Oberes Mittelrheintal – Motorradtour nach Bingen a.Rh.

Oberes Mittelrheintal – Motorradtour nach Bingen a.Rh.

Oberes Mittelrheintal, April 2017

Lieber Biker: Wenn Du eine kurvige Strecke suchst, schön schattig mit einem rauschenden Bächlein nebenan, auf der Du Dich mit vollem Körpereinsatz in die Kurven schmeißen kannst – das ist die Strecke für Dich. Hohe Bäume, tolle Kurven, lebensmüde Fahrer, die uns in engen Kurven überholen. Hier und da glitzert eine Forellenzucht in der Sonne. Die Bäume werfen Schatten auf die Fahrbahn, so dass sie stellenweise wie ein ewig währender Zebrastreifen wirkt. 

Heute Mittag hole ich endlich wieder meinen Hexenbesen aus seiner Kammer, um damit ordentlich die Straßen durchzufegen – Maja hat ihre erste Ausfahrt! 🙂

Das Wetter ist sagenhaft. Wir öffnen die Garage; langsam schiebe ich mein Gefährt rückwärts auf den Hof. Der Motor springt nach der Winterpause ohne weiteres an; die Hornet steht da und brummt zufrieden vor sich hin, eine feine Staubschicht auf ihrem Tank. Na, der wird gleich weggeblasen während der Fahrt über die Autobahn…

Tanken, Luftdruck prüfen. Die ersten Kilometer im Gewühl der Stadt fühlen sich etwas steif, ungelenk an. Ich saß spürbar lange nicht mehr drauf und letztes Jahr bin ich nur wenig gefahren. Ja, an das vertraute und doch neue Gefühl muss ich mich wieder gewöhnen.

Wir nehmen die B9 Richtung Mainz. Viele neue Sportwagen und ältere Cabrio ziehen vor uns mit offenem Verdeck die Straßen entlang, das Jahr über in der Garage gehegt und gepflegt und auf Hochglanz poliert – eigens für diesen Augenblick. Die Fahrer haben Wind im Haar. Ein älteres Model, in einem hellen Braunton und einem Minions-Sitzbezug auf dem Beifahrersitz kann es kaum erwarten und überholt ein ums andere Mal die gemütlicheren Zeitgenossen. Alles blüht um die Wette – als wir bei Wiesbaden runter und durch das Rheingau fahren, sehen die weißen Obstbäume aus wie mit Zuckerwatte beklebt. Ja, so ein weißes Cabriolet, das an den Ästen eines weiß blühenden Baumes vorbeifährt, hat schon was für sich; denke ich mir. Ein schönes Bild.

Stefan wird übermütig; freudig überholt er alle, die ihm in den Weg kommen und überzieht die erlaubte Geschwindigkeit um einiges. Irgendwann denke ich mir; fahr mit Gott…. und lasse mich zurückfallen. Nach einigen hundert Metern sehe ich ihn, irgendwo weit vorne, irritiert in die Seitenspiegel schauen.

In Kiedrich machen wir den ersten Halt. Schon seit ein paar Kilometern habe ich den Wunsch, kurz die Beine auszustrecken. „Da geht es weiter durch die Berge.“ Sagt Stefan. Anspruchsvolle Strecke; ich habe verstanden.

Wir nehmen den Weg durch das Fischbachtal.

Lieber Biker: Wenn Du eine kurvige Strecke suchst, schön schattig mit einem rauschenden Bächlein nebenan, auf der Du Dich mit vollem Körpereinsatz in die Kurven schmeißen kannst – das ist die Strecke für Dich. Hohe Bäume, tolle Kurven, lebensmüde Fahrer, die uns in engen Kurven überholen. Hier und da glitzert eine Forellenzucht in der Sonne. Die Bäume werfen Schatten auf die Fahrbahn, so dass sie stellenweise wie ein ewig währender Zebrastreifen wirkt.

Irgendwo in der Mitte der Strecke wird der Fahrbahnbelag richtig schlecht. Ich versuche, den zerklüfteten Stellen auszuweichen und gleichzeitig mit Stefan Schritt zu halten, der überraschenderweise Flügel zu bekommen schien. (Bin ich echt schon so lange nicht mehr gefahren?) Dann noch die Warnung der entgegenkommenden Biker – macht langsam. Irgendwo da vorne muss also eine Kontrolle sein. Stefan verschwindet hinter der übernächsten Kurve und somit fast aus meinem Sichtfeld. Hat er es gesehen?

Wir passieren einen Bikertreff – die Maschinen stapeln sich auf dem Parkplatz vor sich hin. Sehnsüchtig lasse ich meine Blicke wandern – doch wir halten nicht.

Dafür halten wir eine Station weiter, an der Wirtschaft Laufenmühle.

„Hast du gesehen? Da vorne war ein Bikertreff!“ Sage ich zu Stefan, als wir die Helme abgenommen haben.
„Ich weiß, aber ich wollte hierhin, hier ist es nicht so voll.“ Öh…

Dennoch ist es eine schöne Stelle, um anzuhalten. Es rauschen die Bäume, die sich langsam in Blätter kleiden; es rauschen die Motoren, die aus dem Winterschlaf erwacht sind und über der Wirtschaft thront eine kleine Burg. Wie es sich für eine schöne, malerische Strecke gehört. Wir setzen uns auf die Terrasse. Meine Zellen speichern die Sonne wie Kraftwerke, denn sie wissen nicht, wann sie das segnende Licht das nächste Mal wieder empfangen dürfen. Jedes laute Grollen lässt unsere Köpfe hochschrecken und unsere Augen suchend die Straße und den Parkplatz durchforsten. Welches Fabrikat passiert denn nun die Straße?

Aus dem Fischbachtal raus nehmen wir bei Lorch die Fähre; diese bringt uns auf die andere Seite des Rheins, von wo aus es nur noch zehn Kilometer bis nach Bingen sind.
Und vor uns eröffnet sich das UNESCO-Welterbe: Das Obere Mittelrheintal.

Weitläufige, hellgrüne Hügel, strukturiert wirkende Weinterrassen; Kreuzfahrtschiffe und Fähren, Cabriofahrer und unzählige Motorräder. Die blauen Wasser des Rheins und Burgen – hinter fast jeder Biegung, die wir passieren. Schön ist es hier.
Doch irgendwie fehlen mir die Blüten. Unwillkürlich muss ich daran denken, dass im Moseltal, wo ich erst letzte Woche unterwegs war, jetzt alles blüht; sich ein Obstgarten an den anderen reiht. Das ist hier nicht der Fall.

In Bingen ist heute verkaufsoffener Sonntag. Schichtenweise schieben sich die Menschen durch die Fußgängerzone. Wir stellen die Motorräder ab auf einem Parkplatz am Rhein und schieben uns mit ihnen mit.

„Brauchst du einen ausgestopften Hasen?“ Frage ich Stefan. Links und rechts haben die Geschäfte geöffnet und fliegende Händler bieten ihre Ware auf dem Gehweg feil. Zu meiner Rechten scheint eine Frau ihren gesamten Dachboden ausgemistet zu haben; lauter alte antike Gegenstände zieren den Beton, darunter auch das graubraune, nicht mehr lebende Hoppelhäschen, das mich mit seinem runden, fragenden Auge anschaut.
„…das System ist drücken und drehen. Drücken und drehen…“ Ich drehe mich um. Kennt Ihr diese dünnen Luftballons, aus denen man Tiere basteln kann? Ja, genau.

Wir setzen uns an einen Brunnen inmitten eines kleinen Platzes. Sonne, Eis… ja, ein Eis wäre jetzt toll. Das denkt sich wohl auch Stefan, denn er steuert zielsicher das Ende einer ewig langen Schlange vor der Eisdiele an.

Am schönsten ist Bingen wohl an der Hindenburganlage. Die Binger Gärten befinden sich dort und wir haben einen fantastischen Blick über den Rhein und zum Niederwalddenkmal auf der Rüdesheimer Seite. Da, auf einer kleinen Insel, weit weg und ätherisch zur sich neigenden Sonne hin, da ist der Mäuseturm von Bingen. Und rechts daneben, am anderen Rheinufer, erhebt sich eine Burg. Blühende Bäume säumen die Promenade. Wir sichern uns zwei Stühle zum Wasser hin. Und als nächstes habe ich eine sagenhaften Blick auf meine Motorradstiefel; ich strecke die Füße aus und lehne sie ans Geländer.
„Ein schöner Tag heute.“ Sagt Stefan verträumt vor sich hin und ich denke darüber nach, wie es sein kann, dass man im hellen Tageslicht in seinen katzengrünen Augen das Schwarz der Pupillen gar nicht sieht.

Über die A61 fahren wir zurück in Richtung Ludwigshafen. In Mannheim lassen wir den Tag ausklingen bei einem Cappuccino beim Route 66 – dort heißt es sehen und gesehen werden.
An Stefan vorbei schaue ich zu meiner Maschine, die da so stolz zwischen all den anderen steht und denke mir: Du bist das Schönste, das ich je auf Deutschlands Straßen gesehen habe. Die Front, der Tank, die Seitenansicht… formvollendet.
Stefan dreht sich um, schaut mich dann an und grinst; weiß genau, was ich denke.

Und nachdem wir ausgiebig über das Design der daneben stehenden BMW Gs diskutiert hatten, steuern wir die Garage an und bringen unsere Feuerstühle in ihren wohlverdienten Schlaf.

Flieder? Warum blüht denn jetzt schon der Flieder? Der Duft im Halbdunkel des warmen Abends ist überwältigend, steigt mir zu Kopf. Die lila Fliederdolden sind erst halb geöffnet und doch fühlt man sich wie berauscht.

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