Ein Abend in Messina

Ein Abend in Messina

Alles, was ich je über Sizilien im Allgemeinen und abgelegene Orte insbesondere gehört und gelesen habe, steigt in mir auf. Ich will nicht weiter laufen. Hier gibt es nichts, nur ein Wohngebiet, in welches wir gerade ungebetenerweise eindringen. Ich habe Angst. Ich möchte umkehren, sofort.

Wir verlassen Taorminas sonnige Promenade und ziehen zu meinem großen Bedauern weiter, in Richtung der unweit gelegenen Stadt Messina, der drittgrößten Stadt Siziliens, die den Verwaltungssitz der gleichnamigen Provinz Messina darstellt.
Inzwischen neigt sich die Sonne gefährlich gen Westen; es ist später Nachmittag und ich melde Zweifel an, ob sich der Aufenthalt in Messina zeitlich lohnen würde. Doch Jimmy* ist unbeirrbar – Messina, diesen Ort möchte er unbedingt noch sehen und erleben.

Messina, die Stadt am Meer, wird auch als das Tor zu Sizilien bezeichnet. Sie liegt am äußersten nordöstlichen Zipfel Siziliens und vermittelt auf der Landkarte den Eindruck, fast schon hinüber zum Festland blicken zu können. Um sie zu erreichen fahren wir nicht ganz eine Stunde lang stets entlang der Küste. Das Meer zieht an uns vorbei. Felsen ziehen an uns vorbei. Strände ziehen an uns vorbei – und ich verdrehe mir den Kopf, während ich aus dem Autofenster schaue.

Als wir ankommen, bin ich bereits müde, die langen Fahrten und der Besuch in Taormina sind bereits reichlich Programm. Wir stellen das Auto ab und begeben uns auf die Suche nach… ja, wonach denn eigentlich?

„Hier soll es einen großen Fischmarkt geben, den will ich mir anschauen.“ Sagt Jimmy*, während wir eine lange Straße entlang traben. Dann entdecken wir etwas, das aussieht wie Marktbuden – dem Geruch nach eindeutig der Ort, wo der Fischmarkt stattfindet – allesamt geschlossen. Märkte finden wohl in der Regel morgens statt, hier sieht es aus wie ausgestorben. Und es riecht nach Verwesung. Es gefällt mir nicht, ich dränge darauf, weiter zu gehen. Zudem fühle ich mich hier nicht sicher.

Zwischendurch verirren wir uns zwischen Wohnhäusern, gehen eine schmale, verwinkelte Straße, die steil hinauf führt. Wir sind die ganze Zeit alleine, nur selten kommt uns jemand entgegen. Wir sind die einzigen Touristen weit und breit und leuchten wie auf dem Präsentierteller. Mein Gefühl der Unsicherheit wächst. Alles, was ich je über Sizilien im Allgemeinen und abgelegene Orte insbesondere gehört und gelesen habe, steigt in mir auf. Ich will nicht weiter laufen. Hier gibt es nichts, nur ein Wohngebiet, in welches wir gerade ungebetenerweise eindringen. Ich habe Angst. Ich möchte umkehren, sofort.

Nach einigen Minuten meiner panischen Argumentation schaffe ich es, Jimmy* zur Rückkehr zu bewegen; wir steigen ins Auto und fahren weiter. Wir suchen das Zentrum der Stadt. Inzwischen ist es Abend geworden.

Dann entdecken wir den Dom von Messina.

Da es bereits spät geworden ist, hat der Dom geschlossen. Fasziniert stehe ich vor der riesigen, mächtig wirkenden Eingangspforte und komme mir sehr klein vor – dieser Eindruck wird auf den Bildern nochmal wiedergegeben. Auf dem Domplatz selbst und um ihn herum leuchten in der Abenddämmerung goldgelbe Lichtinstallationen; der Springbrunnen ist nicht beleuchtet und führt auch kein Wasser. Nachdem wir also vergeblich an allen Türen der Kirche gerüttelt haben, setzen wir uns auf eine Bank und lassen die Szenerie auf uns wirken.
„Hier gefällt es mir.“ Sagt Jimmy*. „Es ist ein schöner Platz. Ich mag solche Orte.“

Auch andere Besucher sind hier. Die Menschen sitzen da, entspannen oder flanieren Hand in Hand über den Platz. Einige von ihnen fotografieren den Dom, der von den Dimensionen her auf mich riesig wirkt, besonders die Messingtür hat es mir angetan.
Das eigentlich Berühmte an der Kathedrale ist ihr Glockenturm – genauer gesagt die Uhr. Denn der Turm trägt die größte mechanische Uhr der Welt spazieren. Die astronomische Uhr wurde 1933 in Straßburg gefertigt und zeigt die Stellung der Planeten im Tierkreis an.

Als wir später, wieder im Auto, durch die Stadt fahren, entdecken wir eine langgezogene, mit Palmen gesäumte Promenade, auf der das Leben pulsiert. Nachtschwärmer bevölkern die Straßen, sitzen in Cafes und Bars und lassen das Leben ausklingen.
„Siehst du? Diese Promenade habe ich vorhin gesucht.“ Sagt Jimmy* bedauernd. Dies hier sieht nach dem zentralen Punkt der Stadt aus, nach Nachtleben, Feiern und Lebenslust. Die Menschen hier machen den Abend zu Tag.

Nur wir nicht. Wir fahren weiter, zurück nach Raffadali. Für Spontanität ist kein Platz mehr denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Der Dom von Messina

Das war: Sizilien, August 2010
Hier sind alle Folgen unserer Reise:

Teil 1 – Ankunft in Catania
Teil 2 – Unterkunft auf Sizilien – Das „Three Palms“ in Raffadali
Teil 3 – Siziliens Landschaften – Tore ins Nichts
Teil 4 – Essen auf Sizilien – Das Localino
Teil 5 – Siziliens Südküste – Scala dei Turchi
Teil 6 – Siziliens Südküste – Siculiana Marina
Teil 7 – Sizilien – Die Tempel von Agrigento
Teil 8 – Sizilien – Agrigento, die Stadt
Teil 9 – Cefalu – Geldwäsche auf sizilianisch
Teil 10 – Cefalu – Perfekte Wellen
Teil 11 – Sizilien – Die Burg von Erice
Teil 12 – Sizilien – San Vito lo Capo
Teil 13 – Etna – Tanz auf dem Vulkan
Teil 14 – Sizilien – Heiße Quellen im Wald
Teil 15 – Taormina auf Sizilien
Teil 16 – Ein Abend in Messina
Teil 17 – Siziliens Süden – Castello Chiaramonte
Teil 18 – Wie Sizilianer feiern – Stefanias Hochzeit
Teil 19 – Der sizilianische Katzenjammer
Teil 20 – Sizilien und die Menschen dort…

 

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