Magic Bike 2017

Rüdesheim, Juni 2017

Interessiert schaue ich umher, während ich Reihe um Reihe nach vorne laufe. Hier gibt es wahrlich was zu gucken, und das jedes Jahr aufs Neue. Harley um Harley stehen glänzend in der So-… ähm… im trüben Tageslicht des bewölkten Himmels, während man sich in dem vielen poliertem Chrom beinahe spiegeln kann. Sehr praktisch, um den Lippenstift nachzuziehen; ein Jammer nur, dass ich keinen trage.

Die Lackierungen der Tanks variieren, es gibt sie in allen möglichen Farben und Mustern, je ausgefallener, desto besser. Und auch die Biker sind ein Blickfang für sich: So fährt laut tuckernd eine Gruppe ein, die ausschaut, als wäre sie aus einem Knast… nein, nicht die orangenen Overalls haben sie an, sondern diese schwarzweiß gestreiften Pyjamas der Daltons aus „Lucky Luke“ 🙂 Und auch eine kesse, blonde Holländerin im rosa Kleidchen fährt auf ihrer Harley knatternd an mir vorbei.

Einmal im Jahr, zur Sommerzeit hin, verwandelt sich die kleine, beschauliche Stadt am Rhein in ein lautes, buntes, knatterndes, grölend-brummendes Motorrad-Inferno – die Harley Zeit in Rüdesheim ist angebrochen.

Das Magic Bike ist eines der größten Harley Treffen: Biker aus Frankreich, Holland, der Schweiz und sogar aus Großbritannien sind zu diesem Anlass angereist. Die Auswahl an Harley-Maschinen ist schier unendlich; „Reiskocher“, wie mein Bekannter, nennen wir ihn einfach mal… Wolle* 😉 Also, „Reiskocher“ sieht man heute nur wenige, wie Wolle* die vorwiegend japanischen Sportmodelle, zu denen unter anderem meine Hornet und Stefans CB 650F gehören, scherzhaft bezeichnet. Seit ich Wolle* kenne, battlen wir uns andauernd, was durch unsere Vorlieben für völlig unterschiedliche Motorradtypen bedingt ist.

„Was für schöne Bikes, da links und rechts von Euch.“ Schreibt er mir über Whats up, als ich ihm ein Foto von Stefan und mir inmitten lauter Harleys schicke.
„Du meinst doch sicherlich die beiden Bikes, auf denen wir sitzen…“ Schreibe ich zurück – und weiß bereits jetzt, dass noch der eine oder andere flotte Spruch den Empfänger wechseln wird.

Wolle*, leidenschaftlicher Harley-Fahrer und Mitglied in einem Chapter, wollte heute eigentlich mit dabei sein; ja, er ist der Grund, warum Stefan und ich überhaupt erst von der Parade erfahren. Doch nun scheint er an den Schreibtisch gekettet, denn…

„Meine Frau hat mich, kurz bevor sie übers Wochenende nach Prag verreist ist, noch darüber informiert, dass die Jahressteuer unbedingt gemacht werden muss…“ Er schreibt, dass er es voraussichtlich nicht schaffen würde; doch wir sollen uns bei der Aufstellung für die Parade unbedingt die vorderen Plätze sichern.

Und das tun wir auch: Relativ früh, da noch vor zwölf, sind wir am Startpunkt in Assmannshausen. Doch bereits da wissen wir längst, dass wir bei Weitem nicht zu den ersten gehören würden, sahen wir doch heute Morgen um halb elf schon die ersten Motorradfahrer dort Stellung beziehen.

Wir haben unsere treuen Pferdchen so ziemlich in der vorderen Mitte der Kolonne untergebracht. Nun heißt es: Warten… doch langweilig wird es hier nicht. Es ist vielmehr ein entspanntes Sitzen, Schauen, ein Herumschlendern. Und demselben gebe ich mich jetzt hin; ich spaziere langsam bis ganz nach vorne, denn ich will wissen, wie weit wir von der Spitze der Aufstellung entfernt sind.

Es ist ein Kommen und Gehen (eher ein Kommen als Gehen…), ein gegenseitiges Schauen. Und zu gucken gibt es jede Menge; die außergewöhnlichsten Modelle werden mottenartig umschwärmt und fotografiert. Die kleine Holländerin mit den blonden Zöpfen gibt indessen ein Exklusiv-Interview; sie ist definitiv der Hingucker auf dieser Party, weshalb, das sieht ihr gleich auf dem Foto…  Doch der wahre Star der Veranstaltung ist ein kleiner, zotteliger Hund mit Mini-Helm und Fliegerbrille, der mit fliegenden Ohren in einem Rucksack auf dem Rücken seines Herrchens sitzt, geduldig für Fotos posiert und sich von Frauen umschwärmen lässt. Das Herrchen scheint mit dem Rummel um seinen Schützling gut umgehen zu können, und immer wieder ertönen die hohen Oktaven der „ach wie süß“ Rufe der Damen.

Die Holländerin zieht blank. Sie hat ihre Schokoladenseite entdeckt und postiert sich nun mit hoch erhobenem Röckchen inmitten der „Knasti“-Gruppe, lächelnd für anzügliche Fotos posierend.
„Nur die Beine hätte sie sich rasieren sollen…“ Sagt Stefan später lachend zu mir.“

Einige alte Autos haben es mir angetan: Es sind aufgemotzte, ältere Modelle der US-Police, auch ein NYPD-Wagen ist dabei, inklusive kostümierte Fahrer in Uniform und Piloten-Sonnenbrille. Immer wieder lassen die Besitzer die Sirenen aufheulen, doch im allgemeinen Gebrumme der Harleys fällt auch das nicht mehr wirklich ins Gewicht.

Immer wieder kommen noch Teilnehmer nach und bewegen sich schnurrend bis ganz nach vorne, obgleich hier die Mopeds bereits in dritter und vierter Reihe parken. Die geschätzten Teilnehmerzahlen bei dieser Parade gehen in die Tausende.

Die kesse, kleine Holländerin
Nach ihrem Exklusiv-Interview…
…zieht sie blank

Es ist noch Zeit, doch ich schlendere langsam wieder zurück. Wieder bei Stefan angekommen setze ich mich neben ihn auf einer niedrigen Mauer, die die Seitenstraße von der Hauptstraße trennt. Die Seitenstraße ist komplett gesperrt und fungiert nun als Parkplatz und zugleich Startzone der Harley-Parade durch den Rheingau.

Obgleich von einer Harley-Parade die Rede ist, sind alle Maschinentypen willkommen. Eine Anmeldung vorab ist nicht notwendig, auch muss man, um mitfahren zu können, keine Eintrittskarte fürs Magic Bike Gelände vorzeigen. Man kommt zum Aufstellungsort, stellt sich auf und fertig. Start der Parade ist in Assmannshausen, einem Ort weiter bei Rüdesheim. Um 14 Uhr geht es los, doch bereits mittags um zwölf ist Aufstellungsbeginn. Und wenn ich mir die Menge an Bikes so ansehe, die bereits hier sind, und derer, die immer noch nachkommen, dann wird klar, warum.

Entspannt sitzen wir da und betrachten, was da so knatternd und grölend an uns vorbeifährt; die Geräuschkulisse ist nicht zu unterschätzen. Und immer wieder sehen wir neue, interessante Bikes auf der, inzwischen für den regulären Pkw-Verkehr vollständig gesperrten, Hauptstraße.
Es ist heute bewölkt und grau, die Sonne, die noch gestern zu sagen schien: „Ich bin der Star, hier bin ich!“, scheint es sich heute anders überlegt zu haben. Doch trotz der Wolken liegt eine schwüle Hitze in der Luft, die sich wie ein schwerer, warmer Schal um den Körper schmiegt und ihn zum Schwitzen bringt. Es ist ein „ich-überlege-mir-noch-ob-ich-regnen-will-oder-nicht“-Wetter. Der Regen liegt irgendwie in der Luft, man kann ihn beinahe riechen – doch er kommt nicht.

Baby-Bikes… 🙂
Lady-Bikes…
…Sheriff-Bikes…
…keine Bikes…
…Trikes…
…schöne Bikes…

Haben wir mit sowas nicht früher gespielt? Und waren die nicht viel kleiner…? 🙂

Es ist kurz vor zwei. Plötzlich kommt Bewegung auf, die laszive, entspannte Atmosphäre weicht einer aufgeregten Geschäftigkeit. Die Biker sind urplötzlich bei ihren Maschinen, Helme werden angezogen, Handschuhe übergestreift, Hauben und Mundschutz zurechtgerückt. Und gleichzeitig zücken viele ihr Handy, denn die ersten Reihen der Parade sind bereits gestartet und fahren knatternd über die Hauptstraße an uns vorbei in Richtung Rüdesheim. Vorneweg sehe ich die Streifenwagen, die mich vorher so faszinierten (die älteren „US“, nicht die echten… 🙂 ), und auch die blonde, kesse Holländerin mit ihren Knastis bekommt ihre drei Minuten Ruhm.

Und dann starten wir.

Zunächst verlassen wir den Parkplatz und drehen um in Richtung Rüdesheim. Es geht langsam voran, bei so vielen Maschinen ist geschickte Kupplungsarbeit gefragt. Anfahren, bremsen, kuppeln, anfahren, Kupplung schleifen lassen… oh, und jetzt Gas geben, jetzt geht es schneller vorwää… ähm, nein, doch nicht; also wieder bremsen und kuppeln.
So oder so ähnlich, also ungefähr das gleiche, was Du tust, mein lieber Autofahrer, wenn Du mal wieder im Stau stehst.

Und warum tut man sich das an? Wirst Du mich sicher fragen wollen. Ja, und dies ist eine berechtigte Frage. Doch sei Dir versichert… diese Schalterei und die Kupplungsarbeit registriere ich in diesem Augenblick gar nicht.

Denn schau: Was diese Motorrad-Parade von einem Stau unterscheidet, ist die erhabene, ja, beinahe feierliche Stimmung. Noch ehe ich aufs Moped steige, überträgt sich auf mich die Geschäftigkeit und die Aufregung der anderen Menschen um mich herum. Alles setzt sich in Bewegung, wir setzen uns in Bewegung. Links und rechts: Ein Spalier, unendlich lange Reihen an aufgeregten Gesichtern, vorgestreckten Köpfen, Menschen, die uns zuwinken, Menschen, die uns fotografieren, Menschen, die uns filmen. Kinder, die uns winken, strahlende Eltern, die ihre Kleinen auf dem Arm halten, während wir hochkonzentriert um die Kurve biegen. Einer nach dem anderen fahren wir vorbei, während die Menge uns feiert. Die Leute winken uns; die Leute winken mir, während ich vorbeifahre, sie fotografieren mich, sie filmen mich… und ja, selbstverständlich noch die anderen tausend und nochwas Bikes (*hüstel…*), doch in diesem Moment bin ich ein Teil davon, und das macht mich stolz.

Und obgleich ich bisher immer zu wissen glaubte, auf diese berühmten fünf Minuten Ruhm, von welchen ich die Menschen immer sprechen hörte, gut und gerne verzichten zu können, so muss ich mir nun verwundert eingestehen, dass ich falsch lag. Das Strahlen weicht nicht mehr von meinem Gesicht; so fühlen sich Rockstars bei ihren Fans, Youtube-Stars, wenn die Zahl an Klicks durch die Decke schießt; so muss sich die Queen fühlen, wenn sie in ihrer Kutsche spazieren fährt. Es ist ein unglaubliches, großartiges, unbeschreibliches Gefühl; jeder, wirklich jeder einzelner Mensch verdient einmal in seinem Leben diese fünf Minuten Ruhm.

Die Hauptstraße ist für Autos vollständig gesperrt und die Parade ist gut gesichert; überall zeigt sich die Präsenz der Polizei. Rote Ampeln sind heute außer Kraft gesetzt, damit die lange Kolonne nicht auseinander reißt, und alle Kreuzungen werden von Polizeibeamten gesichert, damit wir ungehindert passieren können. Die wartenden Autofahrer haben das Nachsehen, die Innenstädte sind fest in Biker-Hand.

Außerhalb der Ortschaften geht die Fahrt ein wenig schneller, doch auch da stehen faszinierte Menschen am Straßenrand. Und auch im nächsten Ort stehen sie wieder Spalier, halten ihre Smartphones in den Händen und winken uns zu, damit wir in die Kamera zurück winken. Kinder strecken ihre Hände aus und die Biker schlagen das high-five ein. Das macht Laune, dieser direkte Kontakt mit der Menge macht glücklich. Ich registriere irgendwann einen ungewohnten Schmerz in meinem Gesicht; was ist denn das? Ist mein Helm zu klein geworden? Doch dann kapiere ich es: Es ist nur mein überlasteter Dauergrins-Gesichtsmuskel, die Lachmuskeln, die ich im Alltag viel zu selten gebrauche. Und nun droht sich mein fröhliches Gesicht in eine starre Maske zu verwandeln, doch ich kann einfach nicht aufhören, zu lächeln: Ich bin glücklich.

Ich schaue mich nach Stefan um und entdecke ihn neben mir. Schon zu Beginn wollte ich ihn irgendwie neben mich bekommen, doch inmitten der vielen Bikes hat das nicht ganz so geklappt; nun fahren wir nebeneinander, grinsen uns zufrieden an und ich weiß, das große Ereignis gefällt ihm.

Noch ein Baby-Bike…
Meine Wenigkeit…

…schöne Männer…

Zweimal machen wir etwas länger Halt; warum es vorne nicht weiter geht, können wir von unserer Position aus nicht sehen. Wir schalten den Motor ab, manche ziehen die Helme aus.
„Jetzt Kaffee und Kuchen.“ Stefan seufzt.
„Den Kaffee könnte ich machen!“ Ruft uns eine ältere Dame zu, die mit ihrem Mann zusammen im Vorgarten vor ihrem Haus steht und, wie alle anderen, unsere Kolonne mit staunenden Augen anschaut. Und wo wir uns auch einfinden, wir werden ausnahmslos gefilmt; jeder zweite steht mit seinem Smartphone da und versucht, die beste Aufnahme des vorbeifahrenden Moped-Geschwaders in den Kasten zu bekommen.

Und die Witterung wird gefühlt immer wärmer.

Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke nach unten. Die Wärme der Maschinen um mich herum und die Hitze der Abgase, die uns die zwei Chopper vor uns bescheren, tun ihr Übriges und bringen mich zum transpirieren. Daher bin ich froh, als es endlich weiter geht.

Wir fahren durch die grünen Weinberge des Rheingau, an blühenden Rosenstöcken vorbei, an denen auch wieder Menschen stehen und winken. Die sanften Hügel winden sich über dem Rhein und die Straßen windet sich in sanften Kurven unter uns. An einer Kirche sehen wir eine schick gekleidete Hochzeitsgesellschaft, wie sie uns, an die Kirchenmauer gelehnt, von oben bestaunt: Haben wir denn etwa der Braut die Show gestohlen?

Etwa zweieinhalb Stunden dauert die Parade. Die vorgezeichnete Strecke führt uns durch Rüdesheim, Oestrich-Winkel und Hattenheim, an Weinbergen vorbei und am Rhein entlang. Und dann – dann ist es soweit; nachdem wir in Hattenheim einen Bogen schlagen und zurückfahren, nähern uns nun wieder unserem Ausgangspunkt.

Langsam, feierlich, beinahe so, als würden sie es zelebrieren, fallen fahren die Biker wieder in Rüdesheim ein… 😉

* Namen geändert

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.