„Sherlock Holmes“ in Straßburg

„Sherlock Holmes“ in Straßburg

Straßburg, Februar 2011

Kalt, eisig kalt ist es, als wir uns aufmachen, an einem schönen, frostigen Februarmorgen mit dem Auto die Grenzstadt zu erkunden.
Wir, das sind Ben*, Jimmy*, Sui* und ich. Da Bens* Familie nahe der deutsch-französischen Grenze wohnen, nutzen wir die Gelegenheit für einen Sprung auf die andere Seite; über den Tellerrand hinaus sozusagen…

Den Straßburger Weihnachtsmarkt, der zu den schönsten weit und breit gehören soll, haben wir unknapp verpasst, jedoch bin ich neugierig auf den Straßburger Dom und die Altstadt, den gemischten, französisch-deutschen Charakter und die bewegte Geschichte der Stadt. Eine undeutliche Erinnerung ist mir von früher geblieben, als ein Freund und ich uns ins Auto setzten und in einer Hals-über-Kopf-Aktion nach Straßburg gefahren sind. Wir fuhren abends los: Mitten in der Nacht kamen wir in Straßburg an. Von der Stadt selbst habe ich damals nicht viel gesehen, fasziniert spähte ich aus dem Autofenster auf die beleuchteten Regierungsgebäude und die nächtlichen Straßen. In Erinnerung geblieben sind mir die steinernen Skulpturen der Gargoyles, die an der gotischen Fassade des Münsters prangen und ein langer, nächtlicher Spaziergang am schwarzen Wasser der Ill, währenddessen mir ein Cousin meines Bekannten erzählte, wie gerne er in Deutschland eine Frau kennenlernen würde. Damals versprach ich mir, Straßburg schon bald wieder einen Besuch abzustatten, doch trotz der verhältnismäßig geringen Entfernung sollte es noch einige Jahre dauern, bis es dazu kommen würde.

Als wir jetzt in Straßburg ankommen, ist es helllichter Tag, die Sonne strahlt in den winterlichen Himmel, doch um Wärme hofft man vergebens; so leiht uns Bens* Mutter ihre selbstgestrickten Schals und Stulpen, die wir uns zusätzlich zu unseren warmen Klamotten überziehen.

Alles erscheint mir anders, sobald wir die Grenze überquert hatten; die Straßenführung, die Linien, die Ampeln (ich sollte später noch sehr häufig nach Frankreich reisen, doch zu diesem Zeitpunkt sind all die Details noch neu und aufregend). Und mein erster Eindruck von Frankreich besteht aus den futuristisch wirkenden, kugelrunden Toilettenhäuschen an einer Raststätte.

Wir belassen das Auto am Rande der Stadt und fahren mit der Straßenbahn weiter. Während der Fahrt spähe ich aus dem Fenster und betrachte entzückt all die kleinen Geschäfte mit ihren verschnörkelten Gittern an den Fenstern, die schmalen, hohen Steinfassaden der Häuser mit ihren Verzierungen und ihren zierlichen Balkonen. So schmuck und verspielt und irgendwie doch bröckelig und abgegriffen sieht alles aus, wie eine stark geschminkte, in die Jahre gekommene Frau, deren verlebtes Gesicht immer noch von ihrer vergangenen Schönheit zeugt.

Nahe der Altstadt steigen wir aus, laufen in der eisigen Kälte am Palais du Rhin vorbei. Das ist es, dieser Bau hat mich damals so fasziniert, als ich vor Jahren sehnsüchtig aus dem Auto spähte und mir wünschte, aussteigen zu können. Erbaut für den Kaiser – jetzt kann ich den Palast in all seiner Pracht sehen, denn es ist hell und sonnig. Und kalt. Nach jeder Betätigung des Auslösers meiner Kamera schiebe ich meine Hände schnellstmöglich in die warmen Jackentaschen. Das Licht der Sonne ist schemenhaft, milchig, so als hätte man die Stadt in einen feinen Schleier getaucht; Suis* rote Mütze zeichnet sich lebhaft ab von der diffusen Szenerie, als wir über den Place Broglie laufen.
Der Statue des General Kellermann, der stolz mit erhobener Hand die Proklamation verkündet, hat jemand ein Schild aus Pappe unter den Arm geschoben: „Liberte pour le Belarus„, Freiheit für Weißrussland.

Im Souvenirladen decken wir uns mit Kleinigkeiten ein. Und als wir uns dann von der Seite dem Straßburger Münster nähern, inspiziere ich gespannt die reich bestückte Fassade, gleiche das, was ich sehe, mit den nächtlichen Bildern und Eindrücken von vor Jahren ab, suche nach den Gargoyles…

Wir treten ein. Das Innere der Kirche schützt uns vor Kälte und so haben wir es nicht eilig, wieder hinaus zu kommen, während wir das Kirchenschiff erkunden.
Am Altar entzünde ich eine Kerze, denke an einen lieben Menschen, der nicht mehr da ist. Auch Sui* entzündet eine Kerze. Woran denkt Sui*?
Faszinierend finde ich die gold umrandete, astronomische Uhr, deren Scheibe die Erdkugel darstellt. Es handelt sich hierbei um die bereits dritte astronomische Uhr, die das Innere des Münsters schmückt; 1838 von Jean Baptiste Schwilgué erbaut ist sie die größte von allen. Sie zeigt die Erdbahn, die Mondbahn und die Bahnen der Planeten Merkur bis Saturn, der zur damaligen Zeit bekannten Planeten, an. Auch Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Schaltjahre, Tagundnachtgleiche und andere astrologische Daten werden errechnet; aufgrund ihrer technischen und mathematischen Genauigkeit wird die Straßburger Uhr als analoger Vorgänger der heutigen Computertechnik erachtet. Und für mich, ungeübten Laien, ist sie einfach nur schön anzusehen 🙂

Als wir das Münster verlassen, trifft uns die Kälte noch härter als zuvor. Mehr aus dem Fluchtreflex heraus denn aus touristischen Gründen beschließen wir, eine Bootstour über die Ill zu machen, die uns zunächst an der Straßburger Altstadt und dann an den futuristisch anmutenden Regierungsgebäuden wie dem Straßburger Parlament vorbei führt. Wir entdecken eine neue, eine moderne Seite von Straßburg; so sitzen wir die nächste Stunde in der molligen Wärme des Bootes, eingehüllt in unsere warme Kleidung, lassen uns die Ill entlang treiben, lauschen den Erklärungen in unseren Kopfhörern und schauen durch die Panoramafenster auf die kalte Welt hinaus.

Schon zu Beginn, ehe wir noch das Straßburger Münster betreten, fallen uns die in unteren Bereichen der Fachwerkhäuser errichtete Kulissen ins Auge, die vage an kleine Läden auf dem 19 Jahrhundert erinnern. Rund um den Platz sehen wir hinter Absperrungen mit Planen überdachte Eingangsfronten von Geschäften, die deutsche Namen tragen: Bäcker, Konditor und sogar wissenschaftliche Geräte entdecken wir bei näherer Betrachtung. Wie ein verlassenes Filmset sieht das Ganze aus – und ein solches ist es anscheinend auch.

Sui* weiß bescheid:
„Hier wird der neue Sherlock Holmes gedreht!“ Tatsache? Sind wir durch Zufall am Filmset der Sherlock Holmes Kinoreihe gelandet? Das macht die Sache mit einem Male sehr interessant; sorgsam dokumentieren wir jede Ecke der aufgebauten Filmkulisse.
„Stell dir vor, wie er während einer Flucht aus dem Fenster steigt und über einer dieser Planen auf die Straße flüchtet!“ Tatsächlich jedoch handelt es sich, wie wir später erfahren sollen, um eine Anfangsszene des Films, in der ein Anschlag verübt wird. Und obwohl es Wochenende ist und das Set verlassen vor uns steht, fühlen wir uns dennoch, als seien wir in diesem Augenblick zu einem Teil des Films geworden.

Monate später, als ich mit einer Freundin in der vierten Episode von Sherlock Holmes im Kino sitze: 
„Weißt du… einige Szenen von diesem Film sind in Straßburg gedreht worden. Und ich war dabei…“ 🙂

* Namen geändert

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