Wie ich in Hannover Hiroshima fand

Hannover, März 2017

„Das ist es?“ Frage ich erstaunt den Passanten.
Das ist es? Denke ich und laufe weiter, die Schultern leicht nach oben gezogen, den Kopf einziehend. Es weht ein kalter Wind.

Rechts und links von mir – hier ein bisschen Altbau, da ein bisschen Geschnörkel – wir befinden uns ganz offensichtlich in der Altstadt von Hannover. Obwohl ich zugeben muss, dass nach dem touristischen Zentrum Bremens, welches ich gestern besichtigt habe, vieles andere nur verblassen kann. Doch ist es mir nichtsdestotrotz bislang immer gelungen, jeder Stadt; jedem Ort, den ich besuchte, etwas Schönes und/oder Spannendes zu entnehmen – nicht so hier.

Obwohl ich zur Anfang meiner „Stadttour“, als ich das Auto parkte, noch dachte: Oh, Hannover ist ja gar nicht so übel.
Es ist das Neue Rathaus, welches „nicht so übel“ ist. Dieses ist wirklich ein Prachtstück. Ich gehe daran vorbei und überquere eine kleine Grünanlage, die sich, an einem Fluss vorbei, an der alten Stadtmauer entlang zieht. Der Damm lässt das Wasser in Kaskaden stürzen und das laute Tosen ist erschreckend und beruhigend zugleich. Ich laufe auf ein junges Pärchen zu: „Sie sehen aus wie Touristen – wie komme ich denn zur Altstadt?“ Frage ich die beiden, als sie vor mir stehen. Ihren „Touristenausweis“, die schwarze Kamera, trägt der Mann weithin sichtbar um den Hals.
„Das wissen wir selbst nicht so genau aber da wollen wir auch als Nächstes hin.“ Danke für die Freundlichkeit, ich laufe weiter. Das Pärchen schlendert von dannen.

Und apropos Pärchen: Da muss ich auch an meine bessere Hälfte denken; Stefan sagte mir, Hannover sei nichts Besonderes. Hm.
Nur ist es so, dass ich mir gerne selbst alles ansehe, um mir – auch selbst – eine Meinung zu bilden. So auch diesmal – doch Stefan soll Recht behalten.

Es ist kalt. Der sanfte, milchige Sonnenschein, der durch die geschlossenen Wolkenschleier dringt, täuscht vom Hotelfenster aus leicht über die Kälte hinweg, die sich jetzt langsam in meinen Knochen ausbreitet.

Die Grünanlage wird geschmückt von riesenhaften Skulpturen – für mich sehen sie wie sexuell aufgeladene Fruchtbarkeitsgöttinen aus – vor denen Eltern entzückt ihre Kleinen posieren lassen.
Die Brücke überqueren, sagte das Pärchen – ich überquere also die Brücke und finde mich in der Nähe des Hauptbahnhofs wieder. Dönerbuden und orientalische Shops schießen wie Pilze aus dem Boden – irgendwie komme ich mir fehl am Platze vor. Verstärkt wird dieser Eindruck noch von einem sich genau vor mir anbahnenden Streit: „Migrationshintergrund 1“ will „Migrationshintergrund 2“ auf die Fresse schlagen mit Nachdruck seine Meinung verdeutlichen. Die Frau, die daneben steht, schreit. Andere gehen dazwischen. Ich ziehe den Kopf ein und gehe weiter. Was für eine uncharmante Stadt; entflieht mir unwillkürlich der Gedanke. Die Kälte tut ihr Übriges – Hannover fühlt sich gerade nicht sehr gastlich an.

Links von mir breitet sich ein kleiner Markt aus – ich kann ja mal hindurch…
Ein alter Mann mit unglaublich buschigen Augenbrauen hält an einem der ersten Stände zwei Fläschen mit einer öligen Flüssigkeit in den Händen. Umringt von faszinierten Frauen, die mit glänzenden Augen jede seiner Bewegungen beobachten, gießt er das Öl aus der großen in ein kleines Fläschen um. Es riecht schwer, ölig und moschusartig – es riecht wie bei meiner Freundin Sue in der Wohnung. Dies ist ein Stand mit orientalischen Parfümölen.

Den intensiven Duft inhalierend überlege ich kurz, ob oder ob nicht… lasse es jedoch bleiben. Parfüm im Außendienst macht sich nicht so gut, sehr intensives Parfüm umso weniger.

Ich friere. Die Fußgängerzone wirkt kalt und grau, nur wenige Menschen sind jetzt unterwegs. Und immer noch weit und breit keine Spur von der verdammten Altstadt. Habe ich schon erwähnt, dass ich friere?

Irgendwann, nach einigem Kreisen werden die Bauten etwas älter, etwas verschnörkelter. Noch keine wirklichen Fotomotive, aber immerhin schon eine Andeutung dessen, was ich suche.

Ein älterer Passant, den ich anspreche, schaut mich erstaunt an:
„Die Altstadt? Wir sind hier in der Altstadt!“

So?

„Sie sind oft unterwegs, oder?“ Fragt er mich von der Seite, als ich weiter gehen will.
„Ja, das stimmt.“ Ich lache. „Woher wissen Sie das?“
„Woher ich das weiß“ Er lächelt rätselhaft. „Sie haben eine Kamera dabei. Das sagt sehr viel aus.“

Joah?

„Ich laufe hier meistens herum“, sagt er, als ich mich umdrehe und weiter laufen will – „und jage Pokemon.“

„Ach?“ Ich versuche unauffällig, ihn auf seine mentale Stabilität hin einzuschätzen. Ein Mann Mitte verzig, der „durch die Gegend läuft und Pokemon jagt?“ Hm…

Ein paar kleinere Highlights hat Hannover ja schon; das bereits erwähnte Neue Rathaus, das Verwaltungsgebäude der Nord/LB, welches wie ein instabiler Wackelturm aus dem gleichnamigen Gesellschaftsspiel mit seiner Glasfassade und seiner Form futuristisch anmutet und jegliches Wissen zum Thema Schwerpunkt zu verachten scheint…
…und die königlichen Gärten, für die es mir heute zu kalt ist.

Also, solltet ihr noch nicht hier gewesen sein – es lohnt sich nicht wirklich, es gibt weitaus interessantere Ziele.

Es gibt nur eines in Hannover, das mich wirklich beeindruckt hat;
Es ist die Aegidienkirche.

Die Aegidienkirche

Das Glockenläuten erklingt. Die Aegidienkirche ist so ein Highlight. Mitten im zentralen Teil der Stadt gelegen, fernab der sogenannten Altstadt, sieht sie aus wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Und tatsächlich – sie stammt aus dem 14 Jahrhundert. Das Dach der Kirche ist eingestürzt; den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen, nur noch die Wände und der Turm blieben stehen. Und aus dem vollständig erhaltenen Turm erklingt gerade der Glockenklang.

Der Innenhof der Kapelle und das Innere des Turms wurde zur Bühne für eine kleine Ausstellung; wusstest Du, lieber Leser, dass Hannover Partnerstadt von Hiroshima ist? Ich wusste es nicht. Tafeln mit Inschriften erinnern daran. Ein Bild im Boden, das Formen eines menschlichen Körpers zeigt, erinnert an die Hitzewelle und den Druck der Atombombe – die Silhouetten Menschen sind nur noch als Schatten zu sehen.

Den Hof durchzieht eine gezackte, weiße Linie – sie zeigt die Umrisse der Kapelle, den Schatten der Seitenmauer, der bei einem bestimmten Sonnenstand auf dem Boden des Hofs erscheint.

„Schattenlinie“, Dorothee von Windheim
Das Fotogramm „Hiroshima“, Ditmar Schädel

Hintergrund: Kunstwerk „Hiroshima“

Das Kunstwerk „Hiroshima“ von Ditmar Schädel war auf Initiative des Künstlers als Erinnerung anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der Zerstörung von Hannovers Partnerstadt Hiroshima installiert worden.

Der Künstler fügte ein Körperfotogramm ebenerdig in die Pflasterung ein. Die an eine Grabplatte erinnernde Arbeit zeigt die Umrisse eines menschlichen Körpers. Der Negativschatten bezieht sich dabei auf die verbliebenen Spuren von Menschen, die durch den enormen Lichtblitz der Atomwaffe nur noch als Schatten auf dem Granitpflaster oder auf Treppenstufen in Hiroshima und Nagasaki zu sehen waren. Der eigentliche Titel des Kunstwerks lautet:

„… wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen…“

Der Titel zitiert den Piloten Paul Tibbets kurz vor dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima… Quelle: www.hannover.de

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir an die schönsten und spannendsten Orte dieser Welt und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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