„Don’t give somebody love…“

„Don’t give somebody love…“

9 – 10 September 2017
Kalahari Anib Lodge, Namibia

Abends gibt es ein Buffet. Das für mich Interessante dabei ist das Fleisch der hier lebenden Antilopenarten, die zum sog. jagdbarem Wild gehören, also geschossen werden dürfen. Für mich die ideale Gelegenheit, mir Tiere einzuverleiben, die ich soeben bestaunt und fotografiert habe, was Stefan auch nicht versäumt, mir suffisant unter die Nase zu reiben.

Hotelbuffets aller Art, egal in welcher Ecke der Welt, haben eines gemeinsam: Eine altrömische Gladiatorenarena ist ein Streichelzoo dagegen. Diese triviale Rivalität ums Essbare überträgt sich wider Willen, und so verspüre auch ich große Lust, einem sich vordrängelnden Zeitgenossen meine Gabel in die Hand zu rammen.

Nach dem Essen sitzen wir draußen unter dem großen, mit einer Lichterkette beleuchtetem Baum und lästern ein bisschen über Safari-Hütte und den typischen Daktari-Look (ich dachte, den gäbe es nur noch in alten Filmen?).

Versonnen beobachte ich durch die offenen Terrassentüren das Treiben der Angestellten drinnen im Speisesaal. Dann erreicht mich Musik. Durch die verglaste Front kann ich sehen, wie sich die Mitarbeiter der Lounge in einer Reihe aufstellen und zu singen beginnen. Sofort haben sie die volle Aufmerksamkeit aller Gäste. Meine auch. Alle Köpfe wenden sich ihnen zu, manche Gäste beginnen, aufzunehmen. Ich stehe auf und trete näher.

Eine fröhliche Frau, die wir später als Doreen kennen lernen sollen, lacht, tanzt und klatscht in die Hände und ihr Gesicht scheint aus einem einzigen, breiten Lächeln zu bestehen. Sie ist ganz vorne mit dabei. Sie – und ein großer, schlanker Mann am Ende der Reihe – gehen ab wie Radieschen. Die Gruppe singt namibische Lieder und das wird vom Publikum sehr dankbar aufgenommen. Sie sind stolz auf ihre Kultur und das spürt man, nichts davon wirkt „für Touristen“, auch wenn es natürlich für Touristen und kein spontanes Ständchen ist. Doch, obgleich Teil des Unterhaltungsprogramms, das es in der Anib Lodge fast jeden Abend zu sehen gibt; die Menschen tun es gerne.

„Du siehst so verträumt aus.“ Sagt Stefan, als der Tanz zu ende ist und der Klang noch in meinen Ohren nachhallt. Während der Vorstellung hat es mich in den Speiseraum gezogen, um besser sehen zu können, doch nun sitze ich wieder draußen bei ihm am Tisch, unter dem großen Baum. Nichts als das Geräusch der Nachtgrillen ist zu hören.
„Wie ein Kind, das mit großen Augen staunend alles betrachtet. Das ist dein Traumurlaub.“ Sagt er. „Jetzt bist du endlich hier.“

Ja, jetzt bin ich hier – und nun beginnt auch mein Kopf, das endlich zu begreifen. Der Tanz der Menschen da drinnen war für mich heute wie eine Brücke in die Gegenwart. Er half mir, die Menschen hier ein wenig besser zu begreifen. Und söhnte mich ein Stückweit mit den anderen Besuchern aus. Denn als das Buffet eröffnet wurde und der Besucheransturm den Menschen dahinter kaum Beachtung schenkte, war es so, als hätten die meisten diese Mühe, die hinter alldem steckte, nicht wirklich zu würdigen gewusst. Die Liebe zum Detail, das Lächeln, das freundliche Wort. Jetzt denke ich, dass wir Europäer einfach nur so sind – etwas distanziert, ein wenig misstrauisch, leicht unterkühlt. Abwartend, prüfend. Zumindest beim ersten Mal.

Doch die Menschen in der Anib Lounge entlocken uns ein Lächeln.

 

Doreen

„Coooffee, Coffee, Coffeee…?!“ Ertönt der Ruf und schallt quer durch den Frühstücksraum und durch meinen noch im Halbschlaf weilenden Kopf. Eine aufgedrehte Doreen tänzelt von Tisch zu Tisch und voila! Schon ist meine halbvolle Kaffeetasse wieder voll und meine um diese Uhrzeit so semi-gute Laune gestiegen. Doreen läuft zur Hochform auf, lacht und singt, tanzt von einem Tisch zum anderen und stampft ab und an mit dem Fuß auf, denn im Radio läuft allen Anschein nach ihr Lied. „Namibia, Namibiaaa…“ Höre ich, und gleich wieder: „Coffee, Coffee, Coooffeee?“ Also, wer jetzt noch nicht mitbekommen hatte, dass es Cooooffeee gibt… Mit abgestütztem Kinn beobachte ich Doreens Weg durch den Saal.

Wir haben beide den gleichen Gedanken, doch Stefan spricht ihn aus:
„Vielleicht will sie ja ein Selfie mit uns machen?“

Sie will. Fröhlich tänzelt sie mit uns nach draußen, wo sie gleich mal eine Jungen mit dem Foto beauftragt. Noch besser als ein Selfie.
„Bei ihrem Lächeln zerspringt die Linse.“ Der Junge lacht.

Nach dem Frühstück gehen wir noch einmal spazieren, Hand in Hand, über die rote Erde der Kalahari, an hohen, schlanken Termitenhügeln vorbei. Die Landschaft leuchtet rötlich. Die Erde ist feuerrot. Der rötliche Schimmer dringt morgens noch vor dem Sonnenaufgang durch die weißen Gardinen des Zimmers. Und der Geruch der Erde ist überall. Die Kalahari hat ihren ganz eigenen Geruch, der nach dem Regen (oder was man hier dafür hält…) wahrzunehmen ist. Man hatte versucht, den ganz eigenen, erdigen Geruch in den Pflegeprodukten einzufangen, die bei uns im Bad stehen.

Überraschend, wie aufdringlich die Fliegen hier sein können. Unbeirrt suchen sie Mund, Ohren und Augen. Ein genervter Stefan dreht sich auf dem Absatz um und verzieht sich wieder in Richtung Lodge.

Als wir die gepackten Koffer in Richtung Haupthaus und Rezeption ziehen, begleiten uns Scharen weißer Schmetterlinge, die sich neben dem Weg auf der feuchten Erde niederlassen. Welch eine schöne Eskorte. Selbst Stefan würde jetzt gerne länger bleiben.
„Da draußen zu sitzen und auf die Tiere zu schauen ist einfach so entspannend.“
Doch es geht heute weiter zum Canyon Roadhouse, von wo aus wir den Fish River Canyon besuchen werden, den zweitgrößten Canyon der Welt.

Auf dem Weg zur Rezeption hoffe ich, Doreen noch einmal zu sehen. Gestern Abend, als wir vom Besuch des Game Parks wieder in die Lodge kamen, hatte sie uns abgefangen. „Hello! How are you?“ Fragte sie und grinste breit. Sie fragte uns, was wir den Tag über so getrieben hatten.
„Wir waren im Game-Park.“ Sagte ich zu ihr. „Nach Tieren Ausschau halten. Wir fotografieren alles, was uns vor die Linse kommt. Touristen eben. Für uns ist jeder Baum und jeder Stein interessant…“

Überhaupt ist es hier nicht unüblich, dass uns die Menschen, sei es der Kellner oder der Gärtner, der morgens in aller Frische die Pflanzen versorgt, fragen, was wir so unternommen haben. Stefan reagierte darauf zunächst mit Verwirrung – die deutsche, abwartende Zurückhaltung…

Als wir an der Rezeption ankommen, ist Doreen da, sie steht neben Lorenzo und packt einer Kundin ein Souvenir ein. Nachdem wir unsere Rechnung beglichen haben, sage ich zu ihr, was mir schon heute Morgen beim Frühstück so durch den Kopf ging: „Doreen, you make the Anib Lounge shining.“ Daraufhin strahlt sie noch mehr.

Ich will von ihr wissen, wie es sich mit den vielen Anhaltern auf Namibias Straßen verhält.
„Können wir sie mitnehmen oder sollen wir das lieber sein lassen?“ Frage ich sie.
„Mitnehmen? Nein – Gott, nein!“ Sowohl sie als auch Lorenzo machen schlagartig ernste Gesichter und schütteln die Köpfe. „Bloß nicht!“

„Die Menschen sehen sofort, dass ihr nicht von hier seid“, sagt Doreen. „Sobald sie bei euch im Auto sitzen, checken sie euch ab, schauen, was ihr habt. Vielleicht geht es gut, vielleicht aber auch nicht. Es ist zu unsicher für euch. Don’t give somebody love.“ Das wiederholt sie noch zwei oder drei mal. „Ihr seid hier um Urlaub.“ Sagt sie. „Macht euch den Ärger nicht, das braucht ihr nicht zu tun. Genießt euren Urlaub und fahrt immer sicher.“

Und während sie uns zum Abschied drückt, sagt sie nochmal eindringlich:
„Drive safety – and think about it: Don’t give somebody love…“

Christabelle alias Doreen

 

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