Single post

Tore ins Nichts…

 Sizilien, August 2010
Teil 3.

Irgendwann nachmittags kommen wir in Raffadali an. Und nachdem Franco uns herumgeführt und uns im Rahmen einer Rundfahrt seinen Heimatort gezeigt hatte, begeben wir uns aufs Zimmer. Bereits zwei Minuten später liegt Jimmy* im Bett, erschöpft und in tiefstes Koma gesunken. Ich schleiche auf den Zehenspitzen hinaus auf den Balkon.

5952

Schlafen kann ich nicht, nein, keineswegs, ich bin viel zu aufgeregt. Und obwohl auch ich die tiefe Erschöpfung spüre, bin ich hibbelig zugleich; ist es doch mein erstes Mal in Italien. Mit Erfurcht denke ich daran, was man uns diesbezüglich erzählt hatte; nämlich, dass die Festland-Italiener die Sizilianer nicht für ihresgleichen hielten. So, so… Ich bin gespannt, was uns hier erwartet.

5450

Obwohl ich im Vorfeld sehr viel recherchiert habe, hat mich die Insel mit ihren Landschaften dennoch umgehauen, sind sie doch so anders als alles, was ich bisher kannte. Sanft hügelig ziehen sie sich dahin, mal trocken, mal grün, die Vegetation besteht oft nur aus ein paar Büschen und Olivenheinen, Kakteen und riesigen Aloe-Pflanzen. Dann wieder fahren wir durch einen dichten Wald. Unglaublich abwechslungsreich kommen die Hügel daher; mal sind sie sanft fallend, mal steinig und felsig; mal sandfarben, mal in einem satten Orange leuchtend. Die geschwungenen Straßen ziehen sich entlang der Hügel und Täler, unzählige Brücken und Viadukte führen über tiefe Schluchten und überall warnen Schilder vor starken Windböen; die „Socken“, wie ich sie nenne.

4766

Die Ortschaften bieten eine Mischung aus malerisch und bröckelig zugleich. Vielerorts steht einfach mal eine zerfallene Hausruine mitten in der Pampa, umgeben von Sträuchern und halbhohem Gras. Überall auf der Insel trifft mal solche Ruinen an. Warum man die nicht abreißt, wollte ich wissen. Irgendwann einmal erklärt uns ein Insulaner, dass viele dieser Dinger unter Denkmalschutz stehen bzw. man eine Genehmigung bräuchte, um sie abzureißen. Also lassen die Menschen die alten Hütten einfach weiter zerfallen und bauen neue – meist nur ein Stück weit entfernt.

Und die Tore. Das fasziniert mich besonders. Da steht ein altes, mehr oder weniger altes Tor auf einem verlassenen Feld – wozu es den Zugang gewähren oder verwehren sollte, ist nicht ersichtlich, zudem nur das Tor auf dem Feld steht – der Zaun außen herum fehlt ganz. Kein Zaun, kein Gitter, nur das Tor, einsam und verlassen. Ähnlich den zerfallenen Hütten sind auch diese Tore über die gesamte Insel verstreut. Und manchmal – manchmal hängt noch ein altes, verrostetes, jedoch zugesperrtes Schloss dran.

Und überall brennt es. Nein, um Himmels Willen, nicht die Häuser – es sind die Felder, die brennen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mindestens an einem solchen Brand vorbei fahren, der sich manchmal sogar entlang der Straße schlängelt. Ich machte mir einen Spaß daraus, die Brände zu zählen und kam so auf einen Schnitt von mindestens drei pro Tag.

Überraschend abwechslungsreich sind die Ansichten der Insel, mal karg, mal grün und saftig, mit sich windenden Straßen, Brücken und atemberaubenden Landschaften. Ein Juwel, das wir so nie entdeckt hätten.

6528

5949

Hier sind alle Folgen der Sizilien-Reise:

Teil 1 – Ankunft in Catania
Teil 2 – Franco
Teil 3 – Tore ins Nichts…
Teil 4 – Localino
Teil 5 – Scala dei Turchi
Teil 6 – Siculiana Marina
Teil 7 – Die Tempel von Agrigento
Teil 8 – Agrigento, die Stadt
Teil 9 – Cefalu – Geldwäsche auf sizilianisch
Teil 10 – Cefalu – Perfekte Wellen
Teil 11 – Erice
Teil 12 – San Vito lo Capo
Teil 13 – Tanz auf dem Vulkan
Teil 14 – Heiße Quellen im Wald
Teil 15 – Taormina
Teil 16 – Messina
Teil 17 – Castello Chiaramonte
Teil 18 – Stefanias Hochzeit
Teil 19 – Der sizilianische Katzenjammer
Teil 20 – Sizilien und die Menschen dort…

Stefan
Juni 15th, 2017 at 6:04 pm

Socken? Wieso Socken?

Juni 15th, 2017 at 6:13 pm

Weil dieses Zeichen (Achtung, starke Windböen) für mich wie eine Socke im Wind aussieht…

LEAVE A COMMENT

theme by teslathemes