Sheldon Cooper und die winkende Katze

Mannheim, April 2017

Prüfend beäugt Stefan die seltsamen, runden Stücke auf seinem Tablett. Schaut sich verstohlen nach Messer und Gabel um.
Nimmt – mangels Alternativen – die Essstäbchen in die Hand. Beäugt weiter seinen Essensinhalt. Scheint, sich entschlossen zu haben – und ich tue so, als wäre ich sehr mit meinem eigenen Teller beschäftigt.
Irgendwann greift er so ein rundes Teil mit den Stäbchen auf.
„Die müssen mit einem Haps weg sein!“ Flüstere ich ihm zu.

Nur dass diesmal nicht ich gekocht habe – was das Misstrauen verständlich gemacht hätte – nein… wir essen zum ersten Mal Sushi.

Oder besser – Stefan isst zum ersten Mal Sushi. Ich bin seit langen großer Fan…

Mannheim, sechszehn Uhr am Samstagnachmittag, in meinem Lieblings-Sushiladen der Stadt. Besser gesagt – kurz davor.
„Ist es noch weit?“ Fragt mich Stefan. Gerade eben hat er einen unfreiwilligen Sprint hingelegt, auf meine verzweifelte Whats-App Nachricht hin: „Hol mich hier ab…!“
Ich hatte nämlich die glorreiche Idee, Samstags am späten Nachmittag in den Primark gehen zu wollen.

Als ich den Discounter betrat, schwankte mir schon Unheilvolles – Stefan ist in weiser Voraussicht einen Kaffee trinken gegangen.
Ich quetsche mich währenddessen zwischen einkaufswütigen Frauen hindurch – und langsam dämmert mir, dass das geschäftige Bazar-Feeling wohl nichts für mich ist. Meine Wochenend-Entspannung schwindet mit jeder Minute und der so entstandener leerer Raum füllt sich mit etwas anderen: dem Bedürfnis, um mich zu schlagen, um mir Raum und Luft zum Atmen zu verschaffen.

Nicht ganz zwanzig Minuten später stehe ich wieder draußen und blicke mich sehnsüchtig nach meinem Liebsten um. Neben mir steht ein Sicherheits-Mitarbeiter des Primark – mit einem ähnlich erschöpften Gesichtsausdruck raucht er seine Zigarette. „Es wird da drinnen immer voller.“ Sagt er in sein Funkgerät. Was, da drin kann es noch voller werden? Ich staune. Und beneide den Armen nicht um seinen Job.

Und wie ich da so draußen stehe und warte, denke ich mir, hm… jetzt irgend etwas vollkommen Relaxtes tun… und Hunger habe ich zudem auch.

So steuern wir nun zu zweit meinen Lieblings-Sushimann an: die Sushi-Bar Huang.
„Ist es noch weit?“ Fragt mich Stefan. Er späht schon sehnsüchtig in die Fenster der Restaurants.
„Wir sind gleich da.“ Verspreche ich ihm und hoffe inständig, dass es den Sushi-Imbiss noch gibt. Es ist schon Jahre her, dass ich hier war. Während Lokale, die all you can eat am Fließband anbieten, wie Pilze aus dem Boden schießen, ist dieser Ort wie eine Zuflucht vor der Geschäftigkeit des Tages.

Unvermittelt biege ich schaft rechts ab und ziehe ihn mit rein. Das Huang befindet sich in der Alten Markthalle in der Fressgasse. Einen großen Raum füllen Tische und Stühle aus, doch ich setze mich mit Stefan, wie früher immer, an den Tresen.

„Hallo! Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie?“ Fragte mich der alte Mann, der hinter dem Tresen stand, sobald er meiner ansichtig wurde. Jahre ist es nun her. Er und seine Frau betrieben das Huang und kannten ihre Pappenheimer.

Doch nun ist kein alter Mann mehr da.
„Haben Sie schon Tee bekommen?“ Fragt mich der junge Kellner.

Tee gibt es hier für jeden Gast umsonst. Er vermittelt ein heimeliges Gefühl und ist in der japanischen Kultur „ein Zeichen der Gastfreundlichkeit,“ ist auf der Karte zu lesen. Und auch jetzt wird uns sofort je eine dampfende Tasse hingestellt. Eine volle Kanne steht auf einem runden Tisch gleich in der Nähe der Bar und ist für die Gäste frei zugänglich.

Wir sitzen da, schlürfen Tee und versuchen, die Atmosphäre einzufangen. Ein junger Mann und eine ältere Frau sind hinter dem Tresen mit der Zubereitung des Essens beschäftigt. Über unseren Köpfen wippen weiße Lampions bei jeder Luftbewegung und spenden warmes Licht. Eine große, weiße Katze schaut uns mit erhobener rechten Pfote an (nein, nicht so erhoben – ihr kennt doch sicher diese japanischen, winkenden Glückskatzen? 🙂 )

Und als die kleinen, meisterlich zubereiteten Maki- und Surimistücke kommen, kläre ich Stefan zunächst einmal auf über die Eigenschaften von Wasabi & Co.
„Versuch, die Sushistücke sofort in den Mund zu kriegen.“ Sage ich und versuche anschließend, nicht hinzuschauen. Und Stefan versucht, die Maki nicht in die Sojasoße fallen zu lassen. Doch trotz seiner allerersten Handhabung der Stäbchen macht er sich überraschend gut.

„Ist denn der alte Mann nicht mehr da, der früher mal hier gearbeitet hat?“ Frage ich den Kellner, als er uns unsere Tabletts bringt.
„Nein…“ Er ist leicht irritiert. „Das Huang hat schon vor drei Jahren den Besitzer gewechselt.“
Oh. Kein alter Mann mehr. „Ich war schon lange nicht mehr hier…“ Sage ich.

Vielleicht wird mich ja der Kellner irgendwann mal fragen, wie es meiner Familie geht…?

Nach dem Sushi gönnen wir uns eine japanische Nachspeise; die Sakura Mochi, eine Reiskugel mit Bohnenfüllung. Was sich für unsere europäischen Ohren zunächst einmal etwas seltsam und so gar nicht nach Dessert anhört, ist im Geschmack einfach köstlich und mein Lieblingssnack nach dem Sushi. Bein Reinbeißen außen etwas zäh, ist es innendrin süß und sättigend. Mit kaltem Litschi-Saft runtergespült die perfekte Mischung.

Sakura Mochi – Reiskugel mit Bohnenfüllung

Während wir so essen, stupse ich Stefan an.
„Hey…“
„Was ist?“
„Schau mal unauffällig nach links hinter dich; das Pärchen da am Tisch… der Typ sieht aus wie Sheldon!“
Er dreht den Kopf, schaut kurz, grinst.
„Eins zu eins, oder?“

Für alle, die Big Bang Theory nicht kennen – Sheldon Cooper ist einer von vier Freunden einer US-Amerikanischen Comedyserie, die in einer WG zusammen wohnen. Alle sind sie Nerds – seltsame Einzelgänger mit genialem Verstand, die auf Comics, Superhelden und Star Wars stehen. Sheldon, der vielleicht seltsamste von ihnen – ein Wissenschaftler mit hohem IQ, ebensolchem Selbstbewusstsein, doch unempfänglich für jegliche soziale Empathie, ist sozusagen die gute Seele der Show.

Und ebendieser Sheldon – oder zumindest ein Ebenbild von ihm, denn was sollte Sheldon Cooper denn schon in Mannheim in einem Sushi-Imbiss machen – sitzt jetzt schräg links hinter uns.
„Ich würde gern ein Foto machen.“ Sagt Stefan. „Doch das macht sich komisch, wenn ich anfange, den Mann zu fotografieren…“
„Schon geschehen!“ Ich grinse listig, habe ich mich doch schon um eine Aufnahme gekümmert, während Stefan kurz weg war.

Ja, ja, da sitzt er, als wäre nichts geschehen, einem reizenden brünetten Mädchen gegenüber und gleicht dem Helden meiner Lieblingsserie wie ein Ei dem anderen… Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hätte ich nach einem gemeinsamen Foto fragen sollen…

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von „windrose.rocks“ :-)
Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja… auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern…

„Ich mag an dir dieses… rastlose Umherschwirren“ (Zitat von Stefan)

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