Siziliens Südküste – Scala dei Turchi

Siziliens Südküste – Scala dei Turchi

Sizilien war für uns bis zu diesem Zeitpunkt nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Wir hatten, bis auf ein paar Bilder aus den Katalogen, die uns in den Köpfen geisterten, und die uns gar nichts sagten, bis auf ein paar Film-Mafiosi, die in halbdunklen Räumen ihre weißen, plüschigen Kater streicheln, bis dato keine richtige Vorstellung von diesem Teil Italiens. Und auch keine weiteren Erwartungen an die Insel, bis vielleicht auf: ein bisschen Strand hier, ein bisschen Erholung da, und wenn möglich, weder überfallen noch ausgeraubt zu werden – was Standard-Touristen halt so wollen (oder eben nicht wollen…). Wie unrecht wir damit den Menschen auf Sizilien taten, sollte uns im Laufe unseres Aufenthaltes erst nach und nach klar werden…

Und wen fragt man am besten, was es vor Ort so schönes zu sehen; zu erleben gibt? Eh… nee, Leute… vergesst Eure Apps und Reiseführer… man fragt Einheimische (natürlich, was sonst… 🙂 ). Nur in diesem Falle hätten wir gar nicht zu fragen brauchen, denn Franco war ganz wild darauf, uns seine Heimat zu zeigen – und so bekamen wir an jeden neuen Tag gleich morgens nach dem Kaffee und Frühstücksbrötchen alle möglichen Tipps und Anregungen serviert, wie man sich denn die Zeit hier auf der Insel so vertreiben könnte. Denn Franco lag eines am Herzen: Er wollte, dass wir „seine“ Insel kennenlernen – und das von ihrer schönsten Seite.

Einer dieser Tipps war die berühmte „Treppe der Türken“, eine schneeweiße Felsformation, die unmittelbar ins Meer übergeht.
„Die müsst ihr euch ansehen.“ Schwärmte Franco. Nun, die Scala dei Turchi bei Realmonte ist so bekannt, dass sie sicherlich in jedem Sizilien-Reiseführer steht. Nichtsdestotrotz bekamen wir noch andere, echte Geheimtipps von Franco – dazu in weiteren Folgen mehr.

Wir lauschen Francos Wegbeschreibung und machen uns auf den Weg entlang der Küstenstraße. Raus aus Raffadali, an einer halb zerfallenen Casa Cantoniera zu unserer Linken vorbei, eine neu aussehende Brücke, die ungeachtet dessen nirgendwohin zu führen scheint; durch hügelige, trockene Landschaften und, mal zu unserer Linken, mal zu unserer Rechten die fernen, obligatorischen Feldbrände. Wir fragen uns nicht zum ersten Mal, ob sie gezielt von Menschen gelegt werden, um den ausgedörrten Acker fruchtbarer zu machen, oder ob sie durch Unachtsamkeit entstehen (Nun, anscheinend weder noch, denn zu diesem Thema habe ich bei meinen Recherchen Skurriles gefunden…)

Wir folgen der Straße in die beschriebene Richtung und finden uns an einem Strand wieder. Objektiv gesehen nicht außergewöhnlich schön, doch wir fühlen uns pudelwohl; der Strand verfügt über eine ruhige Promenade und keine Spur von Touristen – es kommen nur Einheimische hierher (überhaupt erleben wir Sizilien als ein wunderschönes, jedoch nicht besonders stark frequentiertes Pflaster).

Nur ein Problem gibt es mit dem Strand doch; es scheint sich nicht um die berühmte Scala dei Turchi zu handeln. von einer weißen Felsentreppe weit und breit keine Spur, nur ein paar weiße Felsen ragen an den Seiten aus dem Sand hervor. Es scheint nicht der richtige Ort zu sein… oder doch?
Meeresrauschen; im Hintergrund pastellfarbene Häuser mit zierlichen, weißen Balkonen. Wir kaufen uns Eis und lassen den Tag ausklingen. Und im Hinterkopf verbuchen wir den Tipp als „nett, aber nicht den Aufwand wert“.

Die „richtige“ Scala dei Turchi finden wir durch Zufall ein paar Tage später – wir hätten an jenem Tag nur einen halben Kilometer weiter die Straße entlang fahren müssen. Als wir anhalten und den Wagen abstellen (Lenkrad sichern wir mit einer Lenkradkralle, wir sind hier schließlich in Mafiosi-Land, oder nicht? 😉 ), sehen wir von der steilen Küste aus die schneeweiße Felslandschaft direkt zu unseren Füßen, inmitten vom unruhigen, türkisblauen Meer. Wir schauen herunter auf die Menschen, die sich genüsslich auf dem Felsvorsprung räkeln wie die Nordseerobben in der Sonne. Ach, wie gerne möchte ich jetzt auch eine Nordseerobbe sein!

Das weiße, kühle Gestein unter meinen Füßen ist Mergel, wie mich Wiki belehrt. Es erinnert mich an Gips und kleine Windböen wirbeln das weiße Pulver umher. Meine Fußsohlen sehen aus, als sei ich durch Kalk gewandert. Der Wind fühlt sich kühl an. Überhaupt ist es ein kühler Tag heute.

Das Wasser ist karibisch. Zumindest der Farbe nach. Ein Türkis – unglaublich! Doch die Wassertemperatur lädt heute nicht so sehr zum Verweilen ein (überhaupt sagte mir neulich Laura, Francos Tochter, dass es in diesem Jahr auf Sizilien keinen richtigen Sommer gäbe… what?) Wir schnappen uns trotzdem die Badesachen und gesellen uns zu den unten liegenden Italienern.

Doch gute Laune will irgendwie nicht aufkommen.

Oben auf dem Felsen ist es extrem windig. Stranddecke hüten ist angesagt, die sich unter unseren Hintern ständig aufbläht und wegfliegen will, sobald wir nicht aufpassen. Und Jimmy* beschwert sich immer mal wieder über Sand, den kräftige Windböen hier und da über die Decke verteilen. So wunderschön anzusehen die Location auch ist, so unpraktisch ist es in der Realität, dort Sonnenbaden zu wollen (und da hätten wir wieder die Sache mit der Reise-Romantik.).
Zum einen der Wind, der einen vom Felsen hinunter zu fegen droht. Zum anderen ist eine Abkühlung zwischendurch im Meer nach dem Sonnenbad nicht wirklich möglich; man liegt entweder zu weit oben auf dem Felsen, oder, wenn das nicht der Fall sein soll, ist die Brandung um die Felsen herum viel zu stark, um sich hinein zu begeben – der Wind peitscht das Wasser gegen den Felsvorsprung und lässt es in schäumenden Wirbeln umhertanzen wie in einem Hexenkessel.

So verbleiben wir also nicht lange in dieser optischen Traumkulisse – wir spazieren langsam und gemütlich in der sinkenden Abendsonne zu „unserem“ Strand, den wir ein paar Tage zuvor entdeckt hatten; den Strand bei Siculiana Marina.

Das war: Sizilien, August 2010

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