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Paragliding – nur ein kleiner Hüpfer…

Odenwald, Sommer  2013

Die gesamte Klasse sitzt sprachlos da, keiner gibt auch nur einen Mucks von sich. Gebannt starren sie auf den Bildschirm, und während die DVD-Vorführung läuft, stupsen wir, die Kursteilnehmer, uns kameradschaftlich in die Seiten.
„Schau mal, da… dort fliegst du gerade… Ja und hier, hier bin ich… Man, hatten wir einen Auftrieb an dem Tag…

Die bewegten Bilder flackern vor den Augen der Schule; immer noch sagt keiner etwas. Auf dem Bildschirm ist blauer, wolkenloser Himmel zu sehen – und Schirme, viele bunte Paragliding-Schirme, die mit atemberaubenden Flugmanövern diesen blauen Himmel bevölkern.

Und während die neidischen Blicke der anderen den Bildschirm zu fixieren scheinen, beginnen die ersten von uns bereits, spitzbübisch zu grinsen…

Das Mädchen mault. „Das klappt nicht. Das klappt einfach nicht. Mensch, kann uns hier mal jemand helfen??“ Doch da die Sonne scheint und ich bestens gelaunt und voller Vorfreude auf das kommende Abenteuer bin, versuche ich, meiner Teamkameradin mit ihrer Ausrüstung so gut zur Hand zu gehen wie ich kann und ignoriere gleichzeitig das Gemecker.
„Na komm schon – einmal hier festzurren. Siehst du? Klappt doch; wir brauchen keinen, der uns hilft, oder?“

Es ist ein ganz bestimmter Schlag Menschen, der sich zu so einem Kursus anmeldet – Paragliding an der Abendschule in Heppenheim. Es sind Querdenker, Rastlose, Abenteuerlustige – Menschen, die über die Normalität in ihrem Alltag hinausgehen, die das Ungewöhnliche wagen wollen. Und so war unsere Truppe wild und bunt gemischt, die da an jenem Tag vor der Schule auf den Kursbeginn wartete. Und noch bevor es soweit war, noch als alle Teilnehmerlisten aushíngen und wir noch dabei waren, uns für verschiedene Kurse zu entscheiden, schon da fragte der Lehrer, der den Paragliding-Kurs leitete, nach mir: „Ist denn die Motorradfahrerin dabei?“

Ich fiel auf der Abendschule auf wie ein bunter Hund. Jeden Nachmittag kam ich mit meiner, damals noch goldenen, Maschine lautstark vor der Schule an und jeden Abend nach dem Unterricht fuhr ich, ebenso lautstark, wieder vom Hofe. Jeden Nachmittag saß ich in meiner Bikerhose da, ungeachtet des Wetters oder der Hitze im Sommer, und versuchte, an den Lernstoff und nicht an die schweren, hohen Stiefel zu denken, in denen sich meine Füße anfühlten wie in eine glühende Zange gepresst. Jeden Abend, bis…

Ja, bis der Unfall kam. Doch das ist eine andere Geschichte.

Das Paragliding, auch genannt Gleitschirmfliegen, ist, wie man sich denken kann, für Ungeübte nicht ganz so leicht wie es die Luftaufnahmen, die bei Youtube kursieren, allgemein glauben machen wollen. So viele Sicherheitsmaßnahmen und Kniffe sind zu beachten, ehe man überhaupt bereit ist, zu starten, und bis man, wie in dem oben beschriebenen Film, bereit ist, sich in die Lüfte zu erheben, bedarf es einiger (nicht weniger) Trockenübungen auf dem Feld.

Und unser Kursus war ein sogenannter Schnupperkurs, dauerte also nicht länger als einen ganzen Tag. So langsam wird also ersichtlich, dass die Aufnahmen, die angeblich ja uns in den Lüften zeigen sollen, so nicht entstanden sein können…

Eine Odenwälder Flugschule hatte sich bereit erklärt, unser Kurspartner zu sein. Wir treffen uns vor der Schule und fahren in Fahrgruppen hinaus zum Trainingsgelände, welches aus einer weitläufigen, hügeligen Wiese besteht.

Zuallererst – die Sicherheit. Der Helm muss sitzen, uns so sucht sich jeder die für ihn und seine Größe passende Ausrüstung. Wir werden in Zweiergruppen eingeteilt und so bekomme ich das etwas hilflose Mädchen an meine Seite gestellt (weil ich so taff wirke oder weshalb?).

Das Bedienen eines Gleitschirms ist geknüpft an sehr viel Theorie. Und so sitzen wir zunächst einmal in der warmen Sonne inmitten der summenden Wiese da und bekommen das Handling der Ausrüstung erklärt. Wichtig sind die Hüft- und Beingurte, sie müssen fest genug sitzen, so dass sie sich nicht lösen, doch auch nicht zu fest, damit sie beim Zug nicht das Blut abschnüren.

Der Schirm muss während des Laufens hochgezogen werden – nach Möglichkeit auf beiden Seiten gleichmäßig – ein nicht gleichmäßig hochgezogener Schirm beginnt, sich während des Auftriebs zu verdrehen. Während der Trockenübungen lernen wir, mit welcher Bewegung wir den Gleitschirm nach oben bringen – und mit welcher nach unten.

Wichtig sind auch die Schnüre – all die dünnen, langen, verworrenen Gebilde, welche den Schirm tragen und welche verdammt leicht verknoten können. Und so sind wir zunächst einmal damit beschäftigt, unsere Gurte zu schnallen und unsere Schirme zu entwirren und auf der Wiese auseinander zu falten.

Und meine Partnerin ist damit beschäftigt, ununterbrochen zu maulen.
Warum wolltest du das hier? Frage ich sie in Gedanken, während ich an ihren Beingurten nästele.

Irgendwann sind alle soweit und wir können starten.

Starten heißt hier: Erst einmal losrennen. Der hinter mir ausgebreitete Schirm muss auf beiden Seiten gleichmäßig in einem Ruck hochgezogen werden. Dann rennen, rennen, den Schirm immer höher, nur noch ein kleiner Hüpfer und mit etwas Glück und auch mit etwas Auftrieb…

„…und Stooop!“ Höre ich hinter mir rufen. Der Kursleiter muss wohl gespürt haben, dass ich gerade „drohte“, die Bodenhaftung zu verlieren, denn sehr entschlossen bremst er mich in diesem Moment aus. Und dann ist der nächste dran. Und ich trage den Schirm wieder an meinen Platz und beschäftige mich damit, die Schnüre zu entwirren.

Unser Lehrer Christian ist unzufrieden. Wir alle sind unzufrieden. Denn sobald sich so etwas wie die erhofften Ergebnisse einzustellen drohen (sich in die Lüfte zu erheben ist an dieser Stelle ja Sinn und Zweck der Sache…?), werden wir elegant, aber entschlossen vom Kursleiter ausgebremst.
„Wir hatten das letzte Mal jemand anderes, der den Kurs geleitet hat. Ich meine, alle wollen hier ein Erfolgserlebnis haben… Aber er hat zu viel Angst, euch zu weit nach oben zu lassen.“

Angst, wovor denn Angst, bitteschön? Dass wir hier ungeübterweise davon fliegen? Nur einen kleinen Hüpfer, mehr wollen wir nicht; nur einmal das Gefühl zu verspüren, den Boden unter den Füßen zu verlieren, zu einem Teil der Schwerelosigkeit zu werden.

Da jeweils nur einer unter Aufsicht starten darf, sitzen wir zwischenzeitlich einfach nur auf der Wiese herum, lachen und rauchen (dies war der Sommer, während dessen die Zigarillos anfingen, mir zu gefallen – ein Laster, abgeguckt von Christian, unserem Lehrer). Jeder der Teilnehmer kommt auf zwei- bis drei Läufe während des Nachmittages. Doch ich bin zufrieden, nicht wirklich hatte ich mir erhofft, gleich beim ersten Mal tatsächlich zu fliegen. Und so verbuche ich dies Abenteuer unter „Erfahrung“ und „viel gelernt“ und erwarte nichts weiter.

Doch wir sollen an diesem Tag noch eine Chance bekommen.

Als sich der Kursleiter verabschiedet und es langsam Abend wird, bereitet uns Christian einen Vorschlag vor: Wir können auf einem anderen Gelände, welches zu seinem Fliegerverein gehört, noch ungestört weiter trainieren, ohne die Aufsicht des vorsichtigen Kursleiters im Nacken zu haben. Und vielleicht, aber nur vielleicht, werden wir dabei ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, zu schweben…

Doch zuerst essen wir zu Abend, alle gemeinsam an einem Tisch, und lassen den Tag Revue passieren. Nicht alle bleiben da; einige verabschieden sich bereits jetzt nach Hause.

Diejenigen, die noch hier sind, versuchen auf dem neuen Terrain ihr Glück – doch es ist ein ausnehmend ruhiger Abend. Diesmal liegt es an keinem, der uns bremst – diesmal liegt es an uns selbst, an der Witterung, an der Flaute. Ohne Wind kein Fliegen. Doch trainiert haben wir an diesem Abend allemal.

Und so lösen wir eine Woche später das Rätsel auf und klären die gespannt schauenden Mitschüler nach kurzer Zeit über den vorgeführten Film auf: Es ist ein Mitschnitt der Flugschule und ein Werbefilm für Paragliding-Kurse hoch über dem Odenwald…

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