„Wir entschuldigen uns bei der Dame, jedoch nicht bei dem Herrn…“

Kampinoski Nationalpark, Sommer 2005

Polen ist bekannt für seine naturbelassenen Waldflächen; uralte Bäume, die nicht gefällt werden dürfen, tiefe Moore, alte, zerklüftete Weiden, in denen einer polnischen Sage nach kleine Teufel wohnen sollen; Tiere wie Elche und Wölfe haben ihr Zuhause in den weitläufigen, naturbelassenen Wäldern gefunden. Der Nationalpark Kampinoski ist der zweitgrößte des Landes und erstreckt sich nordwestlich von Warschau auf über 670 km². Nicht nur landschaftlich gibt es hier einiges zu sehen (Sanddünen und Moore dominieren das Bild), auch Freilichtmuseen, alte Friedhöfe, Wander- und Radstrecken laden ein, hier Zeit zu verbringen.

Ich bin dieser Einladung gefolgt – vor langer Zeit, vor zwölf Jahren genauer gesagt; es war Sommer 2005…

Um von meinem Wohnort Blonie aus zum Park zu kommen nehmen mein Kumpel und ich die Buslinie PKP, die uns laut tuckernd am Rande von Kampinos rauslässt; einem kleinen, unscheinbaren Ort, welcher sich mit nichts von den vielen anderen Ortschaften Polens unterscheidet, der jedoch dem Kampinoski Nationalpark seinen Namen verlieh.

Von der Bushaltestelle aus folgen wir den Beschilderungen und sind schon bald auf einem der Wanderpfade des Kampinoski-Park unterwegs. Der Parkplatz am Rande des Parks ist weiträumig, mit ordentlichen, gepflegten Toilettenhäuschen, was mich so mitten in der Pampa doch etwas überrascht.
Wir begegnen nur wenigen Besuchern, meist sind es Eltern mit ihren Kindern, die über die Waldwege schlendern. Schlangen, Elche und Wölfe sollen hier unterwegs sein, doch um die Mittagszeit ist die Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich groß, einem davon zu begegnen. Die Sonne steht hoch am Himmel und wir sind froh, uns im Schatten der Bäume verstecken zu können.

Doch bevor wir in den Wald eintauchen, führt uns der Weg durch frisch gemähte Getreidefelder und grüne Weideflächen, auf denen Wiesenblumen hervorblitzen und das Summen der Insekten die Luft erfüllt. Es ist Hochsommer auf dem Land, wie ich ihn aus meiner frühen Kindheit kenne.
Als ich die für den Kampinos charakteristischen, spitz zulaufenden Heuhaufen in der Ferne auf dem Feld sehe, kann ich der Verlockung nicht widerstehen, sich im frischen Heu auszustrecken, schnell jedoch springe ich kreischend und mich schüttelnd wieder hoch; im vermeintlich frischen Heu haben unzählige große, schwarze Käfer ihr Zuhause gefunden.

Wir kommen an einem Friedhof vorbei, ein Feld gleichmäßiger, weißer Kreuze wie Dominosteine wirkend; ein Monument ragt mahnend in die Höhe und gedenkt den Soldaten des Zweiten Weltkrieges, der in den Köpfen vieler Polen immer noch sehr präsent ist. Während der Schlacht am Bzura (pln. Fluss) fielen in der Zeit von 16 bis 18 September 1939 genau 800 Männer.

Wir gehen weiter, diesmal etwas ruhiger, etwas nachdenklicher. Ich habe Rolf* die geschichtliche Bedeutung des Gesehenen erklärt, nun lassen wir den Lauf der Geschichte langsam sacken. Ich kann nicht abschätzen, wie er darüber denkt; solche Monumente habe ich in Deutschland kaum gesehen. Die Deutschen verdrängen, die Polen gedenken. Es ist alles immer eine Frage der Perspektive…

„Huldigung den Gefallenen im Kampf bei der Verteidigung des Vaterlandes“

Eine uralte Eiche kreuzt unseren Weg, ihr Stamm ist so dick, dass ich daneben wie ein Streichholz wirke. Da die Bäume hier im Nationalpark nicht gefällt werden dürfen, erreichen einige von ihnen ein ehrwürdiges Alter von über 200 Jahren. Es gibt hier über 350 km Wander- und 200 km Radwege (Fahrräder können an vielen Stellen angemietet werden) und im Winter, wenn die Schneedecke ausreichend hoch ist, ist der Nationalpark eine beliebte Anlaufstelle für Ski-Langläufer.

Kasia sitzt in der Weide…

Am Naturkundschaftlichen Museum angekommen klopfen wir an die Tür. Das Museum des Nationalparks ist in einem ehemaligen Försterhaus errichtet worden, welches mit seinem steil abfallenden Dach dem Baustil nach an Häuser erinnert, auf welche man eher in Bergregionen im Süden des Landes trifft. Nach einer Weile öffnet uns jemand; der Museumswächter/Förster ist sichtlich überrascht – wir sind weit und breit die einzigen Besucher. Gegen ein kleines Eintrittsgeld machen wir uns auf, das Innere der Holzhütte zu erkunden, wo uns viele ausgestopfte Tiere einen Eindruck davon vermitteln, was hier in den Wäldern so keucht und fleucht.

Was uns jedoch interessiert, ist das Freilichtmuseum, von dem mein Onkel mir erzählt hat. Original erhaltene Häuser soll es dort geben aus dem vorigen Jahrhundert, aus Holz und mit Stroh bedeckt. Diese Häuser wirken, als wir sie finden, wie vollständig aus der Zeit genommen; sie gehören und passen hierher und doch lassen sie uns fühlen, als seien wir mit der Tardis von Dr. Who geradewegs aus der Zukunft angereist. Die Wände des Häuschens, welche aus massiven Holzbalken bestehen, sind weiß gestrichen; später erfahre ich, dass das Haus einmal im Jahr, meist vor Ostern, einen neuen Anstrich bekommt.

Wir wandern schon eine Weile, was nun? Es wird später Nachmittag und da ich um unsere Sicherheit besorgt bin, möchte ich umkehren; eine Entscheidung, die Rolf* bedauert. Seine Abenteuerlust trieb ihn ungebremst weiter und weiter, die stete Neugier, was sich hinter den offensichtlichen Dingen verbirgt.
„Stell dir vor,“ – sagt er „wir gingen den Weg einfach weiter: Was bekämen wir zu sehen? Wo kämen wir dann an? Wo endet dieser Park?“

Doch die Einsamkeit mitten in den Wäldern erscheint mir eine nicht sehr vertrauenseinflößende Erfahrung zu sein, so kehren wir um und machen uns querfeldein auf den Weg zu dem kleinen Ort Leszno, wo unsere Bushaltestelle auf uns wartet. Doch was wir da noch nicht wissen: Da wartet noch etwas anderes auf uns…

Eine zerklüftete, uralte Weide steht einsam am Wegesrand mitten in den Feldern. Ihr Stamm ist innen hohl und so dick, dass ein Mensch darin stehen kann.

Wieder in Kampinos angekommen sagt uns ein Blick auf den Fahrplan, dass bis zur Ankunft unseres Wehikels noch über eine Stunde Wartezeit verbleibt. Zeit, die wir irgendwie versuchen, uns zu vertreiben. Doch die alte Kirche aus Holz ist abgeschlossen, so dass wir sie nur von außen besichtigen können.

Auf der Rückseite der Kirche entdecken wir einen uralten Friedhof. Alte Grabsteine stehen in unregelmäßigen Reihen, ein trauriger Engel aus Stein im Sonnenuntergang. Rolf* wundert sich darüber, wie ein so religiöses Volk wie die Polen einen so hohen Verschleiß an Plastikblumen und Plastik-Blumenkränzen haben kann.
„Plastikblumen halten ewig.“ Sage ich. „Sie müssen nicht gewechselt werden.“
„Besuchen denn die Menschen hier die Gräber nicht regelmäßig?“ Fragt er, ich zucke mit den Schultern.
„Unterschiedlich – meist ein- bis zweimal im Jahr, auf jeden Fall aber zur Allerheiligen im November.“

Danach sitzen wir im kleinen, schäbig wirkenden Häuschen der Bushaltestelle. Wir haben immer noch eine dreiviertel Stunde Zeit. Wir sind alleine, bis wir eine Gruppe junger Männer aus der Richtung des Ortes kommen sehen. Diese sind auf Krawalle gebürstet und schon bald finden wir uns von ihnen umringt. Einige von ihnen haben noch ihre Bierflaschen in der Hand. Offensichtlich alkoholisiert pöbeln sie und versuchen, Rolf* zu provozieren; mit Lautstärke, drohenden Gesten und Beleidigungen, die er Gottseidank alle nicht versteht. Sie sind fünf an der Zahl ich sitze da und bete inständig, er möge nicht auf die unkluge Idee kommen, den Mund aufzumachen…

Seltsamerweise wollen die Männer von mir nicht das Geringste; es ist anscheinend Rolf*, dessen Gesicht ihnen ganz offensichtlich nicht gefällt. Wir sitzen da und schweigen, zählen die Minuten bis zur Ankunft des Buses. Noch ist keiner von ihnen handgreiflich geworden, wenn wir uns ruhig verhalten, kann man die Sache vielleicht aussitzen. Einer der Männer scheint die treibende Kraft zu sein, soeben haut er von außen mit der Faust gegen das Wellblech des Häuschens; wir zucken zusammen.

„Wir entschuldigen uns bei der Dame für den Ärger.“ Sagt er mürrisch in meine Richtung und fügt sofort hinzu: „Aber nicht bei dem Herrn!“ Wäre die ganze Situation nicht so beängstigend, hätte ich darüber gelacht: Typisch polnische Männer, denke ich mir, immer Gentelmen, auch wenn sie gerade im Begriff sind, dich oder deine Begleiter windelweich zu prügeln. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese Menschen von uns wollen, ich weiß nur eins: Wenn sie merken, dass Rolf* Deutscher ist, dann ist es vermutlich mit uns vorbei.

Ich schaue zu den Häusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sehe zu den quadratischen Fenstern, deren weiße Gardinen nicht einmal zittern: Wir sind doch hier nicht völlig abseits, die kleinen Häuser aus roten Ziegeln befinden sich kaum hundert Meter von uns entfernt, irgend jemand muss diesen Krach doch hören…? Doch nichts rührt sich, in ganzem Ort ist es still und wie ausgestorben, nicht einmal ein Auto kommt vorbei. Und die Minuten ziehen sich wie Kaugummi. Wer immer uns gesehen hatte oder auch nicht, hat offensichtlich beschlossen sich herauszuhalten.

Unwillkürlich komme ich nicht umhin, die Gruppendynamik zu beobachten. So wie es einen gibt, der sich mit besonderer Aggressivität hervortut, versucht ein anderer hingegen, die Situation zu schlichten und seine Freunde zu beruhigen. Anscheinend hat er weniger getrunken als der Rest, denn als dann endlich der Bus kommt und wir erleichtert feststellen, dass der Rest der Gruppe zurück in die Ortschaft geht, entschuldigt er sich bei uns.

„Weißt du, wie das ist“, sagt Rolf* später zu mir, als wir uns schon in der Sicherheit meiner Heimatstadt wiegen, „wenn du als Mann hilflos bist und nichts, komplett nichts tun kannst? Weißt du, wie sich das anfühlt?“ Der Schreck sitzt noch sehr tief; wir können es kaum glauben, die Situation überstanden zu haben, doch unser Urvertrauen ist für die nächste Zeit futsch…

Kirche in Kampinos, gegen Ende des 18 Jhd aus Fichtenholz erbaut

*  Namen geändert

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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