Gesslerburg bei Küssnacht

Zelten in der Schweiz, Juli 2009
Teil 3.

Wir tauchen wieder aus den Tiefen des Waldes hervor. Wir befinden uns nahe einer Ortschaft mit dem romantisch klingenden Namen Küssnacht. Von hier oben können wir auf die grünen Flächen des Tales unter uns und weit in die Ferne blicken. So weit sind wir schon gekommen…

Den nächsten Tag verbringen wir mit einer Wanderung. Parallel zum See machen wir uns auf den Weg und laufen froh gelaunt durch den kleinen Ort, bevor wir am Ortseingang zunächst einmal die Karte konsultieren. Jimmy* hat da etwas von einer Burg läuten hören und war sofort Feuer und Flamme, selbige zu erklimmen. Während er also die Karte studiert, studiere ich die kleine Eidechse, die sich auf der aufgeheizten Betonmauer neben mir verirrt hat und mit kleinen, schwarzen Äuglein dem Sonnenlicht entgegen blinzelt. Es wird ein sehr warmer Tag werden.

Irgendwann höre ich ihn begeistert jauchzen. Ich hopse also von der Mauer und komme näher.
„Was ist?“
„Hier: Der Ort heißt Oberdorf…!“ Erklärt er mir mit einem breiten Grinsen. Ein Erinnerungsfoto muss sein.

Wir gehen weiter. Wieder höre ich die Glocken der Kühe, die über die Alm getrieben werden und das Geräusch erweckt in mir das Gefühl der Ursprünglichkeit, dieses gewisse „zurück zur Natur“ wieder zum Leben. Die Bilder aus der Werbung werden wach; Metallkannen voller Milch, reifender Käse, der in hauchdünne Scheiben geschnitten wird. Eine willkommene Postkarten-Idylle.

Zuerst führt uns der Weg durch einen Wald, am kleinen, rauschenden Bach entlang. So tauchen wir in die zwitschernde, schattige, grüne Tiefe ein, die uns zeitweise vor der immer stärker werdenden Wärme der Sonne schützt.

Aus dem Schatten des Waldes hinaus geht es schon bald einen Wanderweg über Wiesen und Hügel entlang. Das unglaublich saftige Grün der Weiden, welches fast schon unecht erscheint, wird hier und da von dunkleren Obstbäumen unterbrochen, und weit über uns kreist ein Falke über den blassblauen, wolkenlosen Himmel. Wir kommen an Gehöfen vorbei, hören das Muhen weiterer Kühe. Innerhalb eines Gatters liegen Wildschweine faul im Schatten der Bäume herum, und wir amüsieren uns über das putzige Verkehrsschild, welches wohl so viel bedeuten soll wie: Achtung, Schulkinder! – auf uns jedoch vielmehr den „Haltet den Dieb!“ – Eindruck macht.

An grünen Wiesen vorbei führt uns die Wanderung wieder einmal in den Wald, an einem schnell dahin fließenden Bach entlang. Das hölzerne Rad einer alten Wassermühle bewegt sich langsam und schwerfällig vor sich hin, kaum zu glauben, dass das Ding immer noch in Betrieb ist.

Ab hier geht es wieder aufwärts; die Burg, nach der wir Ausschau halten, muss bereits ganz in der Nähe sein. Der Schatten des Waldes kühlt unsere Gesichter und das Plätschern des Wassers weckt in mir das Gefühl von Durst. Die Wasserflasche ist beinahe leer. Ein aus einem Baumstamm geschnitzter Stuhl steht ein wenig abseits des Weges für den Wanderer bereit, die Wurzeln immer noch tief im Erdreich verankert. Auf einer kleinen Mauer am Rande einer Ortschaft hat jemand aus Moos und kleinen Steinchen ein Herz gebastelt.

Wir tauchen wieder aus den Tiefen des Waldes hervor. Wir befinden uns nahe einer Ortschaft mit dem romantisch klingenden Namen Küssnacht. Von hier oben können wir auf die grünen Flächen des Tales unter uns und weit in die Ferne blicken. So weit sind wir schon gekommen… Inzwischen ist es schon Mittag, die Sonne steht hoch oben am Himmel und übergießt die Landschaft mit ihrer Hitze. Blicke ich in die andere Richtung, kann ich weiter oben bereits inmitten vom Laub der Bäume die teils verborgenen Umrisse der Burg erkennen. Nahe einer Höhle machen wir Rast und essen unsere mitgebrachten Sandwiches auf, das Rascheln der Alufolie erfüllt die Mittagsluft.

Dann besteigen wir die Burg.

Von der Gesslerburg ist lediglich noch eine Ruine übrig, die Reste der Grundmauern machen sichtbar, wie groß die Anlage früher einmal gewesen sein muss. In der Mitte dessen, was mal der Burghof war, ragt ein abgedeckter Brunnen empor; die Überbleibsel einer noch relativ frischen Feuerstelle zeigen an, dass hier vor kurzem noch jemand seine Würstchen grillte. Wir sitzen auf der hüfthohen Mauer und genießen den Ausblick. Hell heben sich die Steine vom dunklen Grün des Tales unter uns ab. Wiesen, Häuser und Wälder wechseln einander ab. Hier oben sind wir allein, schauen hinunter auf den Weg, den wir bis hierher gelaufen sind, zurück. Weit unter uns glitzert das himmelblaue Wasser des Vierwaldstättersees.

Unten im Ort machen wir uns im Museum für Landeskunde über der Ursprung der Ruinen der Gesslerburg schlau, die ihren Namen erst seit — erhielt. Früher hieß die Burg einfach nur Burg Küssnacht. Die Geschichte der Burg reicht bis ins 13 Jahrhundert zurück, als der damalige Burgherr, Ritter Eppo, der mit eiserner Hand über seine Untertanen regierte, von den Bewohnern des Dorfes überfallen und beinahe seines Lebens beraubt wurde.
Der letzte in der langen Reihe der Burgherren war der Vogt von Gessler, seither die Burg den Namen Gesslerburg trägt. Nach ihm standen die Gemäuer mehr oder weniger herrenlos da und wurden als Steinbruch für den Bau einer Kirche genutzt; dies ist mit ein Grund, weshalb sich von dem sicherlich einst beeindruckenden Bau bis heute nur noch so wenig erhalten hatte, denn erst zu Anfang des 20 Jahrhunderts grub man die in Schutt versinkende Burgruine wieder aus, um sie in einen erhaltungswürdigen Zustand zu bringen – soweit möglich.

Um eine Geschichte schlauer verlassen wir das Museum und treten wieder auf die Straße, in die Nachmittagssonne hinaus. Gemütlich schlendern wir noch durch den Ort, ehe wir den Weg zurück antreten; statt querfeldein lassen wir uns dieses Mal am Vierwaldstättersee entlang von Ort zu Ort treiben, kommen an Menschen, Häusern und grünen, blühenden Gärten vorbei.

Im nächsten Ort passieren wir eine Bootsanlegestelle, sehen die abgedeckten Boote malerisch am blauen Hintergrund schaukeln. Eine Fontäne rauscht vor sich hin und verspricht Abkühlung, die vorwiegend älteren Spaziergänger flanieren oder sitzen auf Bänken, den Blick auf die rot blühenden Rosen und die Weiten des Sees gerichtet. Hier gefällt es mir, hier möchte ich bleiben, doch Jimmy* drängt mich weiter und während ich noch die letzten Bilder mache, sehe ich ihn ungeduldig im Schatten der Bäume warten.

Am späten Abend kommen wir müde an unserem Zeltplatz an.

* Namen geändert

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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