Die Welt sehen – was bedeutet es?

Wunderschöne Landschaften, sanfter Sonnenschein, drei Gestalten wandeln in flatternden, orangenen Gewändern über die Teeplantagen. Wo könnte es sein? Indien? Sri Lanka? Die blonde Frau mit den teegrünen Augen (da hat wohl die Filmbearbeitung nachgeholfen) hält ihre Teetasse in der Hand, in der das Kräutergetränk die perfekte Färbung aufweist.
„Und welcher ist dein Lieblingstee?“ o. ä. Genuss im Einklang mit der Natur, ein Erzeugnis, das die Landschaft und die Kultur der Menschen respektiert. Das ist das Image, welches ein Produkt verkörpern will, das ist das Bild, welches wir, Menschen aus dem Westen, uns von den entlegensten Regionen der Welt machen. Braune Menschen mit großen, dunklen Augen und farbenfrohen Gewändern, die nichts besseres zu tun haben als uns den ganzen Tag lang anzulächeln und für unsere Bilder und unsere Vorstellungen zu posieren.

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Die Parodie auf den Touristen, entdeckt in Venedig

Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase fassen. Die Armut in der Welt ist mir bewusst. Das, was für uns „urig“ und „Folklore“ bedeutet und „erhaltenswert“ ist (beispielsweise gibt es Menschen im tiefsten Russland an der Grenze zur Mongolei, die immer noch in den Wäldern ohne Strom und fließend Wasser leben – aus der Tradition heraus, nicht etwa, weil sie es müssten. Oder die Toddy-Pflücker in Indien – der Beruf ist am Aussterben, da zu unattraktiv für junge Menschen… solche Beispiele gibt es viele), bedeutet für die Einheimischen in dem Moment nur Rückschritt. Unser Gejammer, wir würden Orte, an die wir kommen mit unserem Geld, mit unserer Gier nach dem Neuen und Unberührten, verändern. Doch gibt der Tourismus als Wirtschaftszweig den Menschen nicht eine gewisse Chance? (Vorausgesetzt die Tourismusbranche lässt sich nicht, wie es so oft der Fall ist, in Form von Konzernen und All-Inclusive-Anlagen nieder)
Doch eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus. Die Menschen auf den Teeplantagen mit den flatternden Kleidern (alvernativ auf den Reisfeldern mit den Kegelhütten; die Folklore-Klischees, ihr wisst schon, was ich meine): ist es nicht das, was wir sehen wollen? Aber sicher doch!
Und meinen die meisten von uns, wenn sie sagen, sie wollen die Welt sehen, nicht genau das? Wollen sie wirklich die lärmende Baustelle in einer ansonsten malerischen Stadt? Wäre Indien nicht ansehnlicher ohne die Menschen, die in Armut leben und uns ihre Armut unter die Nase reiben und unser Gewissen bis zum Äußersten strapazieren? Wünscht sich mancher nicht das Fahrrad in China zurück statt der ewig lärmenden Motoroller?

Doch das ist die Welt. Was für uns Schlichtheit und ein simples Leben bedeutet, ist für die Menschen harte Arbeit. Oder Schicksal. Was wir als malerisch empfinden, ist oft aus einer Notwendigheit heraus entstanden. Man kann nicht erwarten, dass alles so bleibt wie es ist. Die Cola-Dose erreicht die hintersten Teile Afrikas.

Ja, ich erwische mich dabei, dass ich oft an den hässlichen Dingen vorbei fotografiere. Meine Bilder sind oft sehr idyllisch, das erwächst aus einem starken Bedürfnis nach Schönheit heraus.
Und hier wären wir wieder bei der eigenen Nase und bei den Menschen in den bunten Kleidern.
An alle, die sich angegriffen fühlen: Es ist kein Rundumschlag gegen die Welt, es ist ein Hinterfragen, vor allem an mich selbst: Wenn ich sage, ich will die Welt sehen, WAS genau will ich dann sehen? Wenn ich sage, ich will die Welt sehen: Bin ich dann bereit, die Welt zu sehen, wie sie ist? Wie viele von uns wollten zeitweise nicht in die Regionen Griechenlands, wo Flüchtlinge strandeten; solche Bilder und Eindrücke passen nicht mit unserem Wunsch nach Urlaub und Erholung zusammen.

Ja, man sollte reisen. Ja, es verändert einen. Die Welt ist nicht zwangsläufig immer so, wie man sie bisher kannte, nur weil man sie so kannte. Wir haben beinahe uneingeschränkte Möglichkeiten, um uns alle unsere Wünsche und Träume zu erfüllen, etwas, was viele nicht haben. In vielen Staaten ist es nicht so einfach, ein Visum zu bekommen und durch die Gegend zu ziehen. Dieses Glück haben wir. Ich gebe mir noch zehn Jahre: Dann ist meine Weltreise dran. Auch wenn, oder gerade weil ich Dinge sehen werde, die mich noch mehr zum Nachdenken bringen werden. Die mich verstören werden.

Ein Satz aus einem anderen Blog (flocblog) ist mir noch stark im Gedächnis geblieben:

„Wir alle, die diesen Text lesen können, haben die Geburtslotterie gewonnen zusammen mit etwa 1 Milliarde anderer Menschen. Das heißt wir müssen Zeit unseres Lebens nicht mit Hunden um Essensreste kämpfen. Je mehr wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir unseren Status selbst verdient haben, desto eher können wir Mitleid zeigen mit den restlichen 6 Milliarden, die weniger Glück hatten.“

Wer also eine gute Bildung genossen hatte, wer Hunger nur im Sinne vom „Appetit“ kennt, wessen Existenzängste darin bestehen, ob er sich ein Auto leisten kann oder nicht, wer gar die Möglichkeit hatte, zu studieren… der sollte einfach nur Danke sagen. Mehr nicht.

Was sagst Du dazu? Ich lade Dich gerne zum Diskutieren ein; Was möchtest Du in der Welt sehen? Wie siehst Du die Veränderungen, die Reisende/Touristen mit sich bringen? Ich freue mich auf Kommentare! 🙂

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von „windrose.rocks“ :-)
Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja… auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern…

„Ich mag an dir dieses… rastlose Umherschwirren“ (Zitat von Stefan)

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