Herberts Wanderung

Herberts Wanderung

Am nächsten Morgen höre ich das Klingeln des Weckers nicht, bis ich von Stefan angeschubst werde, der sich sogleich wieder auf die andere Seite dreht. Denn mein Wecker klingelt zur sog. „unchristlichen Uhrzeit“ (morgens um fünf). Denn ich mache heute mit Herbert eine Begehung über das weitläufige Farmgelände der Huab-Lodge.

Um kurz nach sechs, lange vor dem vereinbarten Zeitpunkt, bin ich im Haupthaus. In der Dunkelheit – der Himmel ist noch nicht einmal grau – taste ich nach dem Lichtschalter. Doch der funktioniert nicht, also vermute ich irgendwo einen Hauptschalter, der täglich einfach umgelegt wird. Meine Versuche, mit Zündhölzern und Kerzen Licht zu erzeugen, gebe ich nach kurzer Zeit auf und gehe zur Kaffeebar, wo ich mir im Schein meiner bewährten Taschenlampen-App einen gestrigen Kaffee einschenke. Währenddessen höre ich Bewegung im Haupthaus – ein Schatten läuft am Eingang vorbei, späht kurz, ohne stehen zu bleiben, in den Raum hinein und kurz darauf erleuchtet der gelbe Schein der Lampen das Haupthaus.

Dann ist Herbert wieder da und fragt, ob ich einen frischen Kaffee möchte. Ich winke ab.

Das Haupthaus ist im Grunde wie ein großes, offenes Dach auf Stelzen mit zweckmäßigen Zwischenwänden; ich stehe draußen auf der Terrasse und muss lächeln, als nach den Geräuschen der Nacht und den Zirpen der Grillen der erste frühe Vogel irgendwo im Baum wach wird und sofort ganz aufgeregt der ganzen Welt sein Wachsein verkündet.

„Wir warten noch ein paar Minuten.“ Sagt Herbert, der nach dem Rechten gesehen hatte und nun wieder neben mir steht. Die Begehung, oder der Morgenspaziergang, ist ein Angebot der Lodge an die Gäste und willige Teilnehmer können einfach ohne Voranmeldung um halb sieben im Haupthaus erscheinen. Doch wie es aussieht, würden wir heute Morgen wohl zu zweit bleiben.

Inzwischen ist es grau geworden. Herbert sagt: „Dann marschieren wir mal los.“

Wir setzen uns in Bewegung, querfeldein über den unebenen, mit Grasbüscheln bewachsenen Boden. Der nicht vorhandene Weg führt zunächst nordwärts, am Flussbett entlang und währenddessen erzählt mir Herbert Wissenswertes über die Farm und die Pflanzen- und Tierwelt. Ich stelle Fragen; vieles interessiert mich. Überrascht stelle ich fest, dass ich seinem Tempo gut mithalten kann.

Herbert und seine Frau Monika sind seit 1984 schon in Namibia. Hier auf der Farm arbeiten sie als Verwalter. Irgendwann nächstes Jahr läuft der Vertrag aus, und dann werden sie – hoffentlich, wie Herbert betont – auf eine andere Farm versetzt. Wenn alles gut geht. Die Farm gehört einem Deutschen, der noch nicht einmal hier im Land lebt. Er lebt in Deutschland und kommt zweimal im Jahr hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Die Farm erzeugt ihren Strom über Solar, ähnlich wie die Namtib-Farm, und sie versorgt sich mit allem anderen größtenteils selbst.

Ja, sagt Herbert – Raubtiere gäbe es hier auch – Geparden und Leoparden könne man hier schon antreffen. Während der Leopard gebietstreu bleibt, zieht der Gepard umher. Und wenn er Nutzvieh reißt und zum Problem wird, muss man ihn einfangen – oder abschießen.
„Aber ist er denn nicht geschützt?“ Frage ich.
„Doch.“ Sagt Herbert. „Aber was die ganzen Tierschützer nicht hören wollen, ist, dass die Gepardenpopulation seit den neunziger Jahren wieder stark angewachsen ist.“

Wir laufen am Flussbett entlang. Auf dem Farmgelände entspringen gleich drei Quellen, eine Kalt- und zwei Warmwasserquellen; eine davon ist das Becken, in dem ich gestern Nacht in der Dunkelheit plantschen war. Doch die haben, wie Herbert betont, mit dem eigentlichen Fluss rein gar nichts zu tun, denn der Fluss speist sich nicht aus diesen Quellen.

Eine der beiden Heißwasserquellen ist für Besucher umgebaut worden; nun zeigt mir Herbert die zweite. Ein kleines, zerfallendes Becken aus morschem Holz bietet die einzige Umrandung. Welch eine Verschwendung, denke ich mir, als ich sehe, wie all das heiße Wasser ungenützt im Flussbett versiegt. Doch für eine Bebauung ist das hier zu weit vom Haupthaus entfernt. Hier ist alles grün, die flachen Gräser, der Schilf. Als wir uns dem Fluss nähern, beginnen die Wasservögel laut zu schnattern. Herbert nennt mir die Namen der Vögel und ihre typischen Verhaltensweisen. „Dieser hier will nicht, dass wir hier sind, deswegen macht er so einen Lärm.“ Es gibt hier scheinbar kein Tier und keine Pflanze, die Herbert nicht kennen würde.

Über eine Anhöhe klettern wir einen Felsenhaufen hinauf. Hier lassen wir uns nieder. Und von hier aus sehen wir den schönen, roten Sonnenaufgang, die Sonne wieder dramatisch rot über der Ebene aufsteigend, scharf vom restlichen Himmel abgeschnitten. Frustriert stelle ich fest, dass die Kamera die Farben nicht so einfangen kann, wie sie wirklich zu sehen sind.

Herbert wartet, bis ich mit dem Fotografieren fertig bin, dann geht die Erkundungstour weiter. Er zeigt mir Pflanzen, Bäume.
„Mit dem Saft des Omuzumba-Strauches pflegen sich die Himba-Frauen, denn er duftet sehr aromatisch. Manche Arten davon duften süßer, manche frischer, mit diesem hier kann man sich gegen Moskitos schützen.“ Er bricht einen Zweig ab und reicht ihn mir. Ein grüner, nicht unangenehmer Duft steigt mir in die Nase.

Was er von all den Touristenbesuchen im Himba-Village hält, will ich von Herbert wissen; denn einen solchen planen Stefan und ich für den heutigen Tag. Einerseits üben Naturvölker, die ihre Kultur immer noch so leben wie seit eh und je, einen gewissen Reiz auf den modernen Menschen aus und wecken Neugier, doch andererseits kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, auf dem Weg in ein Museumsdorf zu sein. Ist es eine menschliche Ausstellung und haben wir das Recht, die Kultur der Himba im Rahmen einer Besichtigung vorgeführt zu bekommen? Oder ist die Neugier, das Interesse etwas Gutes und nur natürlich, denn wenn es nicht fremde Kulturen sind, die einen Reisenden dazu bringen, ein Reisender zu sein, was dann?

„Es ist ein Geschäft.“ Sagt Herbert nach einer kurzen Nachdenkpause. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wohl wissend, dass wir den Besuch gestern Abend vorgebucht haben. “

„Und hier…“ Wir gehen ein Stück weiter. „…ist der wohl einzige Baum mit Gehirn – der Mopane-Baum. Wenn man die Samenkapsel dieses Baumes öffnet, ähnelt der flache Samenkern darin auf unheimliche Art und Weise an das Gehirn eines Menschen.“
Ich erfahre, welche Tiere welche Löcher in die Erde graben und wie Termitenhügel entstehen. Wir sehen die Spuren von Bergzebras an den Wasserstellen. „Ich habe seit drei Wochen keine Zebras mehr gesehen.“ Sagt er. „Aber heute morgen waren sie eindeutig da.“

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