Das Einsetzen des Monsun…

Das Einsetzen des Monsun…

München – heute morgen:

Was hier fehlt, das ist das Lächeln. Ja, eindeutig, es fehlt mir. Einfach mal das Strahlen in den Gesichtern der Menschen.

Morgens in München, in einem Ibis-Budgethotel. Wir hatten uns nach einem langen Flug von Sri Lanka über Maskat nach München entschieden, die Nacht hier zu verbringen, ehe es mit dem ICE weiter bis nach Mannheim geht. Müde checken wir spätabends ein und fallen in unsere Betten. Hier macht sich die Zeitumstellung bereits bemerkbar, denn in Kalutara ist es tiefste Nacht, und alles in allem sind wir jetzt seit rund vierundzwanzig Stunden unterwegs. 

Am nächsten Morgen, als wir zum Frühstücken kommen, grüße ich erstmal fröhlich in die Runde. „Guten Morgen!“ Von irgendwoher – die verstohlene Antwort eines Einzelnen, der Rest der Anwesenden schaut mich mit ausdruckslosen Augen an. Die Geschäftsreisenden in ihren gebügelten Hemden und adretten Anzügen machen alle ein Gesicht, als würde sich heute ihr Leben entscheiden. Und wer weiß, vielleicht tut es das auch. Die einzigen, die ansatzweise ein Lächeln im Gesicht haben, sind die farbigen Business Men, die in einer Schar ratlos um den Kaffeeautomaten herum stehen, doch auch die haben sich bereits angepasst, den ernsten, gewichtigen Blick angenommen. Wer in Deutschland zu viel lächelt, gilt nicht als kompetent.

Was fehlt mir da die Fröhlichkeit des Poolboys oder des Mannes vom Reinigungspersonal, die rund hundertzwanzig- bis zweihundert Euro im Monat verdienen und zur Fröhlichkeit wahrlich keinen Grund hätten. Oder doch?

Draußen bestellen wir uns ein Taxi.

Welch seltsamer Ort, der Stadtverkehr am Morgen. Ich weiß gar nicht mehr, was ich früher daran ärgerlich oder hektisch fand. Es ist leise. Kaum zu glauben, doch Deutschland ist ein wirklich leises Land. Es ist ruhig. Alle halten sich (größtenteils) an die Regeln und fahren in Reih und Glied. Keiner überholt an unmöglichen Stellen, jeder hält (größtenteils) Abstand und hält sich (auch größtenteils) an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Durch das Fehlen der Tuk Tuks und Mopeds, die sich in jede freie Ecke drängen und nun wie weggezaubert sind, ist es, als würde etwas fehlen. Keine Fußgänger, keine Kühe und keine Hunde auf der Straße. Keiner hupt. Unheimlich.

 

Sri Lanka, Kalutara – gestern Morgen beim Packen:

Wach bin ich um kurz nach drei, obwohl wir erst um fünf Uhr abgeholt werden. Draußen ist es noch dunkel und aus dem rauschenden Geräusch schließe ich, dass es immer noch regnet. Ich dusche, sammle meine Sachen zusammen und stopfe den Rest irgendwie in die überfüllte Tasche. So ein Sri Lankischer Tee hat nicht viel an Gewicht, nimmt aber einiges an Raum in Anspruch. Das lauter gewordene Rauschen, welches ich zunächst für Stefans Dusche halte, hält an, als selbiger seinen Kopf wieder aus dem Bad streckt. Das laute Rauschen ist nicht die Dusche.

Stefan, der inzwischen draußen vor der Tür war, kommt wieder herein. „Schau dir das an! Wie das regnet, unglaublich, draußen ist alles bis zu den Knöcheln voller Wasser!“

„Hm.“ Mache ich geistesabwesend und betrachte meine Tasche und die Sachen auf meinem Bett.

Der werte Leser sollte wissen, dass ich morgens nicht ansprechbar bin. Schon gar nicht, wenn ich noch halb im Schlafkoma versuche, meine Siebensachen zusammen zu kriegen und nichts zu vergessen. So nehme ich das knöcheltiefe Wasser zur Kenntnis und denke ich mir so etwas wie: Schön für den Regen, und ignoriere die Bemerkung weitestgehend. Meine Devise lautet: Kümmere dich um Probleme erst, wenn sie da sind. Immer schön ruhig bleiben, zuerst kommt die Tasche.

Draußen waten wir im strömenden Regen mit hochgekrempelten Hosenbeinen und barfuß bzw. in Flipflops, Schirm und Koffer in der Hand, durch das knöcheltiefe Wasser.

Die gute Nachricht ist: Das Wasser ist warm.
Die schlechte: Der Swimming-Pool ist über die Ufer getreten. Ja tatsächlich: der ganze Liegenbereich ist geflutet, man erkennt nicht mehr, wo der Pool aufhört und der Rasen beginnt. An der Rezeption schaufelt ein Mann vom Reinigungspersonal das Wasser aus der großen, offenen Halle.

„Good morning!“ Rufe ich. „What a beautiful day!“ Er lacht.

Blitze erhellen den nächtlichen Himmel und leuchten ihn für Sekunden in einem hellen Lila aus. Es ist warm und unsere nassen Hosenbeine verursachen kein Frösteln. Inzwischen sind auch andere Gäste dazu gekommen und warten alle auf ihren Transfer, wohin auch immer. Alle haben Lunchpakete in der Hand. Es ist kurz vor fünf. Ich zünde mir eine der Sri Lankischen Zigarren an, die ich einem Strandverkäufer vor ein paar Tagen abgekauft habe. Es ist die letzte in der Packung.

„Wo haben die nur die Lunchpakete her?“ Wundert sich Stefan. Es stellt sich heraus, dass man die hätte vorbestellen müssen. Der Regen gießt immer noch in Strömen und die Blitze erhellen den nächtlichen Himmel für lange Sekunden und tauchen ihn in ein helles Lila. Unruhe macht sich breit, ob der Transfer bei den Regenmassen pünktlich da sein kann. Müde Gesichter schauen beunruhigt in Richtung Tor. Was, wenn er es nicht schafft? Wenn Straßen weggebrochen sind, wenn…

Ich sitze auf einer Mauer, den Kopf an eine Säule gelehnt, und paffe meine Zigarre.

Unser Bus kommt pünktlich. Es ist Sonntag früh, die Straßen sind fast leer. Zügig heizt unser Busfahrer über die nass glänzende Fahrbahn und durch die stehenden Wasserlachen und der Bus lässt das Wasser im hohen Bogen nach beiden Seiten spritzen.

Der Sonnenaufgang am Horizont wartet mit Sepia und Pastelltönen auf. Das Tageslicht setzt ein und mit einem Mal hört der Regen auf.

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