Taormina auf Sizilien

Taormina auf Sizilien

Lächelnd stehe ich im Torbogen und habe dabei unbewusst eine erwartungsvolle Haltung angenommen. Und wieder und wieder schießt Jimmy* ein Foto von mir, und noch eines, und noch… doch bei jedem prüfenden Blick bin ich nicht zufrieden, denn keines dieser Bilder will mir so recht gefallen. Ich möchte, dass der Torbogen vollständig mit im Bild ist, warum klappt das denn nicht?

Taormina ist eines der touristisch frequentierten Zentren von Sizilien und auch über die Ufer der Insel hinaus bekannt. Um die Stadt zu erreichen begeben wir uns über langgezogene Brücken und sonnenfarbene Felder hin zum östlichen Teil der Insel.

Schon das erste, was wir von dem Ort sehen, gefällt mir: Ein sonniger, großer Platz, mit blühenden Hibiskusbäumen gesäumt. Schmucke Häuser aus Stein. Eine kleine Kapelle, die für Besucher geöffnet ist und in deren schattiges Innere wir uns sogleich begeben. Und – als das I-Tüpfelchen sozusagen – der Blick auf das weite, blaue Meer, da die Stadt auf 206 Metern Höhe gelegen ist.

Wir lassen das Auto am Fuße der Stadt auf einem großen Parkplatz stehen und fahren weiter mit dem Bus in den Ort hinauf. Zuvor machen wir freilich den Fehler, Taormina mit dem Auto erkunden zu wollen und finden uns schließlich inmitten einer dicht bevölkerten Fußgängerzone zwischen Menschen, Souvenirshops und am Wegesrand ausgestellten Porzellan- und Terrakottawaren wieder. Und wie wir so im Schritttempo dahin schleichen, fällt uns auf, dass wir das einzige Auto hier weit und breit sind…

Man kann über die temperamentvollen Italiener sagen, was man will, aber eines muss man ihnen lassen: Sie nehmen unsere Verfehlung mit einer stoischen Ruhe hin, treten wie beiläufig zur Seite und gehen weiter ihrer Tagesbeschäftigung nach, während wir uns mit dem Wagen aus der engen Gassen wieder rückwärts hinaus quälen.

So nehmen wir also den Bus, was uns einen steilen Aufstieg in der heißen Sonnenhitze erspart. Und nun gehen wir über den kleinen Platz, an den Hibiskusbäumen vorbei, und drücken uns verstohlen in die kleine, kühle Kapelle.

Kirchen, große wie kleine, sind etwas, das ich mir generell sehr gerne anschaue, ob auf Sizilien oder anderswo. Ihr kühles Inneres, welches mit seinem gedämmten Licht und dem ganz besonderen Geruch eine angenehme Distanz zur Außenwelt schafft, sind ganz besondere Orte. Für manche Menschen sind es Orte, um Gott zu finden, doch für mich sind es Orte der Besinnung und des In-sich-kehrens. Der Weihrauch, der Duft, die Stille und das indirekte Licht, das alles ist für uns Menschen geschaffen. Jedesmal, wenn ich eine Kirche verlasse, fühle ich mich ruhig, ausgeglichen, klar. Nichts vermag mich so schnell wieder auf den Boden zu bringen, zu erden und zu beruhigen wie ein solcher Ort. Ähnlich fühle ich mich auch in Wald oder an manchen Stellen am Wasser – vermutlich hätten auch Tempel eine ebensolche Wirkung auf mich gehabt.

Wir schlendern durch die Stadt und zum ersten Mal überhaupt sehe ich auf der Insel eine hohe Touristendichte. Die Fußgängerzonen, die wir noch vor kurzem mit dem Auto zu durchqueren suchten, laden zum Bummeln ein; fasziniert schleiche ich um die reich verzierten Porzellanerzeugnisse herum. Sobald wir uns von den belebten Straßen entfernen, verlieren wir uns in den engen, verwinkelten Gassen der Stadt, bleiben stehen an kleinen, grünen Bäumen, die uns für einen kurzen Moment ihren Schatten spenden. Laufen eine Treppe nach oben, an übergroßen Tontöpfen vorbei, in denen rote Geranien blühend ihren Duft verströmen, stellen fest, dass es hier nicht weiter geht und gehen wieder zurück, wieder die enge, ruhige Gasse entlang. Verlieren uns ein Stück weiter bereits wieder, da wir ein kleines Schloss entdecken. Sind dort mehr oder weniger alleine.

Denn obgleich Taormina ein wunderbar gelegenes Touristenziel ist, ist die Stadt keineswegs überlaufen. Man beachte, dass wir in August dort sind, zu einem Zeitpunkt, zum welchen man sich in Venedig beispielsweise bereits auf die Füße tritt.

Wir kommen, wieder auf der Hauptstraße und dem Touristenstrom folgend, zum Eingang des römischen Amphitheaters von Taormina. Die Schlange vor dem Eingang ist lang, und so überlegen wir ernsthaft, ob wir denn tatsächlich das Warten auf uns nehmen wollen.

Was wir tatsächlich wollen, ist ein Eis.

So lassen wir das Theater Theater sein und setzen uns auf die sonnige Mauer, die begehrten Eisbecher in der Hand. Inzwischen ist es Nachmittag.

 

Gleichwohl ich die italienische Kunst der Eisherstellung sehr schätze, stelle ich fest, dass es hier an den touristisch frequentierten Zentren mit am teuersten ist – und nicht ganz so gut schmeckt wie bei unserem abgegriffenen Eisverkäufer am Strand von Siculiana Marina. Wie dem auch sei, Eis ist Eis.

Wir schlendern zur Rückseite der Stadt, wo eine lange Promenade hoch oben entlang führt und der Blick, nur kurz aufgehalten von einem zierlichen eisernen Geländer, frei schwebt bis über die blauen Tiefen des Meeres und in den Himmel hinauf. Kleine Schiffe sehen unten wie weiße Steinchen aus und gen Horizont glitzert die Wasseroberfläche in einem seidigen Glanz. Es geht ein leichter Wind, der die großen, weißen Blüten der Bäume zum wackeln bringt. Die Promenade ist mit diesen blühenden Bäumen gesäumt und hier und da wachsen die flachen, tellerförmigen Kakteen, die so typisch für die sizilianische Landschaft sind.

Wir suchen uns zunächst ein Cafe und finden eines, welches mit der sagenhaften Ansicht über dem Meer zu schweben scheint und somit die Gäste anlockt. Die Preise sind ebenfalls sagenhaft; so an die vier Euro für eine Cola und ab sieben Euro aufwärts für ein Sandwich. Nun, ein Spaziergang über die Promenadenmeile ist auch etwas Feines.

Doch wir bleiben nicht lange. Eine Weile flanieren wir entlang der tollen Aussicht, stehen am Geländer, lassen den Wind über unsere Gesichter streifen, posieren hier und da für ein Foto, doch Jonny* hat noch etwas anderes vor.

Also ziehen wir weiter, hin zu einer anderen, bekannten Stadt:
Wir fahren nach Messina.

So gerne wäre ich noch geblieben.

* Namen geändert

Das war: Sizilien, August 2010

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