Sizilien – Agrigento, die Stadt

Sizilien – Agrigento, die Stadt

Heute ist einer unserer ruhigeren Tage, geplant ist nicht viel außer – faul am sonnigen Strand von Siculiana Marina zu liegen. Doch am Vormittag treibt uns die Neugier doch noch auf den Weg – einfach so, ohne Plan und ohne Ziel… das Ziel ergibt sich unterwegs. Spontan entscheiden wir uns, uns die zum Tal der Tempel dazugehörige Stadt anzusehen – wir fahren nach Agrigento.

Auf dem Weg in die Stadt fahren wir die Straße entlang und am Tal der Tempel vorbei. Ein bunt geschmückter Pferdekarren kreuzt unseren Weg und trabt ein paar Meter langsam vor uns her, bis er schließlich in Richtung des Tals der Tempel verschwindet. Ich erkenne das schmucke Pferd und unseren alten, braungesichtigen Sizilianer wieder.

Wir fahren in die Stadt hinein, an Kirchen aus gelbem Stein und belebten Plätzen vorbei. Fahrende, hupende Autos, flanierende Menschen, allesamt Einheimische. Touristen sehen wir hier im Ort nirgends. Eine schmucke Kirche und eine Tankstelle genau nebendran. Hier ist der Glaube wahrlich in den Alltag mit eingebunden. An Häuserwänden und Straßenecken begegnen uns kleine Gedenkstätten für die heilige Maria, Mutter Gottes; Kerzen stehen davor und die kleinen Häuschen sind geschmückt mit Girlanden aus Blumen. Sie erinnern mich an Zuhause, denn in Polen gibt es solche kleinen Andachtsstätten auch im ganzen Land.

Wir arbeiten uns durch die engen Seitengassen, an bröckelnden Hauswänden vorbei, an Menschen, die uns vors Auto springen, um dann wieder zur Seite zu eilen. Über uns sehe ich Balkone, die sehr marode wirken, bei manchen frage ich mich, ob ein Statiker hinzugezogen wurde. Ein paar wenige dieser Balkone bestehen nur noch aus einem Geländer; der Boden fehlt ganz.

Dann kommen wir zum Rande der Stadt. Wir stellen das Auto ab und wagen uns zu Fuß hinein.

Dies scheint der ärmste Bezirk der Stadt zu sein; hatte ich die Hauswände bisher als marode bezeichnet, ist es hier ein Wunder, dass die Häuser überhaupt noch stehen. Baustellen sehen unfertig aus; manche von ihnen wirken so, als hätte jemand schon vor langer Zeit die Arbeit an ihnen aufgegeben. Anderswo fehlt mal eine Hauswand ganz. Mal sind es mehr oder weniger bröckelnde Ruinen. „Das müssen die Slums sein, an denen wir so oft vorbeigefahren sind.“ Sagt Jimmy*.

Als „Slums“ meint er die Häuserreihe, die wir tagtäglich von der Schnellstraße sehen, wenn wir auf dem Weg nach Raffadali sind – oder auch von Raffadali aus woanders hin. Die Häuser sehen unbewohnbar aus, Wäsche flattert auf den Wäscheleinen, doch die Gardinen zeigen uns an, dass da wohl noch jemand ist.

Genauso wie hier.

In diesem Bezirk, in den wir uns verirrt haben, sind wir die einzigen Touristen. Mehr noch – wir sind die einzigen Weißen. Denn der Ärmste Teil der Stadt scheint nur von Schwarzen bewohnt zu sein; Italiener sehen wir nirgends. Und von den wenigen Menschen auf der Straße werden wir angestarrt – genauso wie wir sie anstarren, oder besser gesagt, versuchen, sie nicht anzustarren und uns ganz natürlich zu geben. Wir fühlen uns beobachtet, doch noch scheint sich unsere Anwesenheit hier nicht flächendeckend herumgesprochen zu haben.

Paranoia?

Jimmys* Gesicht verfinstert sich zunehmend. Ich versuche, nicht zu fotografieren. Irgendwann kommen wir zu einem kleine Platz, von dem aus man bis hinunter zum Tal der Tempel und noch weiter bis hin zum Meer blicken kann. Ganz Sizilien scheint aus solch atemberaubenden Aussichts-Spots zu bestehen.
Hier entspanne ich mich. Ich lehne am Geländer und lasse meinen Blick schweifen. Große, dicke Palmen spenden uns Schatten und der erfrischende Wind verbreitet Blumenduft. Links und rechts von uns stehen ganze Bäume voller Hibiskusblüten. Über diesem Ort hier hängt eine angenehme Stille, die Art Mittagsstille, wenn alles Leben, um sich der Hitze zu entziehen, an einen kühlen Zufluchtsort flüchtet; die Menschen in ihre Häuser, die Tiere in ihre Verstecke. Noch nicht einmal das Zwitschern der Vögel ist zu hören.

Doch so angenehm der Ort hier auch ist, den angespannten Ausdruck in Jimmys* Gesicht vermag er nicht zu vertreiben. Finster schaut er umher, blickt misstrauisch zurück, dorthin, wo wir die zerfallenden Häuser hinter uns gelassen haben. Er fühlt sich hier nicht sicher, macht sich Sorgen um uns – das kann ich sehen, ohne ihn großartig danach fragen zu müssen.

Wir bleiben nicht lange. Nach einigen kurzen Minuten der Entspannung laufen wir zurück zum Auto und fahren los.

*  Namen geändert

Das war: Sizilien, August 2010

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