Prager Geschichten – Mit schmerzenden Füßen durch die Goldene Stadt

Prager Geschichten – Mit schmerzenden Füßen durch die Goldene Stadt

Oder wie wichtig gutes Schuhwerk ist…

Tag eins ist Tag der Ankunft. Wobei – von der Ankunft als solche kann bei mir nicht die Rede sein – schnell lege ich meine Sachen auf dem Bett des Hostels ab und laufe wieder los in Richtung Stadt.

Dank der frühen Stunde habe ich noch ausreichend Zeit, das schöne Prag zu Fuß zu erkunden, so wie es mir am liebsten ist. Es gibt Städte, die sind am schönsten aus der Nähe, wenn man mittendrin ist, sie mit der Langsamkeit des Gehens entdeckt.

Stunde um Stunde kreise ich umher, lasse mich treiben, verliere mich, wie es so schön abgedroschen in diversen Berichten heißt, in den Winkeln der Stadt.

Gegen Abend spüre ich noch nichts.

Samstag, Tag 2:

Am Samstag ist noch mehr Sightseeing angesagt, heute will ich mich noch tiefer in das Gewusel der Stadt stürzen. Wieder einmal geht es vom Hauptbahnhof aus in die Altstadt, ab in die engen Gassen, die noch enger werden, da man diverse andere Fußgänger vor sich her schiebt und seinerseits angeschoben wird. Ab auf die Karlsbrücke. Die ist voll, also ab in andere Winkel der Stadt. Es beginnt zu nieseln und ich bin dabei, ein Museum zu suchen, an dem ich gestern wie zufällig vorbei gelaufen bin. Doch nun – keine Spur davon, und nun versuche ich, den Menschenmassen aus den Weg zu gehen. Verlaufe mich einmal. Verlaufe mich ein zweites Mal. Verlaufe mich ein drittes Mal. Schließlich – da ist es, ich muss die ganze Zeit in Kreisen drumrum gelaufen sein. Das Gedränge drinnen ist übermenschlich. Also unverrichteter Dinge zurück und wieder zur Karlsbrücke, das Lokal wiederfinden, an dem ich vorhin auch wie durch ein Wunder vorbeigelaufen bin. Mittagessen. Danach – weiter gehen.

An diesem Abend spüre ich ein leichtes Drücken meiner Fersen und bekomme einen dumpfen Eindruck davon, dass mein Schuhwerk wohl doch nicht so bequem ist wie ich immer dachte.

Sonntag, Tag 3:

An diesem Morgen schmerzt mein rechter Fuß noch mehr. Schon das Hineinschlüpfen in den Schuh verursacht aua. Doch nach ein paar Schritten gibt sich die Sache und mit etwas Bewegung verlieren sich die Schmerzen. Vorerst.

Um sechs aufstehen, mit dem Zug um acht in das eine Stunde entfernte Kutna Hora. Kutna Hora hat eine beeindruckende Knochenkapelle anzubieten und vom Bahnhof aus sind es noch circa zwei Kilometer. Anschließend über die Kirmes laufen. Laufen, laufen, laufen.

Als ich wieder am Prager Bahnhof ankomme, sind meine Füße dabei, sich stark über die Anstrengung zu beklagen.

Ab in die Stadt und in den örtlichen Deichmann. Der Wachmann mit seinen eisblauen, kalten Augen beäugt jeden meiner Schritte, als ich mir in einem umständlichen Prozess, der aus anziehen, ausziehen und wieder neu anziehen besteht. Ich bin irritiert, bin es von Deutschland nur von der Kunsthalle gewohnt, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, aber nicht beim Shopping. Versuche, den Mann zu ignorieren, in ihm ein Möbelstück zu sehen. Er macht es mir schwer. Läuft an mir vorbei und beginnt, wie zufällig, die Schuhschachteln vor meiner Nase zu verrücken. Also ehrlich? Das Pseudo-Gerücke kannst du dir auch sparen…

Möbelstück, denke ich. Möbelstück. Die Dame an der Kasse scannt meine neue Shopping-Beute ein. Nachdem ich sie auf tschechisch begrüße, ist sie anschließend sehr irritiert, dass ich mit ihren weiteren Ausführungen nichts anfangen kann.

„Englisch? Polnisch? Deutsch? Ich muss nur wissen, wie ich sprechen soll.“ Fragt sie ungeduldig.

Unter den kaltblauen Augen des Security Mannes ziehe ich meine neuen, tollen Schuhe sofort an. Doch meine Füße sind inzwischen so zerschunden, dass selbst das nichts mehr bringt. Das weiche, flauschige Fell-Innenfutter, von dem ich mir so viel versprochen habe, beginnt seinerseits, an diversen Stellen zu reiben. Meine Fersen erholen sich, doch was nun schmerzt, sind meine Zehen.

Hunger. Essen suchen. Ist in Prag nun wirklich nicht schwer, doch ich will zu einem Lokal, welches ich mir im Vorfeld bereits ausgeguckt habe: dem Vytopna Rail Restaurant. Das ist am anderen Ende der Stadt, also los. Irgendwie kann ich es immer noch nicht wahrhaben, dass mich die (klitzekleinen, pah, wirklich ein Klacks) Wehwehchen in den Füßen von der Fortbewegung abhalten sollen.

Das Lokal ist voll. Übervoll. Die Menschen stehen Schlange, um hinein kommen zu dürfen. Nun, ich stelle mich nicht an, um eine Dienstleistung zu empfangen, wenn es vergleichbares auch ohne Anstehen gibt. Also zurück in die Altstadt, in das Lokal bei der Karlsbrücke. Schritt für Schritt.

Als ich mit dem Essen fertig bin, ist es bereits halb vier. Mit kurzen Unterbrechungen bin ich nun zehneinhalb Stunden auf den Beinen. Meine Füße verfluchen mich vermutlich – und ich sie umso mehr. Inzwischen nimmt mein Körper instinktiv eine Schonhaltung ein und ich gebe mir größte Mühe, nicht hinkend auszusehen.

Um fünf bin ich wieder im Hostel. Abends um halb zehn wieder in der Altstadt. Habe es immer noch nicht kapiert. Will keine Zeit verlieren, die kurze, kostbare Zeit, die ich nun mal hier in Prag verbringen darf.

Montag, Tag 4:

Als ich aus dem Bett komme, kann ich zunächst nicht stehen. Meine Beine versagen kurz ihren Dienst, nach ein paar Schritten jedoch kapieren sie wieder, was sie zu tun haben und nehmen ihn wieder auf. Meine Zehen habe ich wieder vergessen, doch sind es jetzt wiederholt die Fersen, die sich geschwollen und empfindlich anfühlen. Mit jedem Schritt gleichen die Schuhe tausend Messern, die sich in rohes Fleisch schneiden. Schritt-Schneid. Schritt-Schneid. Unglaublich langsam komme ich voran.

Dies wird heute ein sehr gemütlicher Tag werden, mein letzter Tag in Prag. Gemütlich schlendere ich durch die Stadt (etwas anderes ist auch außerhalb des Möglichen) und hoffe, beim Überqueren der Straße nicht überfahren zu werden – zum Wegrennen hätte ich einfach keine Kraft mehr. Etwa zwei Stunden verbleibe ich in der Absintherie, wo die süße blonde Barkeeperin vom Tag zwei heute arbeitet. Dann geht es zum Bahnhof. Gaanz langsam und im Versuch, das schneidende Messergefühl zu ignorieren sowie die Tatsache, dass die Messer immer tiefer zu schneiden scheinen.

Als ich nach der siebeneinhalbstündigen Busfahrt in Mannheim ankomme, kann ich nur noch humpeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.