Die Totenschädel von Oppenheim

Die Totenschädel von Oppenheim

Hoch am Himmel hängt eine milchige Sonne – ein Wetter, das sich nicht entscheiden kann, ob es trüb und bewölkt oder strahlend klar daherkommen soll. Ein Wetter, dass sich aufgehängt hat in einem Zwischenmodus wie ein altersmüder Computer. Der schwarze BMW, der mir die ganze Zeit auf die Pelle rückte, biegt an einem Kreisel nach rechts ab. 

Ich passiere Kasernen (Sind es welche? Ich denke schon…), diese gelben, gleichförmigen Klötze; Blöcke, jeder mit einer vierstelligen Nummer versehen. Es ist eine Fahrt durch kahle Felder, an kahlen Weinrebenhügeln vorbei. Nach unzähligen Kreiseln erreiche ich Oppenheim. Schon vom weiten ragt die Oppenheimer Kirche erhaben hoch zum Himmel empor. Mickrig sehen daneben die Häuser aus, die sie umgeben. Die milchige Sonne wirft einen weichen Schein auf die ziegelteinroten Wände und die hohen Spitztürme.

Ich entscheide mich, auf dem kleinen Parkplatz am Rande der Stadt gegenüber vom Friedhof anzuhalten und zu Fuß weiter zu gehen. Es ist ja nicht weit; die alles überragende Kirche scheint zum Greifen nah zu sein.

Vorher aber halte ich kurz an einem Rastplatz und mache meine obligatorischen Bilder. Oppenheim liegt ausgebreitet vor mir inmitten der Weinberge; wie auf einer Handfläche kann ich die Häuser sehen, die kleinen Autos. Eine trübe Wasserfläche hinter braunen, kahlen Bäumen, weit weg am Horizont. Die Kirche ist schön. Ja, die Kirche ist sehenswert. Die Oppenheimer Kirche sehe ich oft bei meinen Motorradfahrten, wenn ich in den warmen Sommermonaten an Oppenheim und Nierstein unterwegs nach Koblenz bin.

Aber das Interessante – das wirklich Interessante an der Kirche ist die Kapelle.

Es ist warm unter der milchigen Sonne, und zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich meinen Mantel offen. Ganze Familien mit kleinen Kindern gehen in den Weinbergen spazieren, jeder sehnt sich nach Sonne; möge sie sich doch entscheiden, zu scheinen.

Ist das eine Burgruine da oben?

Niemals ist das Zwitschern der Vögel so laut, so intensiv und so einnehmend wie im Frühjahr. Das Lied begleitet mich, über meinem Kopf, oben in den Bäumen.

Je näher ich der Kirche komme, umso filigraner wirkt sie auf mich. Ich sehe Details, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Kleine Türme. Die Form – sehr gotisch, sehr schön. Im 13 Jahrhundert erbaut (genau genommen zogen sich die Bauarbeiten bis ins 15 Jahrhundert hin) gilt die Katharinenkirche von Oppenheim als eine der bedeutendsten gotischen Kirchen am Rhein zwischen Köln und Straßburg.

In einem Garten klingt ein Glockenspiel. Doch das Lied der Vögel ist schöner, schmeichelt meinen Ohren. Oppenheim nennt tatsächlich eine Burgruine sein eigen. In der im 16 Jahrhundert erbauten Burg Landskorn werden jährlich die Oppenheimer Theaterfestspiele aufgeführt, wobei hier die Ruine als eine stimmungsvolle Freilichtbühne dient.

Ich laufe durch das mittelalterliche Gautor („renoviert ’94…“) hinunter in die Altstadt. Ich bin fast alleine auf den Straßen. Es begleitet mich das Rascheln der Blätter vom vorigem Herbst, die der Wind über das Kopfsteinpflaster schleift. Die Kirche verfügt über zwei Sonnenuhren, die sich in leuchtend goldenen Zeichen von der roten Mauer abzeichnen. Die Türen scheinen verschlossen zu sein, doch mein Bedauern darüber hält sich in Grenzen, denn das, was mich wirklich interessiert, habe ich bereits gefunden: Es ist die Michaels-Kapelle, eine Totenkapelle aus dem 14 Jahrhundert. Oder besser gesagt, das, was sie beinhaltet: Gebeine von 220 000 Toten aus den Jahren 1400 bis 1750. Die Totenschädel von Oppenheim.

Ach du liebe Zeit. Es sind so viele. Wie eine aufgeschichtete Wand liegen sie da und starren mich mit den augenlosen Höhlen an. Ich habe noch nie zuvor einen Toten gesehen, das wird mir jetzt erst bewusst. Der Anblick ist gruselig, aber… immerhin sind sie ökonomisch sortiert. Beinknochen auf der einen, Schädel auf der anderen Seite, alles bis hoch zur Gewölbedecke aufgeschichtet. Eine stabile Mauer aus Knochen, die nichts so schnell einstürzen lassen kann, über Jahrhunderte festgesetzt und eingestaubt. Unglaublich. So viele Knochen – so viele Menschen. Auch der Schädel eines Kindes guckt mir gelb aus der Ecke entgegen.

Einige der Schädeln tragen goldfarbene Plaketten. Manche sind schon zersplittert.

Eine gute mentale Vorbereitung auf die tschechische Knochenkirche in Kutna Hora. Leicht verstört laufe ich weiter, umrunde die Kirche. Der Wind hat aufgefrischt und nun vermisse ich wieder meinen Wollpulli, der im Auto liegen geblieben ist. Vielleicht schaffe ich es irgendwie doch, in die Kirche zu gelangen. Eine kleine Tür bleibt noch übrig. Ein Hunde-wir-bleiben-draußen-Schild ist angebracht, und da ich ja kein Hund bin, versuche ich es jetzt einfach.

Jackpot!

Wow.

Die Buntglasfenster sehen fantastisch aus. Diese Farben, die Details, und jedes ist anders. Manche der großen Rosetten ist über siebenhundert Jahre alt.

Außer mir ist nur noch das Pärchen da, welches vor mir an der Michaelskapelle stand. Es ist so still, dass man den Stein, der sich in meiner Schuhsohle eingeklemmt hat, bei jedem Schritt am Boden kratzen hören kann. Ich setze mich in eine der hölzernen Bankreihen; dabei produziere ich ein noch lauteres Quietschen. Danach – Stille. Irgendwo draußen heult der Wind. Jetzt weiß ich, wie sich die Menschen früher fühlten, als eine Kirche ein Ort der Ruhe und Zuflucht war. Auch heute noch bin ich gerne in Kirchen drin. Die Stille ist Balsam in einer Welt, in der ständig von irgendwoher ein Hintergrundrauschen an die Ohren dringt.

Die Katharinenkirche besteht aus einem vorderen – und einem sichtbar neuen, hinteren Teil, ebenfalls mit einem Altar und Buntglasfenstern ausgestattet.

Eine Zeitlang höre ich niemanden. Dann kommt eine Familie mit Kindern rein. „Oh, wir sind nicht allein.“ Sagt die Mutter, als sie mich erblickt. Man ist nirgendwo wirklich allein, denke ich grimmig.

Als ich anschließend im Auto sitze, lobe ich mir den noch vom Fahren warmen Innenraum und die warme, kuschelige Sitzheizung…

Was noch interessant sein könnte, sind die unterirdischen Kellergänge und Gewölbe unterhalb der Altstadt, die über die Jahrhunderte gegraben wurden und nun, restauriert, im Rahmen einer Führung besichtigt werden können. 

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