Ungewöhnlich übernachten: „Base Camp“ in Bonn

Ungewöhnlich übernachten: „Base Camp“ in Bonn

Bonn, März 2017
Teil 1.

Base Camp. Was ist Base Camp? Das klingt so ein bisschen nach Space Shuttle, meint Ihr nicht? Nach einer „Base“ irgendwo am Fuße eines hohen Berges… zumindest konnte ich mir nichts Näheres darunter vorstellen, trotz der Bilder der vielen Wohnwägen, die mir vom Reiseportal her im Gedächtnis blieben.

Die „Nautilus“, Baujahr 1965

Ich sitze mit ausgestreckten Beinen auf der Holzablage im Inneren des Wohnwagens, der Koffer dient als Stütze für meine Füße. Eine alte Lampe, im Stil früherer Öllampen aufbereitet, spendet warmes, gelbes Licht.

Hm, mit Camp wie Camping hat das ganze schon mal was zu tun. Und Base wie Basis. „Camp-Base“, eine Camping-Basis, wäre der bezeichnenderer Begriff gewesen, überlege ich kauend. Mein Blick wandert zu den schweren, dunkelgrünen Vorhängen, die die Sicht aus den kleinen Fenstern nach draußen verhüllen und für Privatsphäre sorgen.

Krümel rieseln aufs Papier. Ich hatte im Auto noch einen Rest Baguette von heute Mittag und eine Flasche Wasser – das ist mein Abendessen. Einfache Dinge schmecken herrlich, wenn man Hunger hat. Im Allgemeinen esse ich nicht so viel, wenn ich auf Reisen bin.

Ich entdecke, dass der Spiegel über meinem Kopf ein verborgenes Ablagefach ist. Schwerfällig lässt sich die Scheibe bewegen; ich schiebe sie zur Seite. Vielleicht hat ja jemand etwas darin versteckt? Einen Batzen Geld oder die Perlen seiner Großmutter?

Von der Wand schauen mich die Augen der Schwarzweiß-Fotografien an; unten ein Soldat, oben eine Dame im hochgeschlossenen Kleid. Aus dem Lautsprecher draußen in der Halle rieselt leise, langsame Musik. Die stimmungsvolle Beleuchtung im Inneren der Halle erinnert irgendwie an die Abenddämmerung, wenn man aus der Tür des Wohnwagens schaut.
Auf den Ablagen der Nautilus stehen alte, zerschlissene Bücher – Abenteuer von Piraten und Seglern und Disneys 20000 Meilen unter dem Meer. Über dem Bett hängt ein Kompass.

Mein Bett ist groß und so breit, dass ich hier theoretisch quer schlafen könnte. Ich beschließe, genau das zu tun. Schön viel Platz in der kleinen Wohnkabine, die eigentlich fast nur aus dem großen Bett besteht.

Die Halle ist leer, bis auf mich und den Typ an der Rezeption, der aussieht, wie man sich so einen Hostel-Rezeptionisten so vorstellt (eine Mischung aus Hipster und alternativ) und einem jungen Asiaten, der nur englisch spricht und auf Nachfrage das Innere meines Wohnwagens bestaunen und fotografieren darf.

So laufe ich ungestört herum und staune. Die „Zimmer“ des Hostels bestehen aus alten, umgestylten und liebevoll gepflegten Wohnwagen-Kabinen; jeder Wohnwagen läuft unter einem eigenen Motto. So gibt es zum Beispiel eine Jägerhütte, mit den Fellen und Geweihen erlegter Hirsche und dem Kopf eines Ebers verziert; einen Rockabilly, einen Trabi, Flower-Power mit lauter Blümchen und sogar tatsächlich ein Space Shuttle im Stil einer Raumstation aufbereitet.
Die „Schlafsäle“ sind ausgemusterte  Zugwaggons  außerhalb der Halle im Außenbereich des Hostelbereiches abgestellt.

Man bekommt hier die Camping-Stimmung, nur ohne Regen, und die gedimmte, farbige Beleuchtung lässt ein Gefühl von Gemütlichkeit aufkommen. Als ich die sanitären Einrichtungen betrete, bin ich überrascht, wie topmodern alles ist. Nix da mit Oldschool – die runden Waschbecken sehen regelrecht stylisch aus.

Ich fühle mich wie im Urlaub – jetzt schon. Dabei bin ich beruflich hier und morgen geht es wieder auf die Arbeit.
Doch allein das hier ist schon wie ein kleines Abenteuer. Etwas völlig neues, denn so habe ich noch nie übernachtet.

Das Baguette hat so la la gereicht. Ich überlege, ob ich mir noch etwas Essbares besorgen soll. Doch nochmal hinaus zu gehen und im Regen durch die Pampa (hier auch: Bonn) zu fahren, darauf habe ich auch keine Lust mehr.

Ich verschanze mich unter der Decke mit Stephen Kings Doctor Sleep in der Hand. Leise dringt Musik durch die holzverkleideten Wände der Kabine. Ja… so lässt sich’s leben.

Die Jägerhütte
Die Drag Queen

 

„Männer aus Stahl fahren Autos aus Pappe“ 🙂

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