Eine nostalgische Zugfahrt durch Sri-Lankas Hochland

Eine nostalgische Zugfahrt durch Sri-Lankas Hochland

Zugfahrt Ella-Nanu-Oia

Sri-Lanka, Mai 2018

Am nächsten Morgen weckt mich das aufkommende Licht des Tages. Durch die offenen Vorhänge vor mir kann ich die Berge durch das Fenster sehen. Schwach legt sich die Röte über den Himmel und Umrisse der Berghänge scheinen in einem Dunst zu schweben. Ich stehe auf und gehe auf die Terrasse vor die Tür: das rote Licht des Sonnenaufgangs legt sich über die Wolken und färbt sie rosarot, die Strahlen der aufgehenden Sonne fluten das Tal. Schnell hole ich meine Kamera und wecke Stefan.

Dann sitzen wir da, er mit einer Zigarette in der Hand. Unten schlängelt sich die Straße den Hang hinauf wie ein an den Berg geklebtes Band, es ist dieselbe Straße, die wir gestern entlang gekommen sind. Es ist eine sagenhafte Aussicht, von der wir nicht die Augen abwenden können, am liebsten würde ich den ganzen Tag und auch den nächsten hier oben auf dieser Terrasse sitzen und einfach nur diesen Ausblick genießen. Wie schade, dass wir nur eine Nacht hier bleiben werden.

Das Frühstück weiter oben an der Terrasse des Haupthauses fällt üppig aus. Frisch aufgeschnittene tropische Früchte werden vor uns ausgebreitet, es gibt Kaffee, einen frischen Fruchtsaft und einen Berg aus knusprigem Toastbrot. Und den grandiosen Ausblick auf die Berge gibt es gratis dazu.

Doch allzu viel Zeit können wir uns nicht lassen, unser Fahrer ist da gnadenlos. Die letzten Tage hat er alles in Bewegung gesetzt, um die schwer zu bekommenden Zugtickets der zweiten Klasse doch noch für uns zu ergattern. Vier unterschiedliche Klassen hat insgesamt so ein Zug. Die zweite Klasse ist auf der Zugstrecke von Badulla bis nach To Matale (wobei die meisten nur zwischen Nanu-Oia und Ella fahren) unter Touristen die beliebteste, denn hier lassen sich zum einem Sitzplätze reservieren, so dass niemand gezwungen ist, zu stehen, zweitens lassen sich, im Gegensatz zur ersten Klasse, die Fenster öffnen. In der ersten Klasse ist das nicht möglich, und Klassen drei bis vier, die meist von der Lokalbevölkerung und eventuell noch von Backpackern genutzt werden, haben keine Möglichkeit der Sitzplatzreservierung. So sehen wir jede Menge Touristen, als wir uns am Bahnsteig in unserem Abschnitt einfinden.

Soliya lotst uns zu unserem Bahnsteig und verabschiedet sich dann, denn beim Betreten des Bahnsteiges werden bereits die Tickets kontrolliert. Wir stellen uns hinter die bereits wartenden Menschen. Nun wird mir auch klar, warum es so schwierig war, die Tickets zu bekommen: um mich herum sehe ich nur Europäer. Ein paar Meter weiter in anderen Abschnitten stehen Locals und beäugen uns interessiert.

Sri Lanka ist ein traditionelles Land, in dem Freizügigkeit in Sachen Kleidung nicht sehr hoch geschätzt wird, doch das hat sich unter vielen Reisenden noch nicht herumgesprochen. Vor allem unter Backpacker/-innen, die doch das „authentische“ Reisen für sich reglementieren und es daher eigentlich besser wissen sollten, scheinen enge Tops und Shorts sehr beliebt zu sein. Doch in Sri Lanka gilt das gleiche wie in vielen anderen Ländern: dem Geld einbringenden Touristen wird vieles nachgesehen, er bekommt Privilegien zugesprochen, die der lokalen Bevölkerung verwehrt bleiben. Dafür zahlt er aber auch saftige Preise, die eigens für ihn gelten, bei Eintritten zu vielen Sehenswürdigkeiten beispielsweise (Sigiria ist das beste Beispiel: die rund dreißig Dollar Eintritt gelten nicht für Locals, die einen eigenen Ticketschalter haben.). Es ist also ein Geben und Nehmen. Doch ob ich mich und meinen Körper den Blicken der Menschen aussetzen möchte, in deren Land ganz andere Regeln gelten?

Die Zugstrecke in Sri Lanka gilt für viele als die schönste der Welt. Nachdem wir an unserem Platz sind, bin ich eigentlich nur damit beschäftigt, am offenen Fenster zu stehen und meinen Kopf hindurch zu strecken, den Fahrtwind zu genießen und ja nichts um mich herum zu verpassen. Der blaue Zug schlängelt sich gemütlich durch die saftig grüne Landschaft, an Bergen und Schluchten vorbei, an deren Hängen Wasserfälle entlang fließen wie silbrig glänzende Bänder. Wir überqueren Wälder, Bäche, kleine Ortschaften.

Sri Lanka ist für mich die blühende Insel. So viele Blumen sehen wir entlang der Strecke: Engelstrompeten, Jasmin, Schwertlilien, Kapuzinerkresse, intensiv blaue Glockenblumen und viele andere Arten in verschiedendsten Farben und Formen, die ich nicht benennen kann: der süßer, intensiver Duft weht uns immer wieder ins Gesicht und vermischt sich mit dem Geruch der schwarzen Rauchwolken, die die Lok immer wieder ausstößt. Ab und zu ist ein lautes „Tüt Tüüüt!“ zu hören und in dem Moment pustet die Lokomotive aus ihrem kleinen Kamin weitere Rauchwolken in die Luft. Wenn der Zug um die Kurve biegt, kann man die Lock sogar sehen, sowie auch andere Passagiere, die auch an den Fenstern stehen oder in den offenen Türen sitzen und die Beine in der Luft baumeln lassen. Manche lassen sich ganz aus der Tür hinaushängen und ich schaue mich dann ängstlich nach dem nächsten Tunnel um.

Menschen, die sich entlang der Gleise oder auf Feldern befinden, bleiben fast alle stehen und schauen dem vorbeifahrenden Zug nach. Viele von ihnen winken, ich winke zurück. Männer und Frauen, die auf Feldern arbeiten. Einige Male stehen Touristen an den schmalen Wegen entlang der Gleise und filmen den vorbeifahrenden Zug, und jedesmal denke ich mir amüsiert: da wollen sie eine Aufnahme der Sri Lanka Züge, möglichst authentisch und unverfälscht, und dann hängen all die weißen Gesichter mit ihren Sonnenbrillen aus dem Fenster und versauen einem das Bild…

Rund zwei Stunden insgesamt dauert die Fahrt. Immer wieder steigen an den Stationen fliegende Händler ein, die diverse Snacks wie Chai oder geröstete Nüsse in Taschen und Kannen vor sich her tragen. Und obwohl ich reichlich gefrühstückt habe, kann ich nicht widerstehen: zu groß ist der Drang, alles probieren zu wollen. So erstehe ich ein Tütchen mit gerösteten Nüssen und einen Becher Chai; das junge, zugestiegene Tamil-Paar schaut staunend unserem Staunen zu.
Überhaupt sind wir im Abteil bis auf das besagte Pärchen und ihre Tochter nur von Touristen umgeben, viele zücken ihre Smartphones und filmen während der Fahrt. Relativ schnell sind wir von grünen Teeplantagen umgeben: Frauen mit geflochtenen Körben pflücken die jeweils oberen Blätter der Teepflanzen ab.

Teeplantagen, soweit das Auge reicht, Lichtflecken, die zwischen den Wolken hervorkommen und über die grünen Flächen wandern. Auf der anderen Seite erstreckt sich ein grünes Hügelpanorama. Ich setze mich für eine Weile an die offene Tür des Zuges und genieße den ungehinderten Blick. Die Türen öffnen sich nach innen, und … „Am besten hältst du die Tür mit einer Hand fest.“ Rät mir eine Backpackerin. „Sonst knallt sie zu und sie fliegt aus dem Zug.“ Der letzte Satz bezieht sich auf ihre Freundin, die mit den Beinen baumelnd in der Tür sitzt. Und so ziehen wir gemächlich dahin, begleitet vom rhythmischen Tuktuk-tuktuk-tuktuk des Zuges, ein Geräusch, das man von heutigen Zugfahrten in Deutschland nicht mehr kennt.

Nach den Teeplantagen folgen Wälder. Hohe Bäume, ein frisches Grün und Pflanzen, die hier riesige Ausmaße erreichen. Sind es Farne da drüben, die so groß sind wie Bäume? Ja, das sind Farne, erkennbar an ihren ringelförmig geformten jungen Blättern, die sich nach und nach öffnen. Ganze Heine dieser riesigen Farne stehen da und ich fühle mich wie in einen urzeitlichen Urwald versetzt.

Viel zu schnell erreichen wir Nanu-Oia, viel lieber würde ich weiter fahren, die gesamte Strecke entlang. Nanu-Oia ist eine für Sri Lanka Verhältnisse größere Stadt, die rundum von Teeplantagen umgeben ist. Wiederum sehen wir Pflückerinnen mit ihren Körben. Als wir an dem größeren Bahnhof aussteigen, können wir Soliya nirgendwo entdecken. „Hier ist meine Nummer, ruft mich an, wenn irgendwas sein sollte.“ Sagte er uns vor der Abfahrt und drückte uns seine Visitenkarte in die Hand. „Und Ausstieg ist: Nanu Oia. Fahrt ja nicht weiter, ich warte dort auf euch.“

Wir verlassen den Bahnsteig und gehen mit den Menschenmassen mit, über eine Überführung ins Bahnhofsgebäude. Auch hier werden wiederum Tickets der aussteigenden Passagiere von grimmig blickenden Beamten in braunen Uniformen kontrolliert. Stefan bleibt stehen und kramt nach unseren Fahrkarten. „Moment mal, irgendwo hatte ich doch auch seine Nummer…“ und da sehen wir Soliya, völlig durchgeschwitzt und außer Atem, hinter uns her rennen. Er habe unten an der Ankunftsstelle auf uns gewartet, habe den ganzen Bahnsteig nach uns abgesucht. Zusammen laufen wir dann zum Auto.

 

Nanu-Oia

In der Beschreibung wurde Nanu-Oia als ein schönes, kleines Kolonialstädchen angepriesen, doch trotz der weißen Häuserreihe holändischer Bauart, an der wir vorbei gehen, ist der Ort doch nach westlicher Betrachtungsweise von „schön“ weit entfernt. Das bestaussehendste Gebäude ist die alte Post, die noch aus der Kollonialzeit stammt und in der wir uns mit Karten und Briefmarken eindecken. Im Ort selbst schlendern wir über den lokalen Markt, wo zwischen Häuserreihen überdacht eine Vielfalt an Ständen Obst, Gemüse, trockenen Fisch und frische Hähnchen anbieten, die ungekühlt, weiß und roh zusammen mit dem Fisch ihren eigenen Geruch verbreiten. Menschen drängen sich den Gang entlang und da, wo es nicht nach rohem Fleisch riecht, riecht es aromatisch nach Gewürzen und Räucherstäbchen. Und obwohl wir die einzigen Touristen auf dem Markt sind, werden wir entgegen meiner Befürchtungen von niemanden angesprochen oder zum Kaufen animiert. Unser Fahrer läuft vorneweg und führt uns durch verschiedene Ecken der Stadt, so fühlen wir uns sicher.

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