolken aufgetaucht ist. Eine getigerte, graue Katze verfolgt mit schläfrigem Blick meinen Weg.

Mir fällt dabei die sehr höflich-zurückhaltende Art der Dänen auf. Die Gespräche sind leise und gedämpft und Menschen scheinen den Blickkontakt der Entgegenkommenden zu meiden. Das Ehepaar, das ich um ein Foto bitte, reagiert überrascht und verlegen. Aber vielleicht ist es einfach so… je nördlicher die Länder, umso reservierter die Bevölkerung… oder?

Ich bleibe ein wenig auf der Brücke stehen, schaue hinunter zum Fluss, wünsche mir, ein wenig mehr Zeit zu haben. Einen ganzen Tag vielleicht. Dann gehe ich weiter.

Doch im Großen und Ganzen ist der kleine Ort relativ schnell abgelaufen. Nach ein paar Schritten vom Domplatz weg, egal, in welche Richtung, erreiche ich bereits das Wohngebiet. So, scheinbar habe ich alles gesehen: Nun beschließe ich, treu dem Motto „Das Beste zuletzt“, den Dom zu Ribe zu sehen.

Um 860 gegründet gilt der Dom als Dänemarks älteste Kirche, und der Ort Ribe als der älteste Kirchenort in Nordeuropa. Von außen unterscheidet sich die For Frue Kirke (Kirche unserer Lieben Frau) nicht wesentlich von anderen romanischen Bauten dieser Art, doch das Innere versetzt mich in Erstaunen. Eine opulente Ausstattung sucht man hier vergebens; was ich antreffe, ist kühle Eleganz. Die Schmuckelemente an der Decke und Wänden sind wohlbedacht platziert, das Innere der Kirche wirkt mit viel Weiß- und Pastellfarben hell, einladend und nordisch-schlicht. Die verblassenden Heiligenbilder auf den dicken Säulen erscheinen wie Gespenster, die sich langsam ins Jenseits verabschieden. Die großen Fenster lassen viel Licht herein und mit den Fresken wird der Blick gezielt an den Säulen entlang hin zum Altar gelenkt, wo den Höhepunkt die drei schmalen, hohen Buntglasfenster bilden. Sonnenlicht, das hereinfällt und durch die farbenfrohen Glasmosaiken scheint, taucht den Altar in kühles Licht und hinterlässt bunte Lichtspiele auf dem Kirchenboden.

Die gewölbte Decke über dem Altar zieren schwebende Gestalten in gelb und blau. Tritt man näher heran, erkennt man Fabelwesen (?), die mit einer windgleichen Leichtigkeit über den Köpfen der Anwesenden zu schweben scheinen. Ich habe etwas Vergleichbares noch nie gesehen. Auch wenn Du meinst, schon zu Genüge Kirchen angeschaut zu haben, lass Dir die nicht entgehen.

Auch dem Ribe-Glasatelier statte ich einen Besuch ab. Die Glaskunst befindet sich genau am Domplatz: Ein kleines Plakat weist auf eine laufende Ausstellung hin.

Wieder draußen schaue ich auf die Uhr. So langsam muss ich weiter – über achthundert Kilometer warten noch auf mich.

Auf dem Weg zurück spiele ich mit dem Gedanken, einem der vielen dänischen Naturschutzgebiete einen Besuch abzustatten, doch die zunehmend dichte Wolkendecke und die ersten, regelmäßigen Tropfen auf der Windschutzscheibe belehren mich eines Besseren. Das Wetter verschlechtert sich zunehmends und wieder in Deutschland, empfängt es mich mit kalten, prasselnden Regenschauern. Ich fahre bis spät in die Nacht, doch irgendwann siegt die Müdigkeit. Ich stelle das Auto an einem Rasthof ab, gerade mal einen Katzensprung (300 km) von Mannheim entfernt, und lege mich schlafen.

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