Ein Abend in Luxemburg

Luxemburg Stadt, Juli 2017

Dieses unbändige Grinsen, das ich kaum aufzuhalten vermag, ganz so, als hätte ich jemandem einen Streich gespielt. Ich bin hier! Endlich bin ich hier. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf, wie schon so viele Geschichten zuvor.

Ich laufe die Straße entlang, folge den Schildern, die das Stadtzentrum anzeigen. Passiere Häuser, Vorgärten, einen Strauch Lavendel, der so warm, frisch und sonnig riecht, dass ich mich kurz in der französischen Provence wähne. Endlich bin ich hier, habe meine Bedenken überwunden. Lange habe ich mich davor gedrückt, ausgerechnet ich, die ich in einer Nacht und Nebel Aktion eines schönen Tages einfach nach Paris gefahren ist. Denn alleine in ein fremdes Land zu reisen, sei es auch nur unser Nachbar, wo jeder meine Sprache spricht – alleine in ein fremdes Land zu reisen ist immer noch nicht selbstverständlich, erfüllt mich immer noch mit Stolz.

Internationales Luxemburg, was wirst du mir wohl zeigen?

Reise-Romantik…
…vs. Reise-Realität  🙂

Luxemburg ist klein. Sehr klein. Interessiert messe ich die Entfernungen in meinem Kopf, inspiziere die Landkarte auf G-maps. Denn obgleich ich um die Winzigkeit des Staates wusste, so bin ich immer noch erstaunt über die Tatsache, dass ich knapp zwei bis drei Stunden bräuchte, um den Durchmesser des Landes mit dem Auto abzufahren – mehr nicht. Und so bin ich ratzfatz über der Grenze und innerhalb einer halben Stunde in der Stadt.
Und auch diese ist überschaubar, etwa so groß wie Heidelberg. Nicht nur das ganze Land ist klein, sondern entsprechend auch seine Hauptstadt.

Wie ist es wohl für die Menschen hier? – denke ich nach, während ich sie beobachte und meinen Weg fortsetze. Ist es nicht einengend, in so einem kleinen Land zu leben? Fühlen sie sich nicht erdrückt? Wie mag es wohl sein, einmal ins Auto zu steigen und, eine beliebige Richtung ansteuernd, bereits nach kurzer Zeit schon an die Landesgrenzen zu stoßen?

„Wo kann ich in Luxemburg parken, ohne mich zu ruinieren?“ Entnehme ich der Suchmaschine, nachdem ich eine entsprechende Anfrage eingegeben hatte. Mein Auto parke ich an der Avenue Guillaume im Stadtteil Belair, für ein Euro die Stunde; ruiniert habe ich mich also auch nicht. Vorsichtshalber schreibe ich mir den Standort des Parkautomaten auf. Danach nochmal den Straßennamen. Und ein paar Minuten später den Namen des Stadtteils noch dazu. Ach, ich weiß jetzt schon, dass ich trotz allem mein Auto suchen werde…

Zu Fuß ist es bis zum Zentrum nur ein Katzensprung, und ich tue es der Katze gleich und „springe“, im übertragenen Sinne natürlich, doch anders kann man den kurzen Spaziergang wohl kaum bezeichnen.

Ich höre ein Rauschen, das Rauschen einer Fontäne, als ich schon so gut wie am Stadtzentrum bin. Ein Park, den ich zunächst versucht bin, zu ignorieren, zieht sich zu meiner Linken an mir vorbei wie eine grüne Oase. Sanft lockt das Geräusch des kühlen Wassers inmitten der Sommerhitze der Stadt. Vielleicht sollte ich doch kurz abbiegen und den Lustgarten erkunden?

Der Parc Public umgibt die Altstadt wie ein grüner Gürtel. Auf dem Weg dorthin empfängt mich schon einige Meter weiter eine kühle Frische und der Geruch vom sprudelndem Wasser (ja, das hat einen ganz eigenen Geruch! Nach Moos, nach Wald, nach einer frischen Quelle…). Ich lasse mich auf einem kleinen, grassbewachsenen Hügel in der Nähe des kleinen Teiches nieder, dessen Fontäne stetig in die Höhe sprudelt. Die Luxemburger suchen hier Entspannung nach ihrem Arbeitstag. Eine junge Mutter sitzt mit ihrem Kinderwagen im Gras, ein junger Anzugträger versucht, seinen Kopf zu ordnen. Ein kleiner, blonder Junge hängt sich mit seinem vollen Gewicht an den Ast des alten Kastanienbaumes, welcher wie ein Schirm seine Zweige zu Boden neigt, und beginnt zu schaukeln. Der Ast hält ihn mühelos.

Direkt nach der Arbeit, die mich diese Woche nach Trier verschlagen hatte, fuhr ich los. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, mich noch im Hotel in ein legeres T-shirt zu werfen, aber da die Kleider ja bekanntlich Leute machen und ich in einer fremden Stadt in einem fremden Land einen guten Eindruck machen will, bin ich heute Mrs. Piekfein. Ach, meine feinen, weißen Blusen, was habe ich nur bislang ohne euch gemacht?

Was wissen wir eigentlich wirklich über unseren stillen Nachbarn?

Die Luxemburger beobachten, das ist heute mein Ziel. Doch im Moment beobachte ich einen Krabbentaucher, der kopfwackelnd das niedrige Gras durchquert. Das fröhliche Sprudeln der Fontänen; kleine, künstliche Geysire, die niemals enden. Außer es dreht jemand den Hahn zu.

Eines kann ich schon mal sagen: Vom Fahrstil her unterscheidet sich der Standard-Luxemburger nicht wirklich von unsersgleichen. Da wird gehupt, schnell gefahren und gedrängelt. Ein weißes Auto der luxemburgischen Polizei fährt mit heulender Sirene an mir vorbei, als ich, mich der Wirkung des stillen Parks entrissen, weiter durch die Stadt gehe. Und es wird gehupt… weit mehr als dies hierzulande der Fall ist. Zur Begrüßung, zur Strafe für Fahrfehler… wozu ist sonst die Hupe da?

Ich bin umgeben von steinernen, verzierten Hausfassaden. Ob das hier schon die Altstadt ist? Die Altstadt einer Stadt stelle ich mir eigentlich autofrei vor, aber… muss ja nicht sein. Ist ja in Warschau auch nicht der Fall. Aus reiner Neugierde schaue ich auf den soeben am Straßenrand erblickten Parkautomaten. 2 € die Stunde; die Preise steigen, je näher man dem Zentrum kommt.

Ich gehe ein ganzes Stück die belebte Straße entlang und bin schon versucht, eine leise Enttäuschung in mir aufkommen zu lassen. Joah, irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ein Kontrollblick auf die Karte. Na kein Wunder… ich bin in die falsche Richtung gelaufen! Hätte ich es mir doch denken können; kein einziger japanischer Tourist ist hier unterwegs!

Also reumütig wieder zurück. Schlapp, schlapp, schlapp. So langsam könnte ich etwas essen…

Der City-Skyliner

Boarding complete! Ertönt die elektronische Frauenstimme und in diesem Moment komme ich mir wie in einem Flugzeug vor. Und siehe da… langsam heben wir ab.

Zunächst einmal schleiche ich um den mobilen Turm herum, betrachte, begutachte und überlege, ob nun rauf oder nicht. Gerade ist der Turm zu einer weiteren Runde gestartet und, wie es der Augenblick so will, wartet just in diesem Moment kein einziger Mensch vor dem Kassenhäuschen. Ich nutze meine Chance, kaufe ein Ticket. Die ältere, blonde Dame am Schalter lächelt mich wohlwollend-nachsichtig an, als ich sie auf deutsch anspreche.

Der City-Skyliner ist mit seinen 81 Höhenmetern der höchste mobile Aussichtspunkt der Welt und diesen Sommer das erste Mal am Place de la Constitution in der Luxemburger Stadt zu finden. Die mobile Aussichtsplattform dreht sich um die eigene Achse, während die Besucher langsam immer weiter nach oben steigen. Die großen Panoramafenster ermöglichen einen vollkommenen Rundumblick über die Stadt Luxemburg und die wohlklingende, elektronische Frauenstimme erläutert auf englisch, luxemburgisch und französisch die markanten Punkte und Besonderheiten der Stadt. Noch ehe wir oben sind, reißt es die Menschen um mich herum von ihren Sitzen; viele achs und ochs, jeder möchte das perfekte Foto, den perfekten Film. Ein japanisch anmutendes Pärchen rechts von mir ist restlos begeistert, Kameras werden in die Höhe gehalten (ich übe mich natürlich, mich vom Durchschnittstouristen unterscheidend, in vornehmer Zurückhaltung; die Bilder und Filme auf meinem Handy haben sich selbstverständlich von alleine geschossen… 😉 ).

Place d’armes

In einem Tabak- und Zeitungsladen am Place d’Armes fülle ich meinen Vorrat an Zigarillos auf. Es ist schließlich Luxemburg; bei den Preisen hier kann ich einfach nicht widerstehen. Nun sitze ich draußen beim Mexikaner, unter einem grünen Blätterdach, und ziehe tief den Rauch ein.

Eines fällt mir auf: Klar, in Luxemburg sprechen die Menschen alle deutsch, doch mir scheint, sie tun es nicht ganz gerne, jedenfalls – vielleicht liegt es an Verständigungsschwierigkeiten oder vielleicht geht ihnen das Deutsche nicht ganz so flüssig von den Lippen – wird schon zu Beginn eines Gespräches ganz schnell ins Englische gewechselt. Doch leben im Land an die sieben- bis achtundvierzig Prozent Ausländer; wo sollen sie denn hier deutsch gelernt haben?

Die Beschriftungen an Parkautomaten beispielsweise sind auf französisch und deutsch, wogegen die Ansagen im City-Skyliner nur auf französisch, luxemburgisch und englisch erfolgten. Verschiedene Sprachen umgeben mich nun, wie damals schon in Echternach; die Mädels vor mir sprechen luxemburgisch, ich höre englisch und spanisch, hier und da sogar polnisch, und zwei Tische weiter erzählt eine junge Asiatin auf deutsch die Geschichte ihrer verflossenen Liebe. Internationales Luxemburg.

Ein Vogel kackt mir auf meine schneeweiße Bluse. Mrs Piekfein wird zur Mrs Kack. Ich hoffe, dass keine weiteren Attacken folgen. Das hat ein schönes, lauschiges Plätzchen unter Bäumen nun mal so an sich, denke ich mir, während ich misstrauisch nach oben in die Baumkronen spähe und noch einen tiefen Zug von meinem Zigarillo nehme. Ich rauche gemütlich zu ende, bevor ich auf die Toilette verschwinde und mir die Kacke von der Bluse abwasche. Scheiß Vogel. Gottseidank war es kein Adler.

Am Place d’Armes steht eine aufgebaute Bühne und immer mehr Menschen mit Instrumenten in der Hand finden sich auf ihr ein. Ob die wohl noch etwas vorhaben? Mikrofone werden getestet, die Instrumente gestimmt. Da liegt doch Stimmung in der Luft?

Der Place d’Armes liegt im Zentrum der Luxemburger Altstadt und im Sommer finden hier in schöner Regelmäßigkeit Konzerte statt, so vermutlich auch heute. Und obwohl ich hierzu nichts genaueres auf entsprechenden Websites finde, so verrät mir die erwartungsvolle Stimmung der Menschen, dass hier demnächst etwas passieren wird. Ich frage mich, wann die Herrschaften anfangen werden zu spielen und ob ich vorher noch eine Runde durch die Altstadt drehen soll.

Und sie legen los. Als sich das Schlagzeug einschaltet, suchen die umherflanierenden Tauben schleunigst das Weite. Die hübsche Sängerin mit ihrer schönen, rauchigen Stimme singt sehnsuchtsvolle Fünfzigerjahre-Lieder. Ein Pärchen steht eng umschlungen seitlich der Bühne und lauscht. Eine pakistanische Familie neben mir schaut zu und ist ganz hingerissen. Es ist einer dieser besonderen, warmen Sommerabende, der mich so an Florenz erinnert. Die Sonne steht nun tief und beleuchtet das Rathaus mit warmen, gelben Schein.

Immer mehr Menschen versammeln sich um und vor der Bühne. Ich drehe keine Runde mehr. Stattdessen verlasse ich den Tisch des Lokals und reserviere mir eine der Bänke, die den Rand des Platzes säumen.

Ein Mädchen von etwa zwei Jahren springt zur Musik auf und ab, die goldenen Löckchen auf ihrem Kopf tanzen fröhlich. Ein leichter Wind kühlt die Gesichter. Die Musik ist schön. Doch das Beste an der Musik sind die kleinen Kinder, die vor der Bühne hüpfen und tanzen. Die Klänge machen sie alle zahm. Unglaublich.

Der Junkie und die geigerin

Irgendwann löse ich mich von der Romantik des Augenblickes und laufe los. Doch ich komme nicht weit, denn schon an der nächsten Ecke steht ein Mädchen da und spielt. Und ich bin wieder einmal im selben Augenblick an die nächstgelegene freie Bank gefesselt. Ach ihr Straßenkünstler dieser Welt, ich liebe Euch!

Ein Drogenabhängiger kommt an mir vorbei. Er bleibt vor meiner Bank stehen und, nachdem er nach ein Paar Anläufen meine Sprachkenntnisse erfragt hat, erzählt er mir umständlich eine lange Geschichte darüber, weshalb er auf der Straße sei. Nein, er sei kein Krimineller, er sei nur momentan obdachlos, doch ein Platz im Obdachlosenheim sei bereits für ihn reserviert. Er suche nur nette Leute, die ihm dabei helfen, sich etwas zu Essen kaufen zu können.

Ich höre seinen Ausführungen geduldig zu, die traurigen Klänge der Geige haben mich wohl milde gestimmt, und als er fertig ist, drücke ich ihm zwei Euro in die Hand. Er bedankt sich überschwänglich und läuft weiter. Er wird sich davon neue Drogen kaufen, denke ich mir, während ich ihm sinnend nachschaue. Die Anzeichen erkenne ich sofort und noch bevor das Gespräch beginnt, ist mir klar, wie es enden wird. Doch das ist seine Sache. Diese Art Entscheidungen trifft jeder Mensch für sich alleine.

Er hält an der Seite an, schielt auf das Geld der Musikerin, welches rund und glänzend in ihrem samtenen, schwarzen Koffer liegt. Doch dann besinnt er sich eines Besseren und beschließt, sich zu trollen. Ich frage mich, was für ein Mensch er vorher gewesen sein mag.

Die Geigerin spielt weiter ihre traurigen Lieder. Auch ein paar Meter weiter haben sich Zuhörer eingefunden; sie sitzen wie ich auf einer Bank und sehen der jungen Frau beim Spielen zu. Es scheint, als gäbe sie den wenigen, die hier sind, ein ganz privates Konzert. Ich würde gerne bleiben, doch das geht nicht – es ist schon spät. Wider Willen verabschiede ich mich von Luxemburg. Es ist schon spät und ich will noch Tabak für Stefan holen. Doch gehen – von hier gehen will ich eigentlich nicht.

Eine Tankstelle vor der deutsch-luxemburgischen Grenze, Tabak für Stefan: „Wir haben die noch größer,“ sagt der Kassierer, als ich mit runden Augen den Fünfliter-Eimer betrachte. 

Ich zu Stefan via Whats App: „Meinst du, der reicht? Die Portionen hier sind so mickrig…“

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von „windrose.rocks“ :-)
Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja… auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern…

„Ich mag an dir dieses… rastlose Umherschwirren“ (Zitat von Stefan)

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