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Tanz auf dem Vulkan

Sizilien, August 2010
Teil 13.

Die Fahrt mit der Seilbahn nach oben ist schon eine wackelige Angelegenheit; Jimmy* mit seiner Höhenangst schwitzt Blut und Wasser und versucht, sich nach Möglichkeit in der Mitte der schwankenden Kabine zu halten. Mit einer Hand umklammert er die Stange in der Mitte und wenn es Götter gibt, an die er glaubt, so betet er sie sicher just in diesem Moment an.

Wir sind auf dem Weg zum Gipfel des Ätna. 

Die Landschaft, die unten an uns vorbeizieht, wirkt beinahe unwirklich. Dunkle Rauchschwaden scheinen in der Luft still zu stehen; wie Wolken hängen sie über unseren Köpfen und um uns herum. Weit unten in der Ferne sehen wir die hellen Häuser einer Stadt, auf deren Dächern sich funkelnd und klein der Sonnenschein bricht. Das Tal liegt im Licht, doch hier oben gibt es keine Sonne, hier oben ist es kalt und ein wenig düster. Wir fahren höher und höher; in einiger Entfernung sehen wir die Überreste einer vom Lavastrom zerstörten, teilweise verschütteten alten Seilbahn, und Jimmy* wird noch ein wenig blasser um die Nase. Mit Naturgewalten ist hier nicht zu spaßen…

Die Pflanzenwelt unter unseren Füßen, die wir durch den Glasboden der Kabine betrachten können, wirkt surreal. Für mich überraschend, dass es hier oben überhaupt Pflanzen gibt, doch es macht Sinn; ist doch der Boden dunkel und fruchtbar. Inmitten des erkalteten Lavastroms, von dem wir noch die Fließrichtung (nach unten…) und die erstarrten Wellen erkennen können, wachsen sie kreisförmig heraus; wie grüne Algen auf dem Meer, wie Bakterien in einer Petrischale, frisch und jungfräulich erobern sie ihr Terrain zurück.

Schon die Fahrt nach oben mit dem Auto ist spektakulär. Überall erkaltete Wände aus Lava, die in den abenteuerlichsten Formen daherkommen. Die steile Straße schlängelt sich aufwärts und offenbart uns hoch aufragende Wände auf der einen; und auf der anderen Seite eine sagenhafte Aussicht auf das Tal, das wir gerade verlassen. Mauern, Häuser, ja, ganze Höfe sind aus schwarzem Lavagestein gebaut – das Material ist überall in Übermass vorhanden. Wie gerne würde ich anhalten und sie fotografieren! Wir passieren eine kleine Stadt, danach noch ein paar Häuser, doch auch die lassen wir irgendwann hinter uns zurück. Hier oben gibt es nur noch diese seltsam geformten Felsen, die Straße und uns – und ab und zu ein Auto, welches uns mit hohem Tempo entgegen kommt.

Auf einem großen Parkplatz stellen wir das Auto ab (Die paar Touristenbilder mit erhobenen Daumen und dem Ätna im Hintergrund möchte ich Euch an dieser Stelle ersparen…) und schlendern zuerst durch die Souvenirshops, decken uns mit Postkarten ein, die fließende, glühend rote Lavaströme zeigen, ein, kaufen ein paar Lavastein-Figürchen und ein paar Ätna-Wodkagläser. Anschließen begeben wir uns zu der Seilbahn, in der wir aktuell sitzen; ich, begeistert nach links und rechts schauend und Jimmy*, der sich seine Angst nicht anmerken lassen will.

Der Aufstieg mit der Seilbahn erfolgt bis auf 2500 Meter Höhe bis hin zur Bergstation La Montagnola und kostet 30 Euro pro Nase. Doch dies ist ein bezahlbarer Preis, um einmal auf einem der aktivsten Vulkane der Welt herumkraxeln zu dürfen. Wer will, lässt sich für 62 Euro mit Seilbahn und einem Geländewagen bis ganz oben zum Vulkankrater bringen, Führung inklusive.

Oben angekommen wirft uns die Seilbahn in einer Berg-Zwischenstation raus – wir stöbern noch ein wenig in den Souvenirs, überlegen, ob wir noch einen Kaffee trinken sollen, dann laufen wir nach draußen.

Mein erster Gedanke draußen vor der Tür: Brr… kalt. Menschen in warmen Fleedjacken und langen Hosen kommen uns entgegen; völlig deplatziert stehen wir da mit unseren T-Shirts und unseren kurzen Shorts. Wie naiv, zu glauben, hoch oben auf dem Berg wäre es genauso schweißtreibend heiß wie unten zu seinen Füßen…! Jetzt fällt mir auch wie Schuppen von den Augen, warum die Touristenshops weiter unten allesamt dicke Wollpullover und Jacken verkaufen…
Wir frieren, doch es hilft alles nichts – wir beschließen, mit dem Aufstieg zu beginnen.

Unten noch überschlagen wir kurz die Möglichkeit der Fahrt mit dem Geländewagen, doch wir wollen unser Budget nicht überstrapazieren – und gegen das Laufen habe ich noch nie etwas gehabt – so gehen wir munter los durch die unwirkliche Welt des grummelnden Riesen.

Je höher wir kommen, umso seltsamer wird die Landschaft. Alles ist anthrazidgrau bis schwarz um uns herum und es wirkt so, als wären wir in einer riesigen Aschewolke gelandet. Wie ein riesiges Kohleabbaugebiet über Tage sieht es hier aus und die feinen Rauchwolken erheben sich bedrohlich über der Szenerie. Pflanzen gibt es nur noch sehr wenige, doch es gibt sie dennoch: überrascht taste ich an einer leuchtend gelben Blume herum, die hier in dieser kargen Landschaft wie ein kleines, farbiges Leuchtfeuer strahlt.

Der „Gipfel“ des Vulkans scheint aus mehreren Gipfeln zu bestehen, so dass wir, nach einigen Hier, da ist er! Nein, da, da gehts lang! ein wenig die Orientierung verlieren. Doch je weiter wir aufsteigen, umso mehr Vorstellung bekommen wir davon, wie sehr wir uns irrten, denn wir sind hier noch nicht mal in Gipfel-Nähe und keiner dieser Hügel, auf welche wir zur Anfang so enthusiastisch gezeigt haben, ist es wirklich gewesen. Ja, langsam machen wir uns ein Begriff davon, welche Entfernungen hier auf uns warten.

Die Gesteine der erkalteten Lava haben fantastische Formen: riesig, voller Risse und schafte Kanten lassen sie uns ahnen, wie klein wir eigentlich sind hier in dieser Welt.

Verlaufen können wir uns nicht, denn wir folgen immerzu dem Pfad der rauf und runter fahrenden Jeeps und ihren Reifenspuren, lassen die täuschenden, dampfenden Hügel zurück und steigen weiter auf. Immer mal wieder fährt so ein Wagen voller Touristen an uns vorbei und ich beginne, mir auszumalen, welch eine tolle Idee das wohl gewesen sein könnte… Doch das macht gar nichts, wir werden genauso dort oben am Gipfel stehen und in die dampfende Tiefe schauen wie all die anderen auch, denke ich mir und male mir schon einen riesigen Krater aus.

Einen solchen Krater entdecken wir auch unterwegs; wie eingerissen wirkt hier der Boden, so als hätte ein großer Meteorit an dieser Stelle eingeschlagen. Es ist pulvrig und rutschig und es geht sehr steil runter.
Geh nich zu nahe ran! Rufe ich Jimmy* zu, der sich neugierig über den Abgrund beugt, und stelle mir vor, was ich tun würde, wenn er denn jetzt da hinein fiele. Denn, ist man einmal da unten, hat man verloren. Man würde sich wahrscheinlich kaum verletzen, nein, das nicht, denn der Boden und die Wände des Kraters bestehen aus weichem, sandigem Schutt – doch der Effekt wäre gewesen wie bei der Spinne in der Badewanne – man käme niemals wieder alleine da raus.

Wir wollen weiter, doch Jimmy* hat Probleme; die dünne Luft hier oben macht ihm zu schaffen. Seine Allergie und die geschwollenen Schleimhäute erschweren zusätzlich das Schnappen nach Luft – und so stehen wir irgendwann da und nichts geht mehr.
„Ich kann nicht weiter.“ Sagt er. Wir drehen um und gehen zurück; und das ist für mich okay. Ich weiß zwar, dass wir vermutlich nicht mehr hierher zurück kämen, doch ich bin einmal oben auf dem Ätna gewesen; nicht jeder kann das von sich behaupten. Ich bin zufrieden.

Jimmy* hat ein schlechtes Gewissen. „Du wolltest so gerne auf den Gipfel.“ – sagt er und ich versuche, ihm diese Idee auszureden. Wir sind oben auf dem Gipfel, auf die paar Meter rauf oder runter kommt es hier nun wirklich nicht mehr an…

*  Namen geändert

Hier sind alle Folgen der Sizilien-Reise:

Teil 1 – Ankunft in Catania
Teil 2 – Franco
Teil 3 – Tore ins Nichts…
Teil 4 – Localino
Teil 5 – Scala dei Turchi
Teil 6 – Siculiana Marina
Teil 7 – Die Tempel von Agrigento
Teil 8 – Agrigento, die Stadt
Teil 9 – Cefalu – Geldwäsche auf sizilianisch
Teil 10 – Cefalu – Perfekte Wellen
Teil 11 – Erice
Teil 12 – San Vito lo Capo
Teil 13 – Tanz auf dem Vulkan
Teil 14 – Heiße Quellen im Wald
Teil 15 – Taormina
Teil 16 – Messina
Teil 17 – Castello Chiaramonte
Teil 18 – Stefanias Hochzeit
Teil 19 – Der sizilianische Katzenjammer
Teil 20 – Sizilien und die Menschen dort…

 

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