Katar – Jenseits des Gesetzes

Katar – Jenseits des Gesetzes

Mannheim, Deutschland
6 September 2017 – Tag der Abreise

Noch vor dem Klingeln des Weckers bin ich wach. Ein heißes Bad bringt meine Lebensgeister zurück. Wir packen unsere restliche Habe in die riesigen Koffer zusammen. Ein Taxi bringt uns zur Bahn.

Frankfurt Airport

Cappuccino, leise Musik. Die großen, schwarzen Anzeigetafeln, allesamt gesponsert vom Uhrenhersteller Branding, zeigen weit entfernte Städte der Welt, Flugnummern und Abflugzeiten. Sie sind wie eine Speisekarte; scheinbar zum greifen nah liegt Kuweit, London, Istanbul… liegt die Welt ausgebreitet vor mir und ich brauche nur die Hand auszustrecken, um nach ihr zu greifen.

Nach 6 Stunden Flug, um 1:30 Uhr in der Nacht, setzt Qatar Airways in Doha zum Landeanflug an.

7 September 2017 –  Plaza Inn Hotel in Doha, Katar

Die Ankunft, das Einchecken – alles nochmal gut gegangen. Wir sind erleichtert und erledigt, aufgekratzt und ausgelaugt. Spüren, dass wir Schlaf brauchen und doch sind wir – bin ich – nicht imstande, die Augen zu schließen. Angekommen.

In Katar (wie auch in anderen so beliebten Urlaubszielen am Arabischen Golf wie Dubai, Oman oder Abu Dhabi) bildet die Sharia die Grundlage der Gesetzgebung. Und um alle Missverständnisse gleich vorweg zu räumen – sie gilt auch für Touristen. Indem ich mir mit Stefan – unverheirateterweise – ein Hotelzimmer teile, verstoßen wir gegen geltendes Recht. Doch sowohl die Emiratis als auch die Kataris wollen ihr Land für Urlauber attraktiv machen, wollen, dass sich Touristen hier wohl fühlen. Und so drücken sie in solchen Fällen alle Augen zu. Das gilt allerdings nur, solange man nicht – aus welchen belanglosen Gründen auch immer – mit der örtlichen Polizei in Kontakt gerät…

Die Sonne vor dem Fenster wirkt schwach und fahl, fast etwas schüchtern. Der Wind weht ums Hotelgebäude und übertönt mal für mal das monotone Summen des Stromaggregates auf dem Dach vor unserem Fenster. Fast könne man, schließe man die Augen, der trügerischen Illusion erliegen, man sei hier an der Nordsee.

Doch wie sehr das trügen kann, wurde uns gestern Nacht bewusst, als uns die schwüle, heiße Luft, die wie ein zugefächerter Saunaaufguss wellenartig auf uns zukam, uns beinahe erschlagen hätte. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, als eine feuchtheiße Brise. Das hatte etwas von einem Dampfbad.

Die Nacht davor, als wir, ökonomisch verstaut in der Economic Class sitzen, habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit, katarische Frauen in Vollverschleierung zu beobachten. Schon am Flughafen faszinieren sie mich und ich sehe aus den Augenwinkeln hin, ohne hinzusehen. Und – allen gängigen Klischees zum Trotz – sehe ich nirgends die unterdrückte Frau. Ich sehe stolze Frauen mit hoch erhobenen Häuptern und hochmütigem Blick, die glänzende Design-Handtasche selbstverständlich an der Schulter, einen feinen Duftschleier schweren, teuren Parfüms mit jedem ihrer Schritte hinter sich herziehend, der sich hier und da in meiner Nase verfängt.

Qatar Airways gehört zu den sichersten Flotten der Welt, die Airline hatte bislang nur eine Maschine verloren, eine ziemlich gute Bilanz.

Am Flugzeug selbst sind drei Kameras befestigt, wodurch der Fluggast das Ausrollen und Abheben der Maschine beobachten kann. „So etwas hat Lufthansa nicht,“ wir sind begeistert.

Wir überfliegen ein Lichtermeer. Ankara. Wir überfliegen gerade die Türkei. Da Katar von den Golfstaaten isoliert wurde und somit der Luftraum für Katar-Flüge gesperrt, fliegen wir über den Iran. Die Flugbegleiterinnen am Bord erfüllen jeden Wunsch. Der junge Katari neben uns (ist es einer?) schießt sich seit einer Weile mit Gin Tonic ab. Stefan versucht, die zigarettenlose Zeit mit Nicotin-Pflastern und ohne Beruhigungsmittel zu überbrücken.

Die Frau in der Abaya kümmert sich um ihre schlafende Tochter. Ich finde, dass Frauen in einer Vollverschleierung etwas vollkommen Unschuldiges ausstrahlen. Niemals würde ich einer solchen Frau etwas Böses zutrauen. „Die Frau unter einer Abaya ist eine Privatperson im öffentlichen Raum“, hatte ich mal gehört. Irgendwie gefällt mir der Gedanke.

Kurz vor der Landung wird ein Film eingeblendet – der Hamad International Airport stellt sich vor, viel Licht und Design; weiß gewandete Männergestalten schweben mit ihren Frauen lächelnd über Rolltreppen, begrüßt von einem ebenso lächelnden Flughafenpersonal. Gut gekleidete europaische Besucher sind zu sehen; schließlich will sich das Land nach außen hin öffnen. Ich hatte ein oder zwei Stunden lang mehr schlecht als recht geschlafen, sehe nun die Bilder über den Schirm flackern und fühle mich wie aus einem Traum erwacht und direkt in den nächsten hinein geschlittert. „Das wird mich umhauen.“ Sage ich zu Stefan. „Soeben wach geworden und dann dieser totale Kulturflash.“

Hamad International Airport

Aussteigen, über den Flughafen torkeln, auf der Suche nach dem richtigen Ausgang. Der Flughafen ist riesig, stylish und ohne jegliches sichtbare Werbesponsoring. Nix da mit Breiting-Fluganzeigetafeln – die Kataris zahlen alles selbst. Doch verlaufen können wir uns gar nicht, denn an jeder Ecke stehen Flughafenmitarbeiter, die uns helfend zur Seite stehen wollen und den richtigen Weg weisen. So landen wir also in dem „arrival“ Bereich derer, die in das Land einreisen. Weiß gewandete Männer aus dem Video schweben mit ihren verschleierten Frauen an uns vorbei und ich versuche, sie gar nicht zu beachten. Kataris (wie sicher die meisten anderen Menschen auch) mögen es nicht, angestarrt zu werden, jedoch ist die gegenseitige Neugier Besuchern gegenüber ebenso groß, wie wir später noch feststellen sollen, und so registrieren auch wir den einen oder anderen verstohlenen, neugierigen Blick.

An der Sicherheitskontrolle hält der streng dreinschauender katarischer Beamte meinen Pass sehr lange in der Hand. Er schaut auf einen Bildschirm, wartet auf etwas. Die Minuten ziehen sich dahin. Um ihn nicht ständig anzustarren schaue ich zurück, lasse meinen Blick über die Reihen der Wartenden gleiten. Von jedem Einreisenden wird im Zuge der Passkontrolle ein Foto gemacht. Auf die vorgeschriebene Stelle stellen, kurz in die Kamera schauen. Dann warten. Als Stefan dran kommt, behält der Katari meinen Pass noch in der Hand. Ich rücke zur Seite, um Platz zu machen, komme aus Versehen an die verschlossene Schranke, die sofort einen Alarm auslöst. Brav rücke ich wieder ein Stückchen näher. Der Beamte schaut nicht auf, er zuckt noch nicht einmal.

Der Flughafen von Doha ist gigantisch. Stylische Designelemente, eine ultramoderne Architektur, viel Glas und eine Decke aus hellem Holz. Wir kommen an einem Wasserspiel vorbei. Und ich tue, als würden mich die weiß gewandeten Gestalten nicht im Geringsten interessieren.

Die Männer gehen nicht, sie schreiten. Langsam und bedächtig, aufrecht und erhaben setzen sie einen Fuß vor den anderen. Wie Fabelwesen wirken sie auf mich, einem Märchen entnommen und in die Gegenwart gesetzt. Verloren geht man am Flughafen nicht. Wie schon erwähnt, an jeder Ecke stehen Mitarbeiter bereit, die uns ansprechen, sobald wir ein wenig verloren gucken. Jeder möchte helfen. Ich fühle mich auf Anhieb wohl.

Unser Transfer zum Hotel ist noch nicht da. Ich schaue auf die Uhr – es ist halb drei Uhr nachts – Ortszeit. Der Mitarbeiter an der Rezeption telefoniert für uns mit dem Hotel. Die katarische, schwarz gewandete Mitarbeiterin lächelt mich an, als Stefan mich zur Unterstützung zur sich holt. Denn beinahe alles wird mit ihm verhandelt – hier, anders als in der westlichen Kultur, wird alles Organisatorische von den anwesenden Männern geregelt, die Frauen sollen sich um solche Dinge nicht kümmern müssen. Es ist ein Teil der Fürsorge, die in der islamischen Welt der Frau zugedacht wird. Ich jedenfalls werde das Gefühl, mich zurücklehnen zu können, sehr schnell genießen lernen.

Eine kurze Zeit später kommt Herr Omar und nimmt sich unserer an. Wir wissen zunächst nicht wirklich, wer Herr Omar eigentlich ist – wie sich später herausstellen sollte, ist er ein Mitarbeiter des Flughafens, anscheinend für Gästebetreuung zuständig (nimm das, Frankfurt Airport!). Wie selbstverständlich nimmt er meinen Koffer, als wir zum Bus laufen. Nach weiteren Minuten ist alles erledigt und wir schauen aus dem fahrenden Bus in die erleuchtete Nacht hinein. Wir haben uns um nichts kümmern müssen, alles wurde für uns organisiert.

Freundliche Kataris.

Die Laternen sind bunt leuchtende Säulen, die die Straßen in allen Farben säumen. Die Stadt leuchtet, die farbigen Pfähle mit den imprägnierten arabischen Schriftzeichen weisen uns den Weg. Teure Autos ziehen an uns vorbei, es herrscht um diese Uhrzeit nicht viel Verkehr auf den Straßen von Doha. Ein seichter Dunst scheint über der Stadt zu schweben, verleiht allem einen milchigen Schimmer. Arabisch anmutende Bauten wie aus 1001 Nacht tauchen in unserem Gesichtsfeld auf, um dann wieder in der Nacht zu verschwinden.

Dann sind wir da, wir stehen, die Koffer in der Hand, vor dem Plaza Inn Hotel.

Plaza Inn Hotel, Blick aus dem Fenster

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