Bonn – der Alte Friedhof

Bonn – der Alte Friedhof

Ich passe nicht hierher und es scheint auch kein Ort für mich zu sein, diese kleine Grünfläche, auf der sich laute, lachende und grölende Menschen versammelt haben, hier in Bonner Nordstadt an der Mauer, die die Fläche vom Alten Friedhof trennt. Vor allem sind es Männer mit Migrationshintergrund, die hier abhängen und so wie ich im Vorbeigehen angeschaut werde, weiß ich, dass ich hier nichts verloren habe.

Oder besser: Man fragt sich sicher ganz beiläufig, was ich hier mache. Denn bei irgend etwas störe ich offensichtlich – oder auch nicht, vielleicht ist es nur so ein Eindruck, nur das unklare Gefühl, dass ich hier nicht verbleiben möchte. Ohne mich auch nur im Ansatz bedroht zu fühlen – nein, das nicht – ahne ich, dass sie unter sich bleiben möchten. Wie diese Leute in Luxemburg damals, in Vianden, oberhalb der Stadt, die sich mit aufgemotzten Karossen und quietschenden Reifen ein illegales Autorennen geliefert haben.

Doch ich laufe erhobenen Hauptes, nicht allzu schnell, um nicht fluchtartig zu wirken, an ihnen vorbei, denn ich habe hier ein ganz anderes Ziel: Der Alte Friedhof von Bonn hat es mir angetan.
Und dann kümmere ich mich nicht mehr um die anderen; denn aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten Menschen (-Gruppen) selten wirklich so bedrohlich sind wie sie nach außen hin wirken mögen. Durch den Zaun hindurch linse ich in die Tiefen des Friedhofs, schaue zu den steinernen Engeln hinauf.

Als ich zurück laufe, kümmert sich keiner mehr um mich. Zumindest registriere ich es nicht mehr – nach außen hin sehr beschäftigt wirkend tue ich so, als interessiere mich der Bildschirm meines Handys weit mehr als das, was um mich herum passiert.
„…der halbe Joint liegt noch im Aschenbecher drüben!“ Höre ich ein Mädchen laut rufen – direkt neben meinem Ohr. Das ist also, was die Jugend hier so nervös macht. Ich denke unwillkürlich lächelnd an meine Amsterdamer Zeit.

Ich habe mich dieses Mal in einer Ferienwohnung direkt in der Nordstadt von Bonn eingemietet, nicht weit vom Zentrum entfernt; und da ich etwas früh dran bin, schlendere ich noch kurz umher, bevor ich zwei Straßen weiter meinen Schlüssel in Empfang nehmen kann. Die Hitze draußen ist dumpf und drückend und bei jeder, auch nur der kleinsten Anstrengung steht den Menschen der Schweiß auf der Stirn. Es ist eine Hitze von der Sorte, wie sie sich anschließend in einem kräftigen Gewitter entlädt, und die ganze Zeit warten die Menschen mehr oder weniger unterschwellig auf ihre Erlösung.
Diese kommt in den folgenden Tagen auch in voller Wucht über Norddeutschland nieder, der Sturm, der über Hamburg fegt, geht durch die Nachrichten; umgerissene Bäume und Taubenei-große Hagelkörner zieren die Schlagzeilen.

Doch heute ist es noch nicht soweit, zudem reicht die Stärke des Gewitters kaum bis nach Nordrhein Westfallen heran. Heute ätzt die Menschheit noch unter der drückenden Hitze. Seltsamerweise vertrage ich diese jedoch ganz passabel und verspüre sogar Lust, umher zu wandern.
Abends gegen 18 Uhr verlasse ich die Ferienwohnung wieder und mache mich zum zweiten Mal auf zum Alten Friedhof; diesmal schlage ich einen großen Bogen um die Grünfläche mit den fröhlichen Kiffern. Eine Weile suche ich den Eingang: Erst nachdem ich gefühlt fast der gesamten Länge nach die Mauer umrundet habe, findet sich ein geöffnetes Tor – just auf der anderen Seite des weiten Geländers.

Das eigentlich grelle Sonnenlicht; wie es hier durch die Bäume scheint, hat es etwas Weiches, fast schon Diffuses. Ich laufe die Grabreihen entlang immer tiefer hinein, an Engelsstatuen vorbei, die, mit einem grünlichen Hauch versehen, ihre Toten bewachen. Wie eine parallele Welt fernab von der lärmenden Straße.

Engel – viele Engel bevölkern diesen Ort, der eine magische Grenze zu bilden scheint zwischen dem „hier“ und der Hektik da draußen. Leicht neigen sich die Äste des mächtigen Baumes, fast zu Boden reichend. Die Vögel geben ein Konzert und er wird immer lauter, je näher der Abend rückt. Wie mit geschärften Sinnen nehme ich alles wahr. Stark und zerbrechlich erscheinen die Engel, als hätte jeder einzelne von ihnen den Schmerz des Verlustes in sich aufgefangen. Immer wieder bleibe ich stehen, so sehr nehmen sie mich gefangen. Und immer wieder muss ich daran denken, was es mit den weinenden Engeln auf sich hat. Im Schmerz erstarrt. Wie kann man nur eine solche Kunst erschaffen?

Die Stille weicht disharmonischen Geräuschen. Zwei Frauen gehen, lachend und laut redend, den Bürgersteig entlang, dicht am Zaun vorbei. Und schon fühle ich mich gestört; ich vernehme das laute Klirren von Pfandflaschen in einer Tüte und ziehe mich in die Tiefen des Geländes zurück.

Hier ist es wieder still. Unbewusst registriere ich die hier herrschende, besondere Atmosphäre, doch kommt mir eine ganze Weile nicht in den Sinn, danach zu fragen, bis…

Im nächsten Moment weiß ich, warum mich dieser Friedhof so sehr fasziniert. Viel Efeu, Farne, und diese riesigen, uralten Bäume. Hier wird nichts getrimmt, nichts künstlich überpflegt, keine grellen, bunten Blümchen, die die Harmonie stören. Weniger ist oft mehr; verwildert und dunkelgrün erinnert mich dieser Ort hier eher an einen verwunschenen Wald.

Ein Vogel scharrt im Dickicht, springt frech vom Grabstein zu Grabstein. Es ist wie eine eigene, abgeschiedene; eine innere Welt. Zwei Gärtnerinnen kommen durch eine der hinteren Pforten herein, die Pforten, die für Besucher verschlossen bleiben und an denen ich vorhin vergeblich gerüttelt habe. Und mit ihnen kommt mir ein süßer, schwerer Duft entgegen, der Duft nach weißen Blumen, nach einem blühenden Strauch – er vermischt sich mit der zähen Hitze des Tages, die alles einzuhüllen scheint, alles etwas langsamer macht, als sei sie ein langsam wirkendes, lähmendes Nervengift. Vögel huschen zwischen den Grabsteinen hin und her, um sich dann wieder dem hingebungsvollen Scharren in den trockenen, raschelnden Blättern zu widmen. Die Wurzeln der mächtigen Bäume sind so riesig, dass man in ihnen bequem sitzen kann wie in einem gemütlichen Sessel – und genau das tue ich jetzt, ich nehme zwischen den Wurzeln Platz und komme mir klein vor, so klein wie Alice im Wunderland.

Mein Blick wandert, an den Bäumen und Grabsteinen vorbei, zu den hell beschienenen Blocks, die die Sonne in ihrer Intensität beinahe wie ein Spiegel reflektieren. An einem Fenster weht eine rote, türkische Fahne.

Ein gesprenkelter Specht versucht, den dicken Stamm zu erklimmen; als ich meinen Kopf drehe ob des kratzenden Geräusches, zuckt er wie erwischt zusammen und fliegt auf den nächsten Ast davon.

Neben der Fahne lugt jetzt ein Kopf hervor. Der Kopf ist nur klein zu sehen, doch das Gesicht starrt deutlich in meine Richtung.

Nach einer geraumen Zeit ist der Kopf immer noch da. Ich stehe auf und entferne mich: Ich mag es nicht, beobachtet zu werden.

Der intensive Duft, dessen Ursprung ich bislang immer noch nicht herausgefunden habe, kommt und geht, ganz so, als würde der Wind ihn in sanften, unregelmäßigen Stößen zu mir tragen. Nun entdecke ich doch noch in einiger Entfernung einen blühenden Lindenbaum.

Und ich entdecke – ein kniendes, nacktes Kind.

Ich nähere mich ihm von hinten; es hat nicht die typische, betende Pose eingenommen, eher so, als würde es nachdenken, versuchen, zu verstehen. Später erst sehe ich den Zopf. Es ist ein Mädchen.

Der Duft des Lindenbaumes wird immer intensiver. Es ist spät. Es wird Abend. Und ich – ich verabschiede mich, kehre dem Friedhof den Rücken zu. Draußen erwartet mich der Trubel der Stadt.

 

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