Burg Nanstein – und wie ich beinahe mein Bienchen verlor…

Ein Auto mit Warnblinkern auf dem Standstreifen der Autobahn. Ein ordnungsgemäß dahinter aufgestelltes Warndreieck und ein unzufrieden dreinschauender Fahrer, der mit sauertöpfischer Miene und Warnweste, wahlweise vor oder hinter der Leitplanke, neben seinem Vehikel steht. Wir alle kennen diese Szenen und wir alle, diesmal meine ich die Vielfahrer von uns, kommen auf unseren ausgedehnten Strecken ein- bis mehrmals täglich an selbigen vorbei. Dabei verlangsamen wir unwillkürlich das Tempo, schielen unauffällig herüber und sind heilefroh, nicht selber diese arme Sau dort drüben zu sein. Und immer, wenn ich sie sehe, die wenig beneidenswerten Menschen, die da so machtlos herumstehen und vermutlich noch ein- bis zwei Stunden warten müssen, bis sich etwas zu ihren Gunsten verändert (sprich: bis der ADAC endlich kommt…), immer dann muss ich an uns damals denken…

Damals, das war zu Beginn des Jahres 2015, genauer gesagt in April, als ich an einem schönen Frühlingstag fröhlich hüpfend meine neue Hornet entdeckte, beim Kaffee trinken in Route 66 in Mannheim.

Langsam meinen Cappuccino schlürfend lasse ich meine Blicke in der Gegend schweifen und das Thema Motorradkauf ist aktueller denn je. Stefan sitzt mir gegenüber und sinniert über die Vorzüge der neuen Suzuki GSX-S1000 und ich, ich habe gerade eine einstündige Probefahrt mit der neuen Triumph Street Triple hinter mir, die mich nebenbei gesagt so semi beeindruckt hat (ist halt keine Hornet… 😉 )

Doch dann wird mein Blick von etwas glänzend blauen fixiert und ab diesem Zeitpunkt höre ich auch Stefan nicht mehr zu. Denn was ich da sehe, ist die berühmte Liebe auf den ersten Blick.

Es ist mein neues Baby.

Nun, zunächst einmal ist es jemandes neues Baby, welches gerade vor dem Biker-Cafe abgestellt wird. Schwermutig beobachte ich den absteigenden Fahrer und in meinem Kopf formt sich der Gedanke, welch einen Glücksfang der Mann mit dieser Maschine gemacht hat. Hoffentlich weiß er das zu schätzen.

Ich wende meine Gedanken anderen Dingen zu und nehme mir vor, auf dem Rückweg zum Auto die neue Schöne genauer zu beäugen.

Fünf Minuten später jedoch bin ich wieder hellwach, als ich sehe, wie ein Mitarbeiter von ZRM Honda das Motorrad in die Ausstellungshalle hinein schiebt. Das hieße also…

Sie steht noch zum Verkauf!

Ich glaube, wäre dies ein Comic, so hätte Stefan im nächsten Moment nur noch eine Staubwolke gesehen an jener Stelle, wo ich soeben gesessen bin. Eine Staubwolke, die aussieht wie Kasia, sich aber schon im nächsten Augenblick langsam verflüchtigt. Denn ich – ich bin längst nicht mehr an meinem Platz – vielmehr platze ich in die Räume des Honda-Händlers herein und, noch etwas außer Atem und vermutlich auch leicht wirr dreinschauend, frage ich den Verkäufer: „Wo ist sie?!“
Ich kann den armen Mann quasi schon in den Verteidigungsmodus wechseln sehen, als er etwas hilflos zurückfragt: „Wo ist was?“
„Die Hornet!“ Sage ich. „Die blaue Hornet?“

Als fünf Minuten später ein zufriedener Stefan herbei schlendert und beim Laufen den Rest seiner Zigarette aufraucht, bin ich gerade dabei, meine Unterschrift unter den Kaufvertrag zu setzen. Die wunderschöne blaue Hornet gehört mir.

Doch nein, leider ist es im wirklichen Leben niemals wie im Film, wo die Protagonisten mit dem neuen Bike brummend vom Hof und hinein in den Sonnenuntergang fahren; das Moped muss erst noch umgemeldet und der Papierkram erledigt werden.

Doch schon das Wochenende drauf habe ich Gelegenheit, die Neue endlich zu fahren, denn wir sind unterwegs zur Burg Nanstein.

Die mittelalterliche Burg Nanstein in der westlichen Pfalz wurde im 12 Jh. von einem Herrscher gebaut, dessen Namen sicher schon einmal um jedermanns Ohren hallte: Kaiser Barbarossa.

Die geschichtlichen Infos lassen sich leicht nachrecherchieren, doch da ich so auf Sagen stehe, hier die Legende des Kaisers Barbarossa (was soviel wie „Rotbart“ oder „roter Bart“ bedeutet), der niemals wirklich gestorben sein soll:

“Der alte Kaiser Friedrich Barbarossa ist durch einen Zauber, d.h. eine übernatürliche heimliche Gewalt, in ein unterirdisches Schloss des Kyffhäuserberges in Thüringen versetzt worden. Hier sitzt er schlafend auf einem Stuhl von Elfenbein und stützt sein Haupt auf einen Marmortisch. Sein roter Bart, bei Lebzeiten dem gelben Flachse ähnlich, leuchtet wie Glut des Feuers und ist durch den Tisch, ja fast um denselben herumgewachsen. Zuweilen bewegt der Kaiser das blonde Haupt, hebt die schweren Augenlider halb und zwinkt oder blinzelt mit den Augen. Durch solch’ traumhaftes Augenzwinkern winkt er in langen Zeiträumen – von 100 Jahren – einem Zwerg, kaum der Größe eines Knaben, hinaufzugehen und nachzusehen, ob die Raben, die Bilder der Zwietracht und des Unglücks, noch um den Berg fliegen und krächzen. Ist dies der Fall, so schließt der Kaiser seufzend die Augen, schläft und träumt abermals 100 Jahre. Erst, wenn der Bart ganz um den runden Marmortisch gewachsen ist und ein mächtiger Adler in stolzem Flug sich aufschwingt, den Berg umkreist und den Rabenschwarm verscheucht, erst dann wird der Kaiser mit seinen gleichfalls verzauberten Getreuen erwachen.” Quelle: www.kyffnet.de

Die Burg Nanstein erhebt sich 80 m über der Stadt Landstuhl und ist sowohl für Biker als auch für Touristen aus aller Welt ein Anziehungspunkt. So sind die Parkmöglichkeiten weitestgehend belegt, als wir nach einer kurvigen, steilen Auffahrt oben an der Burg ankommen.

Unerfahren, wie ich zu der Zeit noch bin, schwitze ich Blut und Wasser während der steilen Auffahrt. Wohl bin ich in der Vergangenheit sehr häufig Motorrad gefahren, doch ist es schon über drei Jahre her, da ich das letzte Mal auf einem solchen saß. Doch die Hornet entpuppt sich als eine zuverlässige Begleiterin, die mich auch in den schwierigsten Situationen stets weiterbringt, ohne irgendwelche Ausreißer oder Überraschungen an den Tag zu legen. Ein Motorrad, welches ich jedem Neuling ohne Vorbehalte empfehlen würde.

Die beeindruckende Burgruine zeugt noch von Zeiten, da sich die Burg gegen zahllose Angriffe von außen behaupten musste; in ihrer bewegten Geschichte wechselten sich die Herrscher ab, Burg- und Kriegsherren kamen und gingen. Doch im 17 Jh. zerstörte sie endgültig der Pfälzische Erbfolgekrieg.

Wir sehen gleichermaßen viele Motorradfahrer wie auch japanische Touristen mit ihren Selviesticks, als wir die Anlage erkunden. Von den Burgmauern aus, die stellenweise bis hinunter in den Ort reichen und mit einen Teil der Stadtmauer bilden, blicken wir runter auf Landstuhl und weiter auf ausgedehnte, laublose Wälder. Die Kastanienbäume bekommen schon ihre ersten, jungen Blätter und überall sind wir von blühendem Ginster umgeben, dessen kräftiges Gelb mit der Sonne um die Wette strahlt.

Was auffällt, sind die mächtigen, roten Sandsteinfelsen, die die Burg tragen und auf denen die Anlage errichtet worden ist. Sie ragen rot in die Höhe; zum Teil ist die Anlage um den Fels herum gebaut worden. Aus der Nähe betrachtet sehen sie aus wie eine rote Schichttorte, und auch die Burg selbst weist dieses spezielle Sandsteinrot auf. Uns beeindrucken die unglaublich dicken Mauern; kaum zu glauben, dass diese mächtige Anlage überhaupt, und das sogar mehr als nur einmal, zerstört werden konnte.

Die Burg wird stellenweise restauriert und die Metallgerüste stören das friedliche Bild der Burgromantik. Schnell besorge ich für eine Freundin eine geprägte Münze an einem der aufgestellten Automaten.

Als nächstes fahren wir zur Aussichtsplattform des Bismarksturms auf dem Kirchberg in der Nähe von Ramstein, von wo aus man einen ausgiebigen Blick auf die US-Amerikanische Air Base werfen kann.

Ramstein, ein kleiner Ort nahe Kaiserslautern, wurde bekannt durch den seit Ende des zweiten Weltkrieges südöstlich davon angesiedelten militärischen Flugplatz der Air Force.

1988 ereignete sich während einer Flugshow ein tragisches Unglück, welches als das Flugtagunglück von Ramstein in die Geschichte einging. Die Flugmaschinen stießen in der Luft über der Air Base zusammen und eines der brennenden Flugzeuge rutschte ins Publikum. Die Besucherzahl an diesem Tag wurde auf 350 000 Menschen geschätzt; 70 Todesopfer und ca. 1000 Verletzte waren die traurige Bilanz.

Im Jahre 2005 rückte die Air Force Station im Zusammenhang mit CIA-Gefangenenflügen zum zweiten Mal in den Blick der Öffentlichkeit. Extraordinary rendition bezeichnet eine sog. außerordentliche Überstellung. Im Klartext geht es um die Festnahme und Überführung von Terrorverdächtigen über Landesgrenzen hinaus ohne jegliche juristische Grundlage, wofür die US-Station Ramstein ein Dreh- und Angelpunkt gewesen sein soll. Auch Befragungstechniken unter Anwendung von Folter und willkürliche Tötungen kamen in diesem Zusammenhang zur Sprache.

Wenn einem all das im Hinterkopf herum schwirrt, dann ist es eine durchaus spannende Sache, die Air Base in Ramstein eine Weile von oben zu beobachten. Jedoch, wie zu erwarten, ein echter Einblick ist es nicht. Ein Flugplatz, Flugmaschinen, die sich von A nach B bewegen. Einzig die eigene Fantasie sendet spannende Bilder. Nie, niemals möchte ich auf der Abschussliste der US-Geheimdienste stehen, geht mir durch den Kopf, als wir den Pfad wieder hinunter steigen.
Mutiger, mutiger Snowden.

Aber ich hab Euch ja eine Panne versprochen, nicht wahr…?

Schon auf dem Weg zum Aussichtspunkt auf die Basis der US-Air Force merke ich, wie sich das Fahrverhalten meines Bienchens unwillkürlich verändert. Zur Anfang kaum spürbar, so dass ich nur irritiert den Kopf schütteln und an der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit zweifeln kann.

Zunächst einmal hält sie stellenweise nicht mehr ihre Spur; das macht sich in erster Linie beim Rangieren auf Parkplätzen und Wendemanövern bemerkbar. Der Motor läuft unregelmäßig – unrund – ist das passendere Wort dafür. Und da meine letzte Maschine ebenfalls eine Hornet älteren Datums war und ich ihr Fahrverhalten in und auswendig kenne, fallen mir die kleinen, feinen Unterschiede sofort auf. Doch irgendwie mag ich es noch gar nicht richtig glauben, hoffe, dass es sich hierbei um einen Irrtum handelt. Ein neu gekauftes Motorrad; ich bin zutiefst frustriert.

Auf der L363 auf dem Weg nach Hause ist es dann soweit. Der Motor hat keinen Zug mehr, jegliches Drehen am Gasgriff hat nur extrem verlangsamte Reaktionen zufolge. Beschleunigung – Fehlanzeige; es hört (und fühlt) sich so an, als würde die Maschine aus dem letzten Loch pfeifen. So kommt es, dass ich auf kerzengerader Strecke immer weiter hinter Stefan zurück bleibe.

Irgendwann entscheiden wir uns dafür, von der Weiterfahrt abzusehen und den ADAC zu rufen.

So also stehen wir irgendwo im Nirgendwo, noch weit von Zuhause entfernt, und warten, und warten, während es langsam dämmert und die Wölfe in den kahlen, laublosen Wäldern zu heulen beginnen. Die Sonne ist längst hinter der Baumlinie verschwunden und die Luft wird sofort um ein paar Grad kühler. Ein hölzerner Tisch und zwei massive Bänke sind notgedrungen zu unserem zweiten Zuhause geworden; sauertöpfisch dreinschauend schaufle ich mir die Reste unseres Reiseproviants rein. Ab und an werfe ich dabei besorgte Blicke zu unseren Mopeds auf der anderen Straßenseite und rechne mir aus, wie lange wir schon zu Hause die Füße auf die Couch hätten legen können.

Langer Rede kurzer Sinn: Maja war krank, schwer krank sogar, denn sie brauchte eine Herztransplantation.

Hä?

Joah, um ins Fachjargon der Mechaniker zu wechseln: Es war die Benzinpumpe, die getauscht werden musste. So erklärt sich im Nachhinein auch der unrunde Klang und die schwache Zugleistung des Motors; diverse Internetforen, die Stefan daraufhin durchstöbert, belehren uns, dass dies eine verbreitete Schwachstelle der Hornet sein soll.

Nachdem ich weitere drei Wochen lang auf mein Bienchen verzichten musste (Reha und so 😉 ) und sie dann freudestrahlend wieder bei mir war, lief sie wie ne Eins: kraftvoll und stark hörte sich ihr Motor an und seitdem trägt sie mich, ohne zu murren, überallhin, wohin ich möchte.

(So reiten sie dahin, die Westernheldin und ihr treues Ross, durch die gefährliche, wilde Steppe, vorbei an Felsen und Kakteen, direkt in den Sonnenuntergang hinein…)

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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