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Wer hat Schiss vor der Polizei? – eine Silvesternacht in Warschau

Mit diesem Beitrag nehme ich teil an Carolas Blogparade: „City-Silvester, die besten Städte zum Jahreswechsel“. Weitere tolle Beiträge zum Thema gibt es für Euch nachzulesen auf travelling.carola – Reiseblog für Freizeitnomaden.

Silvester in Warschau, abends um halb sieben.
Die Temperaturen stiegen noch weiter an und nun erfreuen wir uns gemütlich-herbstlicher elf Grad Celsius. Eine allgemeine Aufbruchsstimmung ist zu spüren, als wir über die dunklen, nass glänzenden Straßen fahren.

Ab und zu ist eine Polizeistreife zu sehen, vermutlich damit beschäftigt, Präsenz zu zeigen und die stockbetrunkenen Polen, Russen und Ukrainer einzukassieren, die naturgemäß die Angewohnheit haben, bei feierlichen Anlässen des öfteren über die Stränge zu schlagen. So erzählte mir meine Freundin von diversen Verkehrsunfällen und zerschlagenen Flaschen, die auf Köpfen anderer Feierwütiger landeten. Doch noch ist es früh am Abend und von Exzessen bislang nichts zu sehen.

Die Warschauer Innenstadt ist prachtvoll erleuchtet: Häuser, Brücken und Parks strahlen in verschiedenen Farben, das Warschauer Stadion blinkt in einem rot-weißen Licht-Arrangement. Von der Schnellstraße aus ist rechts die Altstadt zu sehen, ein Gegenpol zu all den lichtgefluteten Brücken an der Weichsel zu unserer Linken. Wir drehen etwas rabiat an der nächstgelegenen Ampel („ich bin nicht von hier, ich darf das“, sagt Stefan todesmutig, während das Auto beinahe einmal um die eigene Achse schlittert) und schon ziehen wir wieder langsam an den beleuchteten Gebäuden der Altstadt vorbei, auf der Suche nach einer Parkmöglichkeit.

Die vorhin erwähnte Polizeipräsenz hält an, und da die Polizeipräsenz anhält, ist eine Limousine der polnischen Beamten das Nächste, was wir sehen, als wir auf einen großen, dunklen Parkplatz abbiegen. Die Polizisten selbst stehen in Form einer Traube um das blau blinkende Fahrzeug verteilt, das die Straße zur Altstadt hin für den fließenden Verkehr sperrt. Aber da wollen wir ja gar nicht lang, wir wollen gleich hier links auf den Parkplatz, ja, genau dahin, und schau mal, Schatz… hier wäre sogar noch etwas frei…

„Schatz'“Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse. „Ich glaube, mir ist schlecht.“ Ohne ein weiteres Wort verlässt er den Parkplatz und steuert wieder den immer dichter werdenden Verkehr der Schnellstraße an. Währenddessen beobachte ich verwundert, wie schnell so ein menschliches Gesicht kreidenblass werden kann. „Ich muss zum Hotel.“ Sein Magen rumort, sagt er. „Es begann in dem Moment, als ich die Polizei gesehen habe…“

Nun, ein wenig kann ich ihn ja verstehen. Ein fremdes Land und eine verstärkte Präsenz einer Polizei, die man nicht kennt und auch nicht einschätzen kann. Verkehrsvergehen, vor allem die das Tempolimit und die Alkoholdelikte betreffend, werden in Polen besonders streng geahndet und das ist auch dringend notwendig, denn meine Landsleute fahren teilweise – entschuldigt den Ausdruck – wie gesengte Säue. Und obwohl die Polizei vergleichsweise zu deutschen Großstädten hier nun wirklich nicht allzu häufig zu sehen ist, fuhr schon das eine oder andere Mal so eine Streife vor uns entlang oder an uns vorbei. Schon da konnte ich beobachten, wie mein Liebster zusammenzuckt, nochmals das Tempo drosselt (nicht, dass wir über dem Tempolimit unterwegs gewesen wären…) und das weißblaue Fahrzeug neben sich mit Argusaugen beobachtet. Doch diejenigen, die jetzt an übereifrige polnische Polizeibeamte denken, die mit Vorliebe deutsche Fahrzeuge anhalten und voller Leidenschaft nach Formfehlern suchen, muss ich enttäuschen: Nichts dergleichen ist geschehen. Die Jungs haben genug anderer Dinge zu tun – die schon erwähnten, betrunkenen Russen (und Polen) aus dem Verkehr ziehen beispielsweise.

Vor ein- oder zwei Tagen allerdings, da konnte sich Stefan vor einem Costa-Cafe in der Warschauer Innenstadt mit eigenen Augen von der Effizienz der polnischen Polizei überzeugen.

Und das war so: Stefan sitzt da und trinkt gemütlich seinen Cappuccino, der natürlich einen Bruchteil dessen kostet, was er in der Bundesrepublik dafür hingeblättert hätte. Aber unerheblich, weiter: Er sitzt also da und trinkt seinen Cappuccino, da betreten drei junge, deutsche Gäste das Cafe. Gott Odin auf den T-shirts, Parolen auf den Lippen. Sie bauen sich vor der Kasse auf und, sich fremdschämend, beschließt Stefan spontan, für den Augenblick seinen Mund geschlossen zu halten und sich zu seinen Landsleuten nicht zu bekennen.

Die polnische Bedienung ist allerdings nicht auf den Mund gefallen, sie schaut alle drei an und sagt – im feinsten Deutsch:
„KEINE Neonazis.“

Die drei sehen das anders und wollen bleiben, doch schon beginnen die ersten männlichen Gäste, einer nach dem anderen drohend aufzustehen. Die Jungs besinnen sich eines Besseren und verlassen das Costa-Cafe. Draußen randaliert es sich eh viel schöner. Und ein bisschen Zeit, bis irgend einer endlich mal die Polizei ruft, bleibt einem ja immer.

Denkste. Bis die Cops kommen, vergehen just wenige Minuten, und schon finden sich unsere drei „Helden“ in der kräftigen Umarmung der Ordnungshüter wieder. Einer der dreien findet das gar nicht lustig und beginnt, sich zu wehren, doch der Beamte legt ihm eindrucksvoll nahe, dass das keine gute Idee ist. Nur ein kurzer Schlag mit dem Schlagstock, ausgeführt von einer flinken Hand, und der Junge kommt schnell zu der Einsicht, dass Stillhalten wohl besser für ihn gewesen wäre. Er findet sich im nächsten Augenblick, Hände auf dem Rücken wie im guten, alten Krimi, auf dem Boden wieder. Ja, mit unserer Polizei ist nicht gut Kirschen essen…

 

„Wir werden dich nicht melken!“ Eine der vielen Milchbars in Warschau

 

Alte, gute Hausmannskost 🙂

So nicke ich verständnisvoll, als wir uns wieder in den Verkehr einreihen und zurück zum Hotel düsen, wo Stefan sogleich auf dem Zimmer verschwindet. „Hattest du beim Anblick der Polizei etwa die Hosen voll?“ Frage ich ihn hinterher. Findet er nicht witzig. Nein, das findet er gar nicht witzig. Und ich habe, offen gestanden, gar nicht mal unsere Jungs in Uniform, sondern vielmehr den aufgewärmten Hotdog von der Tanke von vorhin in Verdacht, der sich, wer weiß wie lange schon, auf seiner heißen „Sonnenbank“ drehte. Oder vielleicht war es die Soße. Oder beides?

Wir fahren wieder los. Wieder an den leuchtenden Brücken, den vielen blinkenden Lichtinstallationen und der stimmungsvoll erleuchteten Altstadt vorbei.

Wir haben kein Glück. Denn als wir uns am Parkplatz einfinden, beginn die Geschichte, sich zu wiederholen. Wieder verlassen wir eilig den Parkplatz und reihen uns in den fließenden Verkehr ein und wieder düsen wir zurück ins Hotel. Und ich sehe bereits vor meinem geistigen Auge mein Silvesterfeuerwerk in Warschau sich buchstäblich in Luft auflösen.

Auf dem Zimmer spicke ich Stefan erstmal mit Magentabletten voll. Mit allen, die ich finden kann. Und dann warten wir und harren der Dinge, die da (oh, welch reizendes Wortspiel!) noch kommen mögen.

Nach etwas über zwei Stunden im Hotel, es ist inzwischen viertel vor elf, erhebt sich ein mit Chemie vollgespickter Stefan und sagt: „So, wir können.“ Und ich bete im Stillen, dass die Streife inzwischen weiter gefahren ist. Oder dass wir eine andere Parkmöglichkeit finden. Oder beides.

Wir finden einen bewachten Parkplatz nahe der Altstadt und diesmal schaffen wir es auch, das Auto abzustellen. Na, das ist doch schon mal etwas.

Hand in Hand spazieren wir an der Weichsel entlang, zu unserer Linken erheben sich die Mauern der Altstadt. Die Lichtinstallationen sehen wunderschön aus, all die Bäume, Blüten und wunderliche Figuren. Die im Winter abgestellten Wasserfontänen leuchten in weißblauen Licht und die Bewegung der Lichter gibt die aufsteigenden Wassersäulen wieder. Ein dicker, weißer Schriftzug „I love Warsaw“ zieht von weither die Blicke auf sich und Gruppen lachender Menschen lassen sich davor fotografieren. Die Straßen glänzen nass und ein milder Luftzug umweht unsere Gesichter. Manch ein Ungeduldiger lässt jetzt schon sein Feuerwerk los, das einzeln in bunten Explosionen über der Weichsel niederregnet. Die Fröhlichkeit ist förmlich greifbar, eine angeheiterte Stimmung liegt in der Luft. Die lange Treppe zur Altstadt hoch ist mit vielen Lichterbögen erleuchtet und unten durchlaufende Pärchen bleiben immer wieder stehen und machen Selvies. Ich bin aufgeregt und glücklich und auch Stefan scheint, seinen störrischen Magen vergessen zu haben.

In der Altstadt treffen wir auf noch mehr Lichter. Immer mehr Menschen sind zu sehen. Wir laufen an Kirchen, leuchtenden Weihnachtsbäumen und alten oder im alten Stil wieder aufgebauten Hausfassaden vorbei. Die Warschauer Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg beinahe komplett dem Erdboden gleichgemacht und das, was wir heute sehen, ist aus den Trümmern mühevoll anhand Beschreibungen und alten Fotografien neu aufgebaut worden. Man sagt auch, die Warschauer Altstadt sei die jüngste „Altstadt“ Europas. Wie Phönix aus der Asche, denke ich mir, und während Malereien und kleinere Statuen vor mir im Zwielicht der Laternen aus dem Halbdunkel auftauchen, bin ich stolz.

Die nächtlichen Straßen der Altstadt

Je tiefer wir in die Altstadt kommen, umso mehr Menschen sind zu sehen. Alle sind in Bewegung, es ist zwanzig vor zwölf. Eine allgemeine Aufbruchsstimmung ist zu spüren. Ich höre einen Mann neben mir telefonieren: „So, wir können dann jetzt rüber kommen.“

„Rüber“, das heißt in diesem Fall zum Schlossplatz hin, wo die Statue des König Zygmunt I steht und wo am Königsschloss das Silvesterfeuerwerk stattfindet. Wir laufen an schönen, alten Hausfassaden vorbei, an kleineren Geschäften und an Restaurants, die heute Nacht allesamt geöffnet haben. Die Öffnungszeiten von Geschäften und Wirtschaften sind in Polen nicht staatlich geregelt und so wittern die Wirte in der heutigen Nacht das Geschäft ihres Lebens. Belgisches Bier, polnische Küche, ein jüdisches „zum Samson“ oder eine italienische „Mamma Rita“ – der hungrige Magen hat hier freie Auswahl.

Wir durchqueren den Barbakan, die sehr gut erhaltene, ehemalige Verteidigungsanlage der Stadt, und kommen zum Maktplatz, in dessen Mitte um die Statue der Sirene, das Wahrzeichen Warschaus, Groß und Klein auf ihren Schlittschuhen im Kreis über die Eisfläche flitzen, die im Schein der Weihnachtsbeleuchtung schon verdächtig wässrig glänzt. An den bemalten Hausfassaden um den Marktplatz herum fließen langsam Schneeflocken aus Licht herunter.

Auf dem Marktplatz ist ein Weihnachtsmarkt aufgebaut und er macht nicht den Anschein, als würde er heute Abend noch schließen. Auch gibt es hier Alkohol, angeheiterte Menschen stehen an Heizpilzen und wärmen ihre Hände an Tassen mit Glühwein.

Das mit dem Alkohol erwähne ich so explizit, da es in ganz Polen seit einigen Jahren verboten ist, in der Öffentlichkeit zu trinken. So versucht man, irgendwie der alljährlichen Eskapaden Herr zu werden. Doch wie schwer eine Meute Menschen in Feierlaune zu kontrollieren ist, werden wir später noch sehen…

Der Barbakan in einem Lichterkleid

Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz

Es ist zehn vor zwölf. Am Königsschloss hat sich bereits eine wogende Menge versammelt. Gestylte Menschen mit Sekt- und Bierflaschen in der Hand stehen wie ein wogendes Meer um die Königssäule herum, scheinen, an ihr nach oben gelangen zu wollen. Sie halten Leuchtstäbe in der Hand, leuchtende Mützen und Haarreifen mit Ohren blinken im Dunkeln und über allem ist wie ein einziges Rauschen das Gewirr der Stimmen zu hören. Ab und zu läuft die Polizei vorbei und die Bier- und Sektflaschen verschwinden für einen Augenblick, um dann, nach einem aufmerksam umher geworfenen Blick, just wieder aufzutauchen.
„Eigentlich hätten wir uns an der Tanke auch zwei Kurze mitbringen können.“ Sagt Stefan voller Bedauern zu mir. Übervorsichtig wie wir sind, haben wir das natürlich nicht gemacht.

Auf dem Schlossplatz sind einige Touristen zu sehen. Viele sind vermutlich eigens zu Silvester in die polnische Hauptstadt gekommen; in unserem Hotel war heute Morgen kaum ein Tisch mehr frei. Wir hören viel russisch und slavische Dialekte um uns herum.

Das erste Feuerwerk startet zu früh. Eine Reihe weißer Raketen geht vor der Zeit noch vor der Schlossmauer los. Ungläubig starren viele auf die Uhr, es sind noch volle fünf Minuten vor zwölf. Schwer zu sagen, ob dem Pyrotechniker ein Fehler unterlaufen ist oder ob das ein Feuerwerk „von privat“ war. Doch immer mehr einzelner Raketen werden abgefeuert und schließlich zücke ich mein Handy. Die meisten Feuerwerkskörper sind über dem Schloss zu sehen. Die fließenden Leuchtsterne, die leise an der Schlossfassade entlang gleiten, als wir ankommen, werden nun abgestellt. Die Menge feuert nun alles in den Himmel, was sie aufzubieten hat. Und da bei uns in Polen ganz andere Pyrotechnik erlaubt ist als hierzulande, erschüttern auch mal stärkere Druckwellen den Schlossplatz, die bis ins Mark zu spüren sind und immer wieder in Geschäften die Alarmanlagen auslösen. Das laute Heulen der Sirenen bildet zusammen mit dem Spektakel am Himmel eine stimmungsvolle Harmonie.

Die eben erst hinter dem Rücken versteckten Sektflaschen kommen wieder zum Vorschein. Unsere Warschauer stoßen an – oder sie haben es vorher schon getan, denn so mancher von ihnen schwankt bereits verdächtig. „Die sind nicht angeheitert, die sind hackedicht.“ Sagt Stefan. Eine junge Frau kommt uns in wellenartigen Schritten entgegen, hochkonzentriert auf sich und den Bürgersteig setzt sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen, zwei Sektgläser fest mit der Hand umklammert. Wenn sie jetzt hinfällt, dann sollte sie zumindest vorher diese Gläser loslassen, sonst tut sie sich ernsthaft weh, denke ich mir.

Wir beschließen, zurück zu laufen, zwischen den alten Häusern auf den Marktplatz mit seinem kleinen Weihnachtsmarkt zu. Hier gibt es heiße Schokolade, Glühwein, und die Schmalzbrote mit sauren Gurken lachen mich auch an. „Den Wein mit Schuss?“ Fragt mich die hübsche, blonde Polin. Es gibt Kirsch-, Haselnuss- oder Himbeerlikör zu Auswahl. Sie ist großzügig – mein heißes Getränk hat ganz schön Bums. Stefan verschluckt sich beinahe daran. Das nenn ich Glühwein auf polnisch!

Zerbrochene Flaschen liegen auf dem Boden und so mancher schleift bei seinen Schritten große Glasstücke mit sich. Neben uns feiert eine russische Familie das neue Jahr. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter. Noch – noch haben die Gäste nicht zu viel, noch ist es ein fröhliches Schwanken über dem glänzend nassen Boden. Doch wir wollen nicht warten, bis die Stimmung umschlägt. Gerne würde ich die Silvesternacht in einem der vielen, geöffneten Kneipen und Lokale ausklingen lassen, doch besoffene Osteuropäer sind unberechenbar.

Der Wachmann im Parkwächterhäuschen wünscht uns in gutem deutsch ein schönes neues Jahr.

 

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travellingcarola
Februar 10th, 2018 at 8:01 am

Liebe Kasia, ich habe gerade auf «Veröffentlichen» gedrückt und meine Zusammenfassung zur Blogparade ist nun online: http://travellingcarola.com/city-silvester/. Demnächst werde ich den Beitrag noch auf den üblichen Social-Media-Kanälen teilen. Vielen Dank noch einmal für deinen tollen Bericht. Liebe Grüße Carola

Februar 10th, 2018 at 10:39 am

Super, freue mich riesig! Ich werde gleich mal bei dir auf dem Blog reinschauen 😉

Februar 10th, 2018 at 10:57 am

Die Blogparade ist richtig toll geworden 🙂 So kommen viele Möglichkeiten zusammen, wo man an einem Silvesterabend unterwegs sein kann …

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