Die Schuhe von Montabaur

Die Schuhe von Montabaur

Montabaur, April 2017

Das Schloss von Montabaur sollte der Beitrag hier eigentlich heißen, aber Mensch… all die High Heels hier an jeder Ecke und ich, eine Frau… Hah! Wie geschaffen füreinander! 

Den ersten erspähe ich bereits am Kreisel vom Ortseingang, während ich, von der A3 kommend, mich einen engen Schleichweg hinauf zum Schloss quäle, nur um dann von Baustellenfahrzeugen aufgehalten und zum Umkehren gebracht zu werden. Den besagten Schleichweg, auch „Schlossweg“ genannt, versucht mir mein Navi seit circa zwanzig Minuten als das optimale Nonplusultra zu verkaufen, um hinauf zum Schloss zu gelangen. Doch ich weiß es besser – hier geht es definitiv nicht weiter.
Also wende ich auf dem engen, holprigen Weg, wo das Wenden eigentlich so gut wie unmöglich ist, unter den abwartenden Blicken der beiden Arbeiter, suche mir wieder unten den erstbesten Parkplatz (Privatparkplatz! Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig… ihr wisst ja) und überlege, wie ich nun am besten weiter vorgehen soll.

Und da steht der erste, glitzernd funkelnder Schuh – in der gleisenden Sonne schmückt er die Mitte des Kreisels – ein silberner Cinderella-Schuh, wie verloren nach einer berauschender Silvesternacht.

In der Stadt entdecke ich dann weitere Absatzschuhe, überdimensional groß, bunt und schick; an jeder Ecke der Stadt stehen sie verstreut, ziehen Blicke an sich und laden Kinder wie magisch ein, auf ihren herumzuklettern. Eine Hommage an alle Schuster von Montabaur, lese ich in einem Schuh in der Fußgängerzone.

Zunächst einmal bringe ich also mein Auto ins Parkhaus und schlendere nun gemütlich durch die Altstadt. Diese ist überschaubar. Ein paar Giebelhäuser, ein bisschen Fachwerk, eine nicht allzu lange Fußgängerzone. Montabaur ist klein, schön, aber es gibt wesentlich sehenswertere Städte. Und doch ist es etwas Besonderes, wie ein kleines Geheimnis. Und überall diese Schuhe.

„Die Schusterstadt“

„Die Montabaurer Einwohner werden scherzhaft häufig „Schuster“ genannt. Das ist auf die große Zahl von Schuhmachern zurückzuführen, die es in früherer Zeit in der Stadt gab. So zählte 1787 die Schuhmacherzunft 54 Mitglieder. Zum Vergleich – zu dieser Zeit gab es laut Brandkataster 329 Häuser in der Stadt. Der höchste Stand an Schuhmachern wurde 1864-1866 erreicht, als die Gewerbesteuerliste 66 Schuhmacher nennt, darunter zwei Flickschuster.

Die Montabaurer Schuster betrieben überwiegend die sogenannte „Marktschuhmacherei“, das waren derbe Schuhe und Stiefel, die auf Märkten im Westerwald und der näheren Umgebung (Nassau, Ems, Limburg, Braubach, Neuwied und Andernach) verkauft wurden.

Alle Meister arbeiteten in der eigenen Werkstatt, entweder allein oder mit einigen Gehilfen, meistens ihren Kindern. Die Arbeit ging teils auf eigene, teils auf Rechnung anderer Schuhmacher, die das zugeschnittene Material lieferten. Arbeitszeit war das ganze Jahr, bei Tag und Nacht und sehr oft auch an Sonn- und Feiertage.

Noch Ende des 18. Jahrhunderts werden die Schuhmachermeister als überwiegend arm beschrieben. Danach kam es – auch bedingt durch die anhaltenden Kriege und Militärdurchmärsche – zu einem Aufschwung des Gewerbes. Ende des 19. Jahrhunderts kündigte sich mit der fortschreitenden Industrialisierung der Abschwung an. Laut Steuerliste von 1898/99 war die Zahl der Schuhmacher stark gesunken, nur noch 9 werden genannt. Der Spitzname für die Stadtbewohner blieb. (Quelle: Montabaur Anno Dazumal, Herausgeber: Franz Josef Löwenguth)“
Quelle: Die offizielle Seite der Stadt Montabaur

Ich komme an der hellblau gestrichenen Ostkirche vorbei. Hellblau, wie außergewöhnlich! Die Rückseite der Kirche wird umringt von einer Grünanlage; von der umgrenzenden Mauer aus hat man einen Blick auf die umliegende Landschaft… und da! Da links ist das Schloss zu sehen. Kanarienvogelgelb leuchtet es zwischen den Bäumen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, da hinauf zu kommen…?

Die Häuser von Montabaur sind schön. Es ist nicht einfach nur schlichtes Fachwerk, es sind Ornamente, Muster, farbige Blumen. Ich setze mich auf eine Bank und esse meinen mitgebrachten Rhabarberkuchen, das Gurren der Tauben in den Ohren.
Dann schlendere ich weiter, folge den Schloss-Schildern, die mich hinauf in einen ruhigeren Teil der Altstadt führen. Hier ist es still und wie ausgestorben, mal fährt ein Auto vorbei, mal hängt jemand aus dem Fenster und bewundert das (fehlende) Treiben auf der Straße, doch größtenteils bin ich alleine mit der Altstadt und seiner Stille und die Sonne scheint mir auf den Kopf. Selbst die Kondensstreifen am Himmel mit ihren seltsamen Formen sehen heute wie die Zeichen einer Offenbarung aus.

Der Aufstieg dauert nicht lange (Montabaur an sich liegt schon auf einer Anhöhe). Vor den Schlossmauern – ein ausgebauter, großer Parkplatz. Ach, von dieser Seite aus hätte ich also hoch fahren können…

Eine steile Treppe führt an der Mauer entlang.

Und dann – husch! – bin ich innerhalb der Mauern. Jenseits davon erstreckt sich Montabaur mit der prägnant auffallenden blauen Kirche, an der ich vorhin vorbeigeschlichen bin und die jetzt so weit weg erscheint… Montabaur liegt sonnendurchflutet da, ein Genuss nach den langen, kalten Wintertagen. Eine Schar Tauben umkreist die Kirchturmspitzen. Das gelb der Schlossmauern strahlt regelrecht im Licht wie eine quitschegelbe Zitrone.

Das Schloss beherbergt nun ein Hotel, doch die Außenanlage ist für Besucher zugänglich. Ich schlüpfe durch die Öffnung in der Mauer; das runde, kalte Auge einer Kamera beobachtet mich dabei. Hier und da ist draußen ein Hotelangestellter zu sehen. Ich überlege mir schon mal, was ich dem antworten würde, hörte ich plötzlich ein unerwartetes kann ich Ihnen helfen? hinter meinem Rücken.
Ja, denke ich mir… also, ich wollte mir das Schloss ansehen – zumindest von außen – das habe ich hiermit getan… wenn ich dann auch noch den Innenhof betreten dürfte, wäre ich wunschlos glücklich.

Doch es achtet niemand auf mich.

Auf der Terrasse sitzen ein paar Männer in der Sonne – schwarze und graue Anzüge, gewichtige Mienen, gewichtige Blicke, fragend auf mich gerichtet. „Guten Tag!“ Sage ich strahlend und dripple einfach weiter, an ihnen vorbei.
(Das Schloss ist heute Sitz der Akademie Deutscher Genossenschaften, einer der größten und bedeutendsten Management-Akademien in Deutschland, lese ich später nach. Na das erklärt ja die wichtigen Mienen… 🙂 )

Zuerst überquere ich den Vorgarten; den Innenhof hebe ich mir für später auf. Im Inneren des Gartens liegt ein futuristisches Konferenzzentrum aus Glas, tief versenkt in den Schlossberg. Nur die Glaskuppel ragt elipsenförmig heraus.
Von der Rückseite des Schlosses aus kann man in der Ferne die Autobahn sehen. Ach ja… mein kleines, gelbes Kanarienvogelschloss, wie oft bin ich hier schon vorbeigefahren und habe dich hoch aufragend in dieser unverwechselbaren Farbe in der Ferne bewundert. Schon damals, 2013, als Stefan und ich uns kennenlernten und die Piratenparteitage in Bremen besuchten, da sah ich den Bau zum allerersten Mal. Begeistert klebte ich seitdem während jeder unserer Fahrt über die A3 mit der Nase an der Autoscheibe.
„Ich will das gelbe Schloss sehen…“
„Irgendwann will ich das gelbe Schloss besuchen.“
„Stefan, ich mag mir das gelbe Schloss…“
(Er hatte sich inzwischen Kopfhörer zugelegt… 🙂 )

Und hier bist du nun, mein Kanarienvogelgelber Bau, und strahlst mich an.

Der Innenhof ist sehr klein und von Handwerkerautos vollgestellt; der Turm des Schlosses wird gerade restauriert. Also drehe ich kurz den Kopf nach oben, schaue mich um und verschwinde dann wieder, vorbei an den geschäftig dasitzenden Herren, die enge Treppe hinunter verlasse ich die königlichen Gemäuer, lasse das erhabene Gefühl hinter mir und begebe mich hinunter in die Stadt, um mich wieder dem gemeinen Pöbel unterzumischen…

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