Eisblumen am Fenster – Elsass im Winter

Eisblumen am Fenster – Elsass im Winter

Vogesen, Dezember 2016

Der Nebel steigt langsam nach oben und bildet Eisblumen auf der Fensterbank. Der anfangs schmale, rote Lichtstreifen der aufgehenden Sonne ergießt sich wie Blut über den Baumwipfeln, wird dann immer heller. Da ist eine kleine Feuerstelle am Waldrand zwischen den Bäumen und der dichte Rauch steigt auf, um sich mit dem Nebel zu vermischen. Ein winzig-kleiner Waldzwerg schürt das Feuer, tanzt um die Glut, macht Handstand und lustige Posen. Fasziniert schaue ich zu. Du hast viel Fantasie, Kasia… doch das Feuer gibt es wirklich, ebenso wie die dicht aufsteigenden Rauchschwaden.

Aus dem Bad dringt das Geräusch der angelassenen Dusche an meine Ohren. Im Zimmer ist es kalt, doch seltsamerweise spüre ich die Kälte nicht; bis eben gerade stand ich im Bademantel am offenen Fenster und beobachtete den Wald. Jetzt sitze ich auf dem Bett, den Kopf mit meinen Glätteisen-geglätteten Haaren an den Bettpfosten gelehnt und warte auf den Augenblick, da die Sonne den Nebel durchbricht.

Wir sind gestern Abend schnell vom Abendessen geflüchtet. Nicht vor dem Essen selbst, denn das war köstlich; doch die Damen aus der Sauna hatten beschlossen, uns Gesellschaft zu leisten. Und es waren nicht, wie zunächst angekommen, bloß zwei… es war gefühlt eine ganze Busladung voll gutgelaunter, munterer und angeheiterter Zeitgenossinnen und das, was sich zunächst noch unter „französische Lebensfreude“ verbuchen ließ, mutete nach und nach zu einer Zerreißprobe fürs Gehör. Vor allem für Stefans Gehör. Lautes, schallendes Gelächter erfüllte den Raum wie der genau neben unserem Tisch platzierte Bas einer Disco. Komm, Schatz, stell dich nicht so an… dachte ich zunächst, bis auch ich mein Gesprochenes nicht mehr verstand. Werden wir alt? – dachte ich. Wir verzogen uns.

Draußen blieben wir stehen und sahen uns die Sterne an. Unser Atem dampfte vor unseren Gesichtern (oder war es bei Stefan die selbstgedrehte Zigarette?). Stefan zeigte mir Sternbilder. „Schau, das ist der Orion. Hier ist der Kopf, da die Arme, die Beine und der Gürtel… siehst du es?“ Ich sah gar nichts, schon gar keinen „Orion“ mit Armen, Beinen und Gürtel; nur eine Anhäufung funkelnder, kleiner Sterne – nickte jedoch eifrig, um keine weiteren Erklärungsversuche zu provozieren. Stefan schaute begeistert und nahm mich in den Arm.

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Am Morgen stehe ich draußen und fotografiere die frostige Landschaft. Komischerweise friere ich immer noch nicht; mein Atem bildet Wölkchen in der klaren Luft. Dann stehe ich einfach nur da und horche in die Stille hinein, in der ein vorbeifahrendes Auto wie ein anrollender Panzer wirkt. Stefan ist schon in den Speisesaal gelaufen.

Ein Franzose spricht mich an. Er scheint auch nicht zu frieren. Francais? „Je ne parle francais.“ Sage ich. Englisch? Deutsch? Bei englisch nicke ich und bei deutsch nicke ich eifriger. Dann stehen wir da und unterhalten uns. Er kennt Deutschland; ist Vorstand einer Spedition und oft im südlichen Raum unterwegs. Mannheim, Speyer… Vor ihm erfahre ich, dass die Damen von gestern Abend hier im Hotel einen Geburtstag feierten. Aha, daher also die feucht-fröhliche, angeregte Geräuschkulisse…? Ja, er und seine Frau kommen oft hierher ins Wirtshaus und buchen ein Zimmer; wandernd erkunden sie dann die Gegend. Er sei aus Straßburg, ob ich den Weihnachtsmarkt dort schon gesehen hätte. Ob wir, mein Mann und ich, heute noch wandern würden. Nein? Warum denn nicht? Bedauernd denke ich an Stefan – es müsste schon ein Wunder geschehen, um ihn zum Wandern zu bewegen.

Irgendwann verbraucht sich der Small talk und er beginnt, über seine Arbeit zu sprechen, wie es Männer oft tun, um die Stille in einem Raum oder zwischen den Menschen auszufüllen. Oder weil es einzig das ist, was sie vordergründig interessiert; was weiß denn ich. Was ich weiß, ist nur, dass ich anfange mich zu langweilen. Recht schnell verabschiede ich mich und begebe mich zum Speisesaal – um meine Winterstille ist es eh schon geschehen.

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Das Frühstück gestaltet sich so üppig wie schon das gestrige Abendessen, doch können wir es nur kurz zu Zweit genießen. Der Kater der Geburtstags-Damen scheint nur kurz gedauert zu haben – putzmunter und fröhlich-laut zwitschernd betreten sie eine nach der anderen den Raum und nehmen Platz am langen Tisch. Der Wirt ist sichtbar begeistert; seine Äuglein funkeln, während er Apfelsaft, Pastete und Baguette serviert. Stefan und ich schauen uns verständig an, stehen auf und verziehen uns, um unsere Taschen zu packen.

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