Franco

Sizilien, August 2010
Teil 2.

„Hier in dieser Straße? Bist du sicher?“
„Ja, klar, ich habe mir das doch mehrmals auf Google Street View angeschaut.“
„Na, hier sieht aber nichts nach einem Bed & Breakfast aus…“ Wir steigen aus dem Auto, schauen uns um. Die Straße liegt hell und staubig vor uns, es wirkt alles wie verlassen. Wir sind in Raffadali angekommen.

Der Grund, weshalb mir jetzt so die Muffe geht, ist verhältnismäßig simpel: Geld. Über dreihundert Euro genauer gesagt – die gesamte Summe für zwei Wochen Aufenthalt, die nun in den Tiefen der undurchdringlichen insulanischen Strukturen verschwunden sind.

Und das kam so: Wie schon im ersten Beitrag gesagt hätte ich die Insel spontan nicht gerade zu meinem Urlaubsziel erkoren, und Jimmy* erging es genauso. Warum nicht? Aufgrund von Ängsten, Vorurteilen und weiß der Teufel was noch allem (heute denke ich anders darüber, doch 2010 war ich noch ein voreingenommener Mensch 🙂 ). Doch es hatte sich so ergeben, dass eine PTA-Freundin von mir auf Sizilien heiratete – also haben wir, Jimmy* und ich, kurzerhand unsere Flitterwochen dorthin verlegt, um bei ihrer Hochzeit dabei sein zu können. Stefanias Vater hatte sich um eine Unterkunft für uns gekümmert; eine Bed & Breakfast-Pension bei Franco, einem sehr guten Bekannten der Familie, in Stefanias Heimatort Raffadali. Es ist schön und sauber dort, sagte er uns; er hatte sich selbst davon überzeugt. Er wolle, dass wir gut unterkommen und eine angenehme Zeit in seiner Heimatstadt haben.

Also hatte ich mich mit Franco in Verbindung gesetzt und uns für zwei Wochen einquartiert. Anstatt der üblichen Anzahlung hatte ich das Geld für die gesamte Aufenthaltsdauer nach Sizilien überwiesen – was weg ist, ist weg, eine Sache weniger, an die ich später denken muss. Bedenken hatte ich keine; da Stefanias Vater den Mann offensichtlich kennt, wird schon alles gut werden.

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Doch jetzt, in der prallen Mittagssonne inmitten der einsamen Straße und mediterraner Vegetation kommen mir Zweifel. Hoffentlich sind wir hier richtig, hoffentlich existiert das Three Palms auch tatsächlich, und überhaupt hatte ich das mit was weg ist, ist weg so wörtlich nun auch wieder nicht gemeint… Die wachsenden Ängste in meinem Inneren malen bereits die schwärzesten Bilder in meinem Kopf. Was, wenn es hier gar kein Hotel gibt? Oder man plötzlich von einer Reservierung nichts mehr wissen will? Was, wenn…

Doch inzwischen hat Jimmy* die richtige Adresse gefunden – wir stehen nun vor einem großen Haus mit unscheinbarer, etwas bröckeliger Fassade und einem imposantem Tor, klingeln und lassen uns von einem kleinen, zotteligen Köter ankläffen, während wir warten. Warum die kleinsten Hunde am lautesten bellen müssen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Doch Achtung – die Tür geht auf. Ein kleiner Italiener mit rundem, lachendem Gesicht tritt zu uns heraus.
Franco.

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Franco begrüßt uns in passablen Deutsch und lässt uns unsere Sachen nach oben bringen. In der Tür steht eine Frau mit Küchenschürze und lächelt uns freundlich zu. Man hatte schon auf uns gewartet, klar ist das Zimmer für uns reserviert, man freut sich sichtbar, dass wir hier sind. Wie selbstverständlich nimmt er mir meinen Koffer ab und trägt ihn für mich aufs Zimmer.

Gleich danach folgen wir Franco auf eine Rundfahrt durch Raffadali, denn er möchte uns unbedingt die Winkel und Ecken seiner Stadt zeigen. Raffadali ist ein kleiner Ort bestehend aus wenigen Häusern, einem großen Platz und einer Kirche. Unterwegs erzählt uns Franco von sich, seinen Kindern und seiner Zeit in Deutschland. Er und seine Familie lebten eine lange Zeit in Frankfurt, hatten dort eine gut laufende Pizzeria – das erklärt dann die guten Deutschkenntnisse. Doch vor wenigen Jahren entschied er sich dafür, zurück zu gehen – zurück nach Hause.

Doch eine der Töchter, Laura, die wir später noch kennenlernen sollten, sagte einmal zu uns: „Menschen, die zum ersten Mal hier sind, sehen die Strände, das Meer… sie sehen das Paradies. Auch ich habe zur Anfang immer nur das gesehen. Doch das echte Leben hier kann hart sein.“ Schwang da etwa ein bisschen Wehmut mit?

Unser Zimmer begeistert mich; es ist, wie auch die Einrichtung des gesamten Hauses, in warmen, mediterranen Farben gehalten. Vom Frühstücksraum aus tritt man hinaus auf eine großzügige Terrasse, um dort auf Liegen und unter Sonnenschirmen mit dem Blick auf die Stadt die Seele baumeln zu lassen.

Das Three Palms in Raffadali ist ein familienbetriebenes Hotel, das eigentlich mehr mit einem Zuhause bei Freunden als mit einem Hotel gemein hat. Die Familie kümmert sich um uns; die Töchter reinigen die Zimmer und richten das Frühstück und Franko verwaltet alles und schaut nach dem Rechten.

Und während ich mir das alles so anschaue, schleicht sich in meinem Herzen zum erstem Mal zaghaft das Gefühl, dass die „bösen“ Sizilianer vielleicht doch gar nicht so böse sind…

Hier sind alle Folgen der Sizilien-Reise:

Teil 1 – Ankunft in Catania
Teil 2 – Franco
Teil 3 – Tore ins Nichts…
Teil 4 – Localino
Teil 5 – Scala dei Turchi
Teil 6 – Siculiana Marina
Teil 7 – Die Tempel von Agrigento
Teil 8 – Agrigento, die Stadt
Teil 9 – Cefalu – Geldwäsche auf sizilianisch
Teil 10 – Cefalu – Perfekte Wellen
Teil 11 – Erice
Teil 12 – San Vito lo Capo
Teil 13 – Tanz auf dem Vulkan
Teil 14 – Heiße Quellen im Wald
Teil 15 – Taormina
Teil 16 – Messina
Teil 17 – Castello Chiaramonte
Teil 18 – Stefanias Hochzeit
Teil 19 – Der sizilianische Katzenjammer
Teil 20 – Sizilien und die Menschen dort…

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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