Das Müllerthal

Wie ist es wohl, in Grenzgebieten zu leben? Frage ich mich, während der mit gelben Sternen umschlossener Schriftzug „Luxembourg“ an mir vorbeizieht. Wie fühlt es sich wohl für die Menschen hier an? In Grenzgebieten fließen Kulturen beider benachbarten Länder zusammen, sie verschmelzen miteinander. Grenzgebiete sind irgendwie Niemandsland; wie es sich wohl anfühlt, jeden Tag an einem Grenzschild vorbei spazieren zu können? Ob es für die Menschen nichts Spezielles mehr; ob es für sie normal geworden ist?

Offene Grenzen sind schon eine tolle Sache. Einfach in ein anderes Land fahren zu können, sobald einem danach ist.Und wir fahren gerne zu unseren Nachbarn, zumindest die von uns, die in Grenznähe leben – alleine schon aus reiner Neugierde. Denn wann hat man denn schon die Gelegenheit, einem Nachbar so offen ins Wohnzimmer spähen zu können?

Ich überquere die Grenze auf der Höhe von Mertert. Die Straßen sind leer, als ich durch den Ort fahre. Keine Spur von Staus, die sich am späten Nachmittag mit Sicherheit hier bilden werden. Ein heller Tag, die Welt für mich alleine.
An der Hauptstraße warten die obligatorischen Tankstellen. Dahinter nur noch Häuser, ein ruhiger Ort, der noch schläft. Es ist zehn Uhr morgens.
Die Strecke führt mich durch ein wunderschönes Stück tiefen Wald, und ich spüre sofort, wie die kühle Luft in das Auto dringt. Ein dichtes Blätterdach sperrt den Himmel aus und einzelne Sonnenstrahlen bilden auf dem Boden ein bewegliches Mosaik aus Licht und Schatten. Über mir hören ich den lauten, durchdringenden Ruf eines Jagdvogels; welchen, vermag ich nicht zu sagen.

Ich verlasse den Wald. Dahinter erstrecken sich ausschweifende Gras- und Weideflächen. Immer wieder sehe ich hellbraune Kühe grasen. Ein paar Pferde stehen in einer Umzäunung. Die Landschaft erinnert mich an die des Odenwaldes, da ein paar Bäume, hier ein paar Kühe, alles wie ein Gemälde hügelig und sanft geschwungen.

Es ist leer auf den Straßen, als seien alle Menschen bereits auf Arbeit oder noch in ihrem Bett. Ab und zu ziehen kleinere, malerische Ortschaften an mir vorbei, doch liegen sie verlassen in der Morgensonne. Was mir angenehm auffällt, ist das Fehlen von Fachwerk. Wie schon in Echternach, sind auch hier Häuser, Kirchen und Gebäude gestrichen in einem blassen Eierschalengelb. Dies – und sanfte, hell-sandige Töne – scheint die bevorzugte Farbe der Luxemburger zu sein.

Brav halte ich mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung – In Luxemburg gilt Tempo 130 auf der Autobahn und 90 auf der Landstraße. Und obgleich ich die Deutschen für ungeduldige Fahrer hielt, sind sie doch reine Chorknaben im Vergleich zu einem gestressten Luxemburger. Eine kurze Zeit fährt einer hinter mir. Und ich denke mir: Hier ist fünfzig erlaubt, ich fahre fünfzig, nerv mich nicht… Als er seitlich in ein Gehöft einbiegt, atme ich erleichtert auf.

Ich tauche wieder in den Wald ein. Doch diesmal sind es Felsen, die immer mal wieder die Bäume durchbrechen. Hohe Felswände türmen sich neben der Straße auf.

Wir sind in Müllerthal, oder auch: Der Kleinen Luxemburger Schweiz.

Manche Felswände sind vom Menschen bearbeitet worden. So sehe ich hier und da Kerzen und Blumen; fast sieht es aus wie kleine Andachtsstätten der Jungfrau Maria gewidmet, so wie ich sie bei uns in Polen kenne. In eine Felswand ist ein Fenster gehauen, mit eisernen Stäben davor. Doch, obwohl ich neugierig bin, kann ich nirgends anhalten, um mir die Sache genauer anzusehen. Kurvig und stetig führt die Straße weiter durch den schattigen Wald.

An einem Parkplatz nahe Consdorf halte ich an. Ab hier gibt es Wanderrouten durch das gesamte Müllerthal. Nur wenige Autos parken hier, deutsche wie luxemburgischen Kennzeichen. Ich grüße das Paar, das neben mir aus dem Auto steigt.
Doch dieser Parkplatz ist noch nicht das; er ist zu weit von meinem Ziel entfernt. Und nachdem ich mich umgesehen habe und ein wenig die steil nach oben führenden Felsentreppen entlang gekrabbelt bin, kehre ich um, wieder an einem Pärchen vorbei, das sich lautstark über den Inhalt der Wanderkarte streitet.

Das, was ich suche, befindet sich noch ein paar Kilometer weiter: Es sind die malerischen Luxemburger Wasserfälle am Schiessentümpel.
Schon damals wollte ich sie sehen, als wir, Stefan und ich, uns aufmachten, mit dem Motorrad nach Luxemburg zu fahren. im Grunde sind die Wasserfälle für mich sogar das eigentliche Ziel gewesen. Ich halte nun auf einem Parkplatz, einen halben Kilometer von der Sehenswürdigkeit entfernt.

Autos stehen hier einige mehr und an einigen von ihnen schultern die Besucher ihre Rucksäcke oder klopfen nochmal den Staub von den Wanderschuhen ab, bevor diese im Kofferraum verschwinden. Ich sehe luxemburgische, deutsche sowie belgische Kennzeichen. Internationales Luxemburg.

Die Frage nach der Identität kommt mir auf. In Luxemburg leben 47,7 Prozent Ausländer auf 52,3 Prozent Luxemburger, die Bevölkerung ist bunt durchmischt. Was ist für einen Luxemburger noch typisch luxemburgisch? Ist denn der ungeduldige Fahrstil als typisch luxemburgisch anzusehen? Oder ist gar das offene, bunte und multikulturelle ein Teil dessen, was das Land und die Menschen ausmacht und womit sie sich identifizieren?

Menschen mit Rucksäcken und Wanderstöcken laufen an mir vorbei. Zum Wandern nehme ich gar nichts mit – bis auf meine kleine Kamera. Leichtfüßig gehe ich den Weg an den steilen Felswänden entlang. Die Karte, die ich mir eine Zeitlang angesehen habe, führt mich vom Parkplatz weg; die Wanderroute bis hin zum Wasserfall verläuft parallel zur befahrenen Straße. Nur der kleine, rauschende Bach trennt mich von den fahrenden Autos, und Bäume, die den Blick versperren.

Die weichkantigen Felsen sind imposant. Sie ragen in die Höhe, wölben sich wie Kathedralen über meinem Kopf. Ihre Form erinnert an vom Wasser rund geschliffene Kieselsteine; sie weisen keinerlei Kanten auf. Ihre Formen erinnern an weich fließendes Wasser; und stand da nicht was von Waldfeen auf der Wanderkarte, und Gesichtern im Stein? Sieht der Fels da oben denn nicht aus wie ein Zwerg, der im Dickicht kauert? Ist das hier nicht eindeutig ein Gesicht? Und sind das dort nicht die Zähne eines Ungeheuers? Eine wunderschöne Gegend; ich verspüre plötzlich den Wunsch, hier Wandern zu gehen, je länger desto besser, am liebsten den lieben Tag lang.

Fast bin ich ein bisschen enttäuscht, als nach relativ kurzer Zeit durch das Erreichen des Ziels meine Wanderung ein Ende findet. Das Rauschen des Wassers wird immer lauter, bis einzelne Stromschnellen auftauchen. Eine halbrunde, aus Stein gebaute Brücke und die Menschen dahinter lassen vermuten, dass sich dort etwas Besonderes befindet, was ich von hier aus nicht sehen kann. Auf der anderen Seite der Brücke stehen sie und fotografieren, und ich stelle mich dazu. Da ist er, der Wasserfall, er fließt in drei gleichmäßigen Strömen malerisch die Felsen hinunter. Ich stehe genau davor, auf einem großen, flachen Fels, der bis in die Mitte des Baches reicht. Auf der anderen Seite, wo sich das Wasser wie in einem Becken sammelt, schimmert ihre Oberfläche ungewohnt türkis, was das Vorhandensein von Mineralien vermuten lässt. Oder Bakterien. Oder Algen. Warum sonst sind die Bergseen so karibisch türkis?

Als ich zurück laufe, wirkt der Wanderpfad voller. Immer wieder kommen mir Menschen entgegen. Auch die angenehm kühlen morgendlichen Temperaturen sind der Vormittagshitze gewichen. Die Besucher sind aufgestanden, haben gefrühstückt und stürmen nun das Tal.

„Der Werwolfschäfer zu Rosport“
„In früheren Zeiten wohnte zu Rosport ein Schäfer, der sich vermittelst eines Gürtels in einen Werwolf verwandeln konnte. Den Bauern waren oft Schafe verschwunden, ohne daß sie recht finden konnten, woher das kommen möchte. Einst hatte er seine Pferche in der sogenannten »Urbelswies« aufgeschlagen. Neben ihm hielt ein Jüngling aus Rosport mit zwei Pferden und einem Füllen auf der Weide. Als es Nacht geworden war, hüllte sich der Jüngling in seine Decke ein und fing an zu schlafen. Der Schäfer, der den Knaben in tiefem Schlafe wähnte, nahm seinen Gürtel, legte ihn um die Lenden und verwandelte sich in einen Werwolf. Darauf fiel er über das Füllen her, zerriß es und fraß es ganz auf. Bei dem ängstlichen Gewieher und Getrappel der Pferde war inzwischen der Jüngling erwacht und sah, wie der Wolf die letzten Stücke des Füllens auffraß und sich dann wieder in einen Menschen verwandelte. Es gruselte dem Jüngling, aber er war klug genug zu schweigen, weil die Nacht noch nicht vorüber war. Als die Sonne aufgegangen war, kam der Schäfer zum Jüngling, grüßte ihn und fing an, mit ihm ganz vertraut zu reden. Dabei stieß ihm das Essen mehrere Mal im Magen auf. Da sagte der Jüngling: »Wenn ich ein Füllen im Leibe hätte wie du, müßte ich auch ›repsen‹.« Der Schäfer sah sich verraten und sprach voll Zorn: »Hätte ich das vor Sonnenaufgang gewußt, so wäre es dir ergangen wie dem Füllen.« Zu Hause angekommen, erzählte der Jüngling, was vorgefallen war. Die Bauern merkten nun, wie es zugegangen, daß ihnen soviele Schafe abhanden gekommen. Sie bemächtigten sich des Schäfers, führten ihn vor den Richter und peitschten ihn dreimal nackend um den Galgen herum. Darauf wurde er mit Frau und Kind des Landes verwiesen.“
 
Quelle: Gredt, Nikolaus: Sagenschatz des Luxemburger Landes 1. Neudruck Esch-Alzette: Kremer-Muller & Cie, 1963, S. 401-402.
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Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

2 Gedanken zu „Das Müllerthal“

  1. Vielen Dank! Ja, das Müllerthal ist ein sehr schönes Fleckchen Erde, ich habe mir fest vorgenommen, dort mal ein paar Tage am Stück wandern zu gehen… Ich werde mich auf Deinem Blog umschauen und mir Inspirationen für Norddeutschland holen – habe gesehen, dass das Dein Schwerpunkt ist… 🙂

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