Deadvlei – Das surreale Todestal

Deadvlei – Das surreale Todestal

Deadvlei in Sossusvlei, Namibia

„How are you?“ Fragt uns die Frau und lacht über beide Ohren.
„Fine, and how are you?“ Antworten wir brav. Sie lacht noch breiter:
„Fine, fine! And how are you? Are you very fine?“
Die runde, namibische Mamma verkauft uns die Tickets für den Transfer zur berühmten Tonsenke in den Dünen des Naukluft-Naturparks, dem Deadvlei, dem unwirklichen Tal mit vielen toten Bäumen, die wie schwarze Mahnmale aus dem gleißend weißen Boden ragen. 

Der Transfer kostet 150 N$ pro Person, was bei einem Kurs von 1:15 ziemlich happig ist. Der Erwerb ist nicht zwingend, doch sollte man eine geländegängigen Wagen haben und über ein paar Kenntnisse verfügen, wenn man erwägt, sich auf eigene Faust zwischen die sandigen Dünen zu begeben, sonst ergeht es einem wie den zwei Mädels, die wir auf dem Rückweg aus dem Park angetroffen und die der Fahrer unseres Jeeps aus dem Sand gezogen hatte.

Und natürlich sollte man, nachdem man aus den Reifen seines gelängegängigen Wagens die Luft ein Stückweit rausgelassen hatten, möglichst zügig fahren und nicht anhalten, wenn es denn nicht notwendig ist und vermutlich aus diesem Grund fährt unser mürrischer Guide seinen Jeep nun wie der Henker. Viele glauben, die Guides hätten es mit ihren Fahrmanövern im Sinne, die Fahrgäste zu beeindrucken, doch oft hat es rein praktische Gründe.

„Are you fine?“ „Yeah!“ „Are you very fine?!“ „Yeah!“ „I can not hear you…!“ 😉

„Unsere“ Österreicherin, die mein runter von der Düne-Video an der 45 aufgenommen hatte, ist auch mit dabei; wie es der Zufall will, sitzt sie und ihr Mann auch jetzt mit uns im Jeep. Ich rufe in die Runde: „Wem schlecht wird – ich habe Iberogast dabei…“

Dann werden wir rausgelassen, der Guide erklärt uns kurz den Weg. Eigentlich – geradeaus in die angezeigte Richtung und im Zweifelsfalle den anderen Touristen folgen. Und diese sehen wir auch schon zwischen den Dünen auf und abgehen entlang eines ausgetretenen Trampelpfads. Bis zum Deadvlei mit seinen toten Bäumen ist es noch ein Kilometer. Ein Kilometer, der es jedoch in sich hat, denn zum Dünensteigen habe ich heute bereits eines gelernt: Es ist nie so einfach wie es auf den ersten Blick erscheint. Und so laufen wir los – und so beginnt Stefan neben mir, mehr oder weniger still zu leiden, denn durch die Wüste wandern wollte er heute eigentlich nicht.

Was uns erwartet, ist eine von Namibias bekanntesten Sehenswürdigkeiten: Es sind die weltberühmten Bilder des Deadvlei, die mir, von Reiseprospekten und Plakaten vertraut, im Kopf geistern. Inmitten Namibias roter Dünenlandschaft taucht sie plötzlich wie eine Erscheinung auf, eine gleißend weiße Fläche wie ein großes, weißes Nichts – und in diesem Nichts – die Bäume, schwarz, tot, verdreht, wie die Fingerknochen verdorrter, toter Hände, die sich aus dem Boden emporstrecken.

Malerisch. Seltsam. Unglaublich schön.

Es ist surreal, dort in der Senke zu stehen, zwischen all dem Weiß von Baum zu Baum zu gehen und sich, wie all die anderen Besucher, in der weiten Fläche verlieren. Faszinierenderweise fühle ich mich hier, obwohl noch andere Besucher hier sind, wie der einzige Mensch, wie das letzte lebendige Wesen auf diesem Planeten. Denn die Menschen hier verteilen sich, nein, sie verschwinden fast inmitten der weißen Fläche und der dunklen Baumgebilde; so klein die Senke von der Düne aus gesehen aussehen mag; schnell stellt man fest, dass die Personen, die eben noch vor einem zu sehen waren, plötzlich nur noch winzige Striche sind, die mit ihrer Umgebung verschmelzen.

Die Senke entstand, als der Tsauchab-Fluss seine Richtung änderte; das kleine Tal erstarb und wurde vom Wüstensand umschlossen; die Kameldornbäume verrotten seither langsam vor sich hin. So langsam, dass manche von ihnen über 500 Jahre alt sind – „Bitte die Bäume nicht berühren“, steht auf einem kleinen Schild.

Das vernehmliche Klicken einer teuren, japanischen Kamera holt mich wieder aus meinem meditativen Zustand heraus, ebenso die laute Stimme einer Touristin in Sonnenbrille und Shorts, die mit Hingabe afrikanische Lieder singt und sich so die für sie exotische Kultur einzuverleiben versucht.

Stefan wartet oben auf mich; als ich zurück komme, finde ich ihn auf dem Kamm einer Düne liegen und in der Sonne dösen (was sonst… 🙂 )

 

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