„Lasst diesen Mann frei!“

Bremen, März 2017
Teil 2.

Das Schmorcurry schmeckt ausgezeichnet. Zwischen zwei Bissen runzle ich kauend die Stirn.
„Tja… es gab wohl Gründe, wieso der Mann verhaftet worden ist… nichts geschieht einfach so.“

Rückblick: Am wunderschönen Bremer Rathausplatz stehe ich da und lausche dem Orchester, welches sich auf der Treppe zum Bremer Dom postiert hatte. Eine Traube Menschen umkreist die Spielenden, die nun alles geben, um gute Laune zu verbreiten. Und während wir da so stehen und lauschen, kommt ein Mann vorbei mit Flyern in der Hand und beginnt, sie an die Zuhörer zu verteilen. Ich denke zunächst, dass es sich um ein Konzert oder einen CD-Kauf der spielenden Gruppe handelt, und so nehme ich geistesabwesend einen solchen in die Hand. So geht es anscheinend auch den anderen Zuschauern – der Mann hat leichtes Spiel. Doch ein flüchtiger Blick auf das Geschriebene belehrt mich, dass es sich wohl um etwas Politisches handelt. „Freiheit für Musa Asoglu“, steht da mitsamt einem Bild von dem Mann und einer gesprengten Kette.

Wer ist Musa Asoglu?

Da ich die derzeitige politische Situation in der Türkei sorgenvoll beobachte (der Präsident hat im Vorfeld seines Wahlkampfes ganze Arbeit geleistet, jegliche Form des Widerstandes wurde fein säuberlich in Säcke gepackt und weggesperrt), will ich jetzt wissen, um was es hier geht. Also verlasse ich die spielende Truppe, deren Sängerin gerade zur Hochform aufläuft, und mache mich auf die Suche nach dem Mann: der soll mich jetzt bitte aufklären.

Ich finde ihn gleich um die Ecke auf der anderen Seite der Kirche.

Auf meine Nachfrage hin verweist er mich an jemand anders, der sich meiner annimmt. Musa sei zu Unrecht verhaftet worden; er sei ein Revolutionär, ein Kämpfer, der gegen den Faschismus in der Türkei und den Imperialismus in den USA Widerstand leistet.
„Revolutionär zu sein ist kein Verbrechen, sondern eine Pflicht.“ Schließt der Mann seinen Vortrag. „Wir sind der Meinung, dass man niemanden dafür verhaftet darf.“ Heute Abend um sieben findet eine Kundgebung zu diesem Thema statt; sagt er und drückt mir einen weiteren Zettel in die Hand mit Uhrzeit und Ort der Veranstaltung. Ich frage, ob die Kundgebung denn auf deutsch sei; er bejaht.

Ich schlendere noch ein bisschen über den Platz, komme zu einem Markt, dessen Buden jetzt, um halb vier Nachmittags, bereits wieder abgebaut werden. An einem Stand erstehe ich Postkarten.
„Haben Sie zufällig auch Briefmarken?“ Frage ich den alten Mann.
Nein, sagt er, die habe er nicht; und an Zufälle glaube er sowieso nicht. Ich lache, gehe weiter. Doch der verhaftete Türke spukt mir immer noch im Kopf herum. Wobei ich mir auch die Frage stelle, wie es denn sein kann, dass ein türkischer Mitbürger in Deutschland einfach so verhaftet wird, nur weil die Türkei allgemein und der Präsident insbesondere das gerne hätte. Weil man „Revolutionär“ ist. Oder steckt da mehr dahinter?

Die Sonne senkt sich immer tiefer und lange Schatten legen sich über den Platz. Ich bewege mich vom Marktplatz weg, eine Straße entlang, die aus der Altstadt heraus führt. So langsam habe ich Hunger, also studiere ich die Aushängeschilder der Lokale, die links und rechts zu sehen sind. Street Kitchen Jackie Su, na das klingt doch gut.
Nach einem kurzen Blick auf die Karte gehe ich rein.

Als ich dann, Minuten später, eine dampfende Schüssel mit indischem Curry vor mir stehen habe, hole ich während des Essens den Flyer aus der Tasche. „Freiheit für Musa Asoglu.“ Ich bemühe mein IPad und google den Namen.

„Was wird jetzt aus dem Terror-Fürsten?“ Steht da an oberster Stelle in den Schlagzeilen. Starke Worte; ich lese weiter. Den Angaben nach gehört Musa Asoglu einer Vereinigung an, der DHKP-C, die sich 2013 zu zwei Anschlägen auf die US-Botschaft in Ankara bekannt hatte. Und der Gute ist nicht einfach nur ein Mitglied, sondern soll einer der führenden Köpfe hinter den Anschlägen gewesen sein.

Da ist es. Die BDR verhaftet Menschen nicht eben mal, weil sie „Widerstand gegen die Regierung“ leisten. „Der Mann hat Anschläge verübt.“ Murmele ich vor mich hin. Er ist nicht einfach nur ein Revolutionär; wenn das stimmt, was hier steht, dann ist er viel mehr als das.

Ich lese weiter. Die heutige „Kundgebung“ ist in Wirklichkeit eine Demo zur Freilassung des Mannes. Die USA hat ein Kopfgeld von 3 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt; die Deutschen werden ihn im Leben nicht freilassen, denke ich mir. Für mich ist klar, dass ich gleich nach dem Essen schön meine Sachen zusammensuchen und nach Hause (hier: Hostel) fahren werde.

Auf dem Nachhauseweg scheint der Mond rund und groß wie eine zweite, leuchtende Sonne auf dem noch hellen Nachthimmel, während ich leise und gemütlich mit meinen 120 km/H die Straße entlang gleite.

Hier ist eine Übersicht aller Folgen der Bremen-Städtereise:

Teil 1 – Der Flyer
Teil 2 – „Lasst diesen Mann frei!“
Teil 3 – Streetkitchen Jackie Su

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von „windrose.rocks“ :-)
Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja… auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern…

„Ich mag an dir dieses… rastlose Umherschwirren“ (Zitat von Stefan)

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