Single post

Eine polnische Hochzeit

„…ich sehe schwarze Augen, ihre schwarzen Augen, oh, und ihre schwarzen Augen, die schönen, schwarzen Augen, oh, oh…“

Der klang der Musik hallt immer noch in meinem Kopf nach, als ich am früher Morgen berauscht die Augen öffne. Ich sehe schwarze Augen, ja die schwarzen Augen… summe ich leise vor mich hin. Der Wodka von gestern Abend lässt mich immer noch mit meinem Gleichgewicht kämpfen, als ich ins Bad stolpere, doch magischerweise verursacht er mir keine Übelkeit. Es geht eben nichts über einen guten, polnischen Tropfen…

Ein guter polnischer Tropfen…

Der Zauber der gestrigen Nacht wirkt immer noch in meinen Gedanken nach. Die Hochzeitsfeier meiner besten Freundin Jola war berauschend und schön, und berauschend war sie im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Traditionen haben an jenem Abend ihren Platz gefunden, es gab eine Band, die alte Zigeunerlieder spielte, Hochzeitsspiele, eine dicke, geräucherte Schweinskeule, die über dem Buffet hing und Wodka, der in Strömen floss. Jolas Vater sorgte eigenhändig dafür, dass kein Glas und keine Kehle trocken blieb.

Es gab auch Absinth – bei uns in Polen ist das Zeug ja nicht illegal – doch bei der über siebzigprozentigen Mischung (so genau wusste es mir auch keiner der Anwesenden zu sagen…) blieben wir dann eher bei den „schwachen“ Sachen wie dem haushaltsüblichen Wodka…

Bei der Kleideranprobe

Wie groß war meine Freude, als ich erfuhr, dass meine liebste Freundin und ihr Freund heirateten. Eigens dafür sind Jimmy* und ich aus Deutschland angereist, würde ich mir dieses Ereignis nie entgehen lassen. Und so stehen wir an einem Sonntagnachmittag vor der Kirche in meiner Heimatstadt Blonie, um das Brautpaar nach erfolgter Trauung zu beglückwünschen. Jola ist eine wunderschöne Braut und nur wenige wissen, dass sich unter dem weißen Stoff ihres Kleides bereits ein süßes, kleines Geheimnis verbirgt…

Sobald das frisch gebackene Ehepaar aus der Kirche tritt, wird es von den Eltern der Braut empfangen, die den beiden Brot, Salz und je ein Wodkaglas in die Hand geben. Die beiden Gläser sind mit einer Kordel miteinander verbunden; nach dem Austrinken muss das Brautpaar sie anschließend gleichzeitig hinter sich werfen.
Es wird auch nicht der Brautstrauß, sondern der Schleier der Braut im späteren Verlauf der Hochzeitsfeier geworfen; die Bedeutung bleibt die gleiche.

Die Familie ist von Nah und Fern gekommen und es dauert eine Weile, bis wir dran sind; währenddessen nutze ich die Gelegenheit und betrachte die anderen Hochzeitsgäste. Was trägt man in Polen zu Hochzeiten denn so? Während ich mich so umsehe, fällt mir auf, dass ich mit meinem langen Seidenkleid doch relativ züchtig angezogen bin – verglichen mit den Mädels hier. Kurze, farbenfrohe Röcke in Schwarz, Rot und Pink stöckeln selbstbewusst auf hohen Absätzen an mir vorbei und angesichts von so viel Sexappeal und auf einmal komme ich mir mit meinen 28 Jahren etwas in die Jahre gekommen vor… Doch das wirklich interessante daran ist die Tatsache, dass Outfits, die bei uns in Deutschland auf der Straße oder gar in Kirchennähe ungläubige Blicke ausgelöst hätten, dort so gut wie gar keine Reaktion auslösen. Keine aufdringlichen Männerblicke, überhaupt keine Blicke; Mann ist Gentleman, denn eine sexy Frau gehört hier zum Alltag.

Hochzeitsgäste 🙂

Also, sollten Euch in Polen einmal leicht bekleidete Damen vor einer Kirche begegnen, nein, sie gehören keinem orientalischen Gewerbe an und nein, sie haben sich nicht verlaufen – es sind Hochzeitsgäste und sie warten auf die Braut.

Als wir einige Zeit später allesamt im gebuchten Hochzeitssaal eintreffen, ist die Stimmung zunächst etwas steif. Wir nehmen die uns zugewiesenen Plätze ein und ich spähe nach Jola und ihrem Mann, die mit Trauzeugen auf einem separaten Tisch abseits der anderen sitzen.
Doch schon bald lockert sich die Stimmung und dazu trägt nicht unwesentlich der Brautvater bei, der mit der Wodkaflasche in der Hand von Tisch zu Tisch pilgert. Und ich erlebe ein Deja-vu, denn es ist wie damals, als ich vor Jahren bei Jola zu Besuch war und ihr Schwager eine spontane Feier organisierte – auch damals wusste ich nicht, wie es kam, dass mein Glas nach jedem Mal, wenn ich trank, sofort wieder voll war. Und auch jetzt sind die Gläser gut gefüllt und keiner der Gäste möchte sich den enttäuschten Blick des Brautvaters zuziehen.

Der Brautvater sorgte dafür, dass keine Kehle trocken blieb 🙂

Bereits nach den ersten Gläsern beginnt die Hochzeitsgesellschaft traditionsgemäß, sich lauthals über den zu bitteren Wodka zu beschweren. Für das Brautpaar ist es das Signal – nein, nicht, um neuen Wodka zu besorgen – zu knutschen, was das Zeug hält, um den Wodka wieder „süß“ zu machen.

Nach dem Essen setzen die Hochzeitsspiele ein, und dafür haben die Trauzeugen eigens etwas arrangiert. Das Brautpaar wird in der Mitte des Raumes auf zwei eigens für sie bereitgestellten Stühle gesetzt und von den Hochzeitsgästen mit witzigen Geschenken und lustigen, bisweilen derben Sprüchen bedacht, was alles der künftigen Ehe Glück und reichen Kindersegen bringen soll. Die Gäste lachen aus vollem Halse, währenddessen die Trauzeugen zur Hochform auflaufen und Jola und Rysio sitzen da, teils lachend, teils errötend ob der gewagten Anspielungen.

Als die beiden dann endlich wieder entlassen werden, beginnt für die Gäste der große Tanzabend. Nun ist wirklich jeder auf den Beinen, ausgenommen alte und schwache, und beinahe alle Stühle im Saal sind mit einem mal leer.
Die Tanzspiele sind so gestaltet, dass sich die Hochzeitsgäste näher kommen; der Moderator sorgt mit spielerischen Anweisungen dafür, dass immer mal wieder Kreise gebildet werden und ein Partnerwechsel stattfinden kann. Denn Hochzeiten sind in Polen zum einen natürlich grandiose Gelegenheiten, um zu feiern, zu trinken und die Sau rauszulassen, zudem jedoch sind sie ausgezeichnete Partnerbörsen. Und so kommt sich durch die geschickte Leitung der ausgelassenen Tänze der eine oder andere schnell näher.

„Zwei Kreise! Einmal die Herren, danach die Damen!“ Ruft der Mann mit dem Mikro in der Hand, dem seine Funktion sichtlich Spaß zu machen scheint. Immer ausgefallener werden die Anweisungen und so hüpfen die Anwesenden im Kreis herum, sich gebückt zwischen den Beinen an den Händen haltend (ich weiß, es ist gerade schwer, sich das vorzustellen…) oder mit roten Gesichtern untereinander hindurch kletternd und alle haben einen Heidenspaß.

Je später der Abend…

Umso nackter verrückter die Gäste

Erschöpft sinke ich irgendwann wieder auf meinen Stuhl; Jimmy* bleibt noch im Kreis und tanzt weitere Lieder mit. Irgendwann kommt er mit hochrotem Kopf auf mich zu:
„Du, hast du diese dralle Blondine mit dem engen, pinkenen Kleid gesehen? Als ich beim Tanzen ihre Hand gehalten habe, da hat sie meine Hand zwischen ihren Beinen immer höher geschoben…“ Ich lache. Ja, die Partnerbörse…

Irgendwann, es ist schon weit nach Mitternacht, beruhigt sich die aufgeheizte Menge wieder und die Gäste begeben sich nach und nach zurück zu ihren Tischen. Indessen ist Jimmy* in ein Gespräch mit dem Trauzeugen vertieft und ich fungiere als Dolmetscherin zwischen polnisch und deutsch.
„Ja, hier in Polen, da hast du kaum eine Chance, Geld zu verdienen, etwas aus dir zu machen.“ Erzählt der Trauzeuge gerade. Er ist ein lustiger Kerl, dem der Schalk und der Wodka aus den Augen spricht. „Die einzige Chance hat man nur, wenn man ein paar Autos über die Grenze…“
„Ähm… langsam… das werde ich ihm nicht übersetzen!“ Widerspreche ich heftig, während Jimmy* mit erwartungsvollem Gesicht neben mir steht. „Die ganze Zeit versuche ich, den Deutschen zu verklickern, dass meine Landsleute eben nicht so sind!“
„Ach ja, ja, du hast Recht.“ Er lacht, nimmt noch einen Schluck Wodka. „Nein, das wäre natürlich schlecht…“

Jola hat für alles gesorgt; am Ende der Feier, irgendwann am frühen Morgen, werden die Gäste einzeln verabschiedet und damit sie ja nicht auf die Idee kommen, wieder nüchtern zu werden, bekommt jeder zur Erinnerung eine Flasche Hochzeitswodka in die Hand gedrückt. Es werden Fahrgruppen gebildet und man fährt uns nach Hause. Ich frage nicht nach dem Alkoholpegel des Fahrers, das ist hier nicht nötig. Sie werden schon einen ausgewählt haben, der die wenigsten Wodka intus hatte…

Und so falle ich am frühen Morgen mit rauschenden Kopf ins Bett, um mit nicht weniger rauschenden Kopf wieder aufzustehen. Und die ganzen Zigeuner-Liebeslieder schwirren wie ein Echo der vergangenen Nacht in meiner Erinnerung herum…

Der Hochzeits-Wodka

* Namen geändert

Blonie, Polen – Juli 2012

 

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail
Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedinrssyoutubevimeotumblrinstagramflickrfoursquaremail

LEAVE A COMMENT

theme by teslathemes