Um Demokratie muss man kämpfen…

Um Demokratie muss man kämpfen…

Es ist ein sonniger Tag in März, als Stefan und ich hoch oben in der Pfalz am Hambacher Schloss ankommen. „Der Geburtsort der Demokratie.“ Sagt Stefan und knipst ein paar Bilder; ich betrachte indessen die filigranen Fenster. Das Schloss ist von der Frontseite eher quadratisch, doch trotz allem entbehrt seine Form nicht einer leichten Anmut.

Eine Flagge weht im Wind und die Schlossmauer gibt einen Blick auf den kleinen Ort darunter frei. Dächer erheben sich inmitten von noch blätterlosen grauen Bäumen. Wir umrunden das Schlossgelände, immer an der Mauer entlang. Dann, auf der Sonnenseite des Hambacher Schlosses, lassen wir uns nieder und schauen uns den sagenhaften Ausblick an. Die Sonne steht tief, typisch für die noch etwas kalten Jahreszeiten, und ich kämpfe mit einer leichten Erkältung. Menschen sitzen auf der Mauer und sehen mit dem blauen Himmel als Hintergrund wie dunkle Statuen aus. Der Blick kann weit übers Land gleiten und die sanften Wellen der Berge auf der rechten Seite sehen wie schemenhafte, in sich zerfließende Schatten aus. Als würden sie gleich zerschmelzen und mit einem leichten Nebelhauch von dannen schweben. Ja, was die kalten Monate an sich haben, ist dieses schemenhafte Licht.

Die Gemäuer leuchten. Goldgelb erscheinen die hohen Mauern aus Sandstein; aus der Nähe bilden die Steine ein farbiges Muster. Eine kleine Eidechse versteckt sich zunächst in einer Spalte zwischen zwei Steinbrocken, ehe sie sich raus und in die Wärme traut. Mit ihrem kleinen, schuppigen Kopf, der aus der Dunkelheit empor lugt, mit dem bernsteinfarbenen Auge in der Sonne blitzelnd, sieht sie dabei aus wie ein Miniaturdrache.

Die Wälder, die die Berge umgeben, sind dunkel, fast schwarz. Feine Zweige glänzen wie Spinnweben in der Sonne und man kann die frischen Knospen der Blätter nur erahnen. Der Frühling kommt, ein Wandel – auch wenn davon noch nicht so viel zu spüren ist.

Ein Wandel ist es oft, der etwas Neues einleitet. Zunächst kommt der Umbruch. Unruhe. Aggression und Kampf, vielleicht. Genauso wie damals, im Jahre 1832, als junge Studenten das Hambacher Schloss auf dem Kastanienberg stürmten und eine rot-goldene Fahne hissten. Über dreißigtausend Menschen hatten sich am und um das Schlossgelände versammelt, welches zu dieser Zeit schon eine Ruine war, um gegen Repressionen seitens der bayerischen Verwaltung zu protestieren. Seitdem gilt das Schloss als Sinnbild für Demokratie in ganz Deutschland.

In dieser, in der neuen Zeit aufgewachsen, in einer Welt, wo alles geregelt schien und Kriege höchstens verstaubte, veraltete Reliquien aus Geschichtsbüchern waren, für immer in schwarzweiße Bilder verbannt, waren Frieden und Freiheit für mich etwas Unerschütterliches. Klar, gab es ab und zu Unruhen, doch die waren weit weg, irgendwo anders auf der Welt. Bei uns war es sicher, das Nato-Bündnis stand und spätestens seit der großartigen Idee der EU fühlte ich mich in ein sicheres, stabiles Netzwerk eingebunden. Unsere Werte wie Wahlfreiheit, Pressefreiheit und Gleichstellung waren für mich etwas, das nicht infrage gestellt wurde. Es war einfach so, basta. Und als Polen in der EU aufgenommen wurde, Grenzkontrollen entfielen und sich langsam, aber sicher Wohlstand in dem östlichen Nachbarland breit machte, der Bus nach Warschau an der Grenze oft nicht einmal mehr hielt, da war mein Glück perfekt.

Doch heute, in der neuesten Zeit, zeigt sich mehr denn je, wie fragil das Konstrukt der Demokratie und der Einheit in Wirklichkeit ist. Unser Wertesystem ist keinesfalls in Granit gemeißelt, es ist nicht gesagt, dass alles so bleibt wie es ist und sich, wenn überhaupt, dann höchstens etwas zum Besseren wendet. Aktuelle Beispiele zeigen, dass sich Länder auch rück-entwickeln können. Sorgenvoll beobachte ich die derzeitige Entwicklung in Polen, die dortige Politik des Einschüchterns, der Vereinnahmung und der Beeinflussung. Wie leicht es doch ist, die Errungenschaften eines modernen Systems wieder rückgängig zu machen, wie einfach, eine bestimmte Ansicht in den Köpfen der Menschen zu platzieren. Wie leicht, zu manipulieren, mit Zuckerbrot und Peitsche ein Volk zu lenken.

Man nehme sich zunächst die Medien vor – vielleicht teils durch Regressionen und teils durch gezielte Subventionierung regierungstreuer Stellen – und forme so die öffentliche Meinung. Man mache mit dem Rechtssystem weiter – denn zwischen Recht haben und Recht bekommen liegen oftmals Welten – und lehre das Volk, dass die Rechtssprechung auf Seiten der Regierenden liegt. Doch vergesse man das Zuckerbrot nicht, das kann ein kleines Schmackerle sein wie ein Kindergeld von 500 Zloty, welches für eine durchschnittliche, polnische Familie viel Geld bedeuten kann – und schon hat man die Bevölkerung besänftigt, da die Menschen in der Regel eher willens sind, sich zu fügen und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, unangenehme Wahrheiten auszublenden, um weiter ihr normales Leben führen zu können. Was verständlich ist. Und nachvollziehbar.

Was ist passiert mit einem ehemals so modernen, offenen und fortschrittlichem Land wie der Türkei, wo Demokratie nur noch auf dem Papier existiert?

Russland, wo sie nie wirklich existent war?

USA, wo sich Fakten so leicht mit einem wütenden Ausruf: „Alles Fake-News!“ vom Tisch wischen lassen. Ein Mann im Toupet macht die Welt, wie sie ihm gefällt.

Doch auch in Deutschland wird unser Wertesystem auf eine harte Probe gestellt. „Halt die Fresse, Lügenpresse!“ war nur der Anfang; es war wohl schon lange nicht mehr so gefährlich, in einem Land wie dem unseren, den Beruf des Journalisten auszuüben. Übergriffe und Anfeindungen fanden zwar schon immer statt, doch man hat allgemein den Eindruck, dass sich die Situation verschärft hat. Eine rechtsorientierte Partei hat es in den Bundestag geschafft. Mehr noch – momentan bekommt sie sogar Zuwachs. In einem wohlhabenden Land, in dem sich viele Menschen am liebsten vom Rest der Welt abschotten möchten, in der „Gutmensch“ – ein „guter Mensch“ also – zu einem Schimpfwort geworden ist, in der Fremdenhass als „freie Meinungsäußerung“ deklariert wird – was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Demokratie, für uns so selbstverständlich, ist ein anfälliges Gut. Etwas, das sich selbst immer wieder unter Beweis stellen muss, ein Gut, welches, wie die jüngsten Beispiele zeigen, auch leicht infrage gestellt werden kann. Rechtskonservative, populistische Parteien – immer wieder hört man die Meinung, dass unsere Demokratie diese aushalten können muss.
Doch was, wenn sie das nicht kann…?

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