Pamukkale: Hierapolis und die Kalksinterterrassen

Pamukkale: Hierapolis und die Kalksinterterrassen

Türkei, Mai 2014

So sitzen wir wieder einmal im Reisebus und ich bin abwechselnd damit beschäftigt, die geniale Aussicht zu bewundern und Nina zu trösten, die bei Busfahrten regelmäßig von Übelkeitsanfällen heimgesucht wird. Und der Busfahrer hat einen ordentlichen Zacken drauf, der Abgrund rückt mal näher an uns heran, mal wieder etwas weiter von uns weg.

Wir fahren durch eine sagenhafte, bergige Landschaft, die ich so in der Türkei gar nicht vermutet hätte. Die abenteuerlichsten Felsformationen ziehen an uns vorbei, Wälder, unterbrochen von Tälern, und am Fuße der Berge liegen malerische Ortschaften eingebettet. In jedem dieser Orte thronen mindestens drei, wenn nicht mehr Moscheen, sofort zu erkennen an ihren charakteristischen in den Himmel ragenden Minaretten.

Zu diesen Moscheen erzählt uns unsere englischsprachige Reiseleiterin folgende Geschichte: Als in der Vergangenheit viele der Türken mit ihren Familien auswanderten und im Ausland ihr Glück fanden, wollten sie nach ihrer Rückkehr ihrem Geburtsort etwas davon zurückgeben – und auch etwas für ihr Seelenheil tun – so bauten sie Gotteshäuser, um auf ewig Allah zu preisen und nebenbei ins Paradies zu kommen (geschäftstüchtig, diese Türken 😉 ). Größere und kleinere Moscheen schossen vielerorts wie Pilze aus den Boden, so dass sich jeder auch noch so kleiner Ort mindestens zwei oder drei solcher Bauwerke rühmen konnte.

Doch viele dieser Moscheen seien gar nicht im Betrieb. Wie das denn gehe, möge man sich fragen, wo sie doch so fleißig erbaut worden sind? Die Antwort ist einfach: Es sind zu viele und vielerorts fehlt es schlichtweg an Personal, um sie zu betreiben. Die Iman werden vom Staat bezahlt und da erklärt sich die Problematik fast schon von alleine…

Neugierig und mit Hintergrundwissen vollgetankt pressen wir uns die Nasen an der Scheibe platt und bewundern die schönen, runden Dächer und Minarette; viele der Moscheen können nach Berücksichtigung entsprechender Bekleidungsregeln auch von Nichtmuslimen besichtigt werden.

Die Anfahrt dauert alles in allem drei Stunden. Bereits früh morgens geht es los. Nach ca. einer Stunde Fahrt halten wir an einer größeren Raststätte; Frühstücks- und Pipi-Pause. Das Frühstück war im Preis inbegriffen (wenn ich das bedenke, dann ist das Angebot spottbillig gewesen). Wir sind noch schlaftrunken, Nina und ich, doch nach dem Essen und dem heißen, starken Kaffee geht es uns besser und wir werden wieder munter. Eines muss man ihnen lassen: vom Kaffee verstehen die Türken wirklich etwas. Selten habe ich so einen guten getrunken, schon gar nicht in Deutschland: stark, schmackhaft, gehaltvoll. Einen ähnlich guten Kaffee gab es zuletzt in Italien, doch da schmeckte er auch wieder ein bisschen anders.

Wir sammeln uns und fahren weiter. Zwischendurch halten wir irgendwann oben in den Bergen an einem kleinen Parkplatz. Ein einsamer Stand steht am Straßenrand aufgebaut; der alte Mann verkauft allerlei Souvenirs, die traditionell türkisch anmuten und nur ein paar Euro kosten. Kleinigkeiten aus Blech und Porzellan, doch sehr schön gearbeitet und hübsch anzusehen. Ich erstehe eine kleine, rot bemalte Schale für vier Euro – handmade Göngör Cini steht am Boden der Schale geschrieben.

Unsere Truppe ist fast ausschließlich russisch – es gibt sage und schreibe ganze fünf englischsprachige Teilnehmer und Nina und ich stellen schon mal zwei davon. So versammeln wir uns im hinteren Teil des Busses und überlassen den Russen das Feld. Die Reiseleiterin gibt uns die ersten Infos zu den berühmten Kalksinterterrassen und währenddessen stelle ich verwundert fest, dass ich, obwohl slawischer Abstammung, mit dem Russisch, das da gesprochen wird, so gar nichts anfangen kann – überraschenderweise ist mir das Englische viel näher.

Pamukkale ist auf der Welt einzigartig. Nachdem all die Hotels, die ihre Abwässer über die schneeweißen Terrassen geleitet hatten (die danach nicht mehr schneeweiß waren, sondern vielmehr zu Schnee von gestern zu werden drohten) und die Schuhe der Touristen ihr Übriges taten, um das Zerstörungswerk zu vollenden, sah es eine Zeitlang so aus, als wäre das Naturwunder dem Untergang geweiht und die UNESCO drohte damit, dem Ort den Titel als Welterbe zu entziehen. Doch die Regierung bekam gerade so noch die Kurve: Die Hotels wurden nach und nach außer Betrieb gesetzt und abgerissen, die Vorschriften für die Besichtigung der heißen Quellen verschärft. So ist beispielsweise das Betreten mit Schuhen untersagt; auch sind es nur bestimmte Bereiche, die man betreten darf. Natürlich ist das ehemalig strahlende Weiß noch nicht ganz wiederhergestellt; etwas in Jahrtausenden entstandenes braucht eben seine Zeit, doch man ist auf einem guten Wege dorthin.

Doch zunächst steht noch ein anderer, ein kommerzieller Stopp auf dem Programm – die Onyx-Fabrik. Und die schauen wir uns jetzt an. Das war wieder so eine Kleinigkeit, die man beim Veranstalter „vergessen“ hatte, uns zu sagen. Der Zwischenstopp nimmt alles in allem eine gute Stunde in Anspruch, die man auch an den Kalksinterterrassen hätte verbringen können. Was solls, denke ich mir, die Menschen hier wollen auch von etwas leben. Wir werden herumgeführt und bekommen Infos zur Gewinnung und Verarbeitung des edlen Gesteins. Eine kleine Kostprobe im Schleifen inklusive. Der Mann an der Schleifmaschine macht einen schweigsamen bis leicht genervten Eindruck. Die wievielte Touri-Gruppe sind wir wohl schon heute?

Am Ende des Vortrags schwärmen alle in die Verkaufsräume aus. Nina und ich zunächst auch. Es gibt alles, was sich so aus Onyx machen lässt: Schmuck, Aschenbecher, Brettspiele… Leicht desinteressiert laufe ich durch die Ausstellungsräume. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte das hier vielleicht sogar Spaß gemacht, aber so, mal ehrlich… (wie schon erwähnt, eine zusätzliche Stunde in Pamukkale…)

Nach kurzer Zeit wird es mir zu eng in den Räumen, ich gehe raus, mache ein paar Fotos. Es tut gut für einen Moment alleine, fernab der Gruppe zu sein. Draußen vor dem Bus erblicke ich Nina; sie schaut sich suchend um. Ich weiß, dass sie mich sucht; ihr Gesicht erstrahlt, als sie mich entdeckt.

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Nach einer waghalsigen Fahrt an einer vielfältigen Landschaft vorbei kommen wir an einem Plateau an, welches eine hervorragende Aussicht bietet – die trockene, karge Ebene erstreckt sich vor uns bis zum Horizont. Die Anlage ist sehr hübsch gemacht, mit viel Grün, Blumen und so weiter. An Schranken vorbei betreten wir das Gelände.

Die Reiseleiterin nennt uns noch kurz den Zeitpunkt, zu dem wir uns wieder am Bus einfinden sollen (zwei Stunden zu unserer Verfügung), dann werden wir allesamt in die Freiheit entlassen. Wir folgen all den anderen Touristengruppen und kommen so an einem großen Platz an, in dessen Mitte ein meterhoher, bunter Hahn steht. Ein Hahn? Wieso denn ein Hahn? Ich beobachte, wie ein kleines, blondes Mädchen im rosa Hut und Kleidchen für die Fotos ihrer Mama posiert.

Es ist heiß, sehr heiß. Wir stampfen den Weg nach oben zum antiken griechischen Hierapolis-Theater. Schweiß rinnt uns die Gesichter hinunter. Hier und da liegen große Gesteinsbrocken verstreut, Bruchstücke von Säulen, teilweise noch stehend, teilweiser auch schon eingestürzt und vom Gras überwuchert, und überall um uns herum wächst roter Mohn. Es sind Grabstätten und Totenhäuser hier um uns herum; tatsächlich beherbergt der Ort über 1200 Gräber.

Da sich meine Bräunungsmethode (die weitestgehend darin bestand, die Sonnencreme zu „vergessen“), nun, als, hm na ja… allzu effizient erwiesen hatte, laufe ich heute in langen Jeans herum. Doch ich muss sagen, es ist so nicht heißer als ohne; ab einem bestimmten Temperaturlevel wirkt eine zusätzliche Schicht Kleidung wie eine kühlende Isolierung, die die grillenden Sonnenstrahlen von der Haut fernhält.

Man sieht hier und da kleine, verstreute Besuchergrüppchen stehen. Wir laufen an zwei Mädels in String-Bikinis vorbei; dann passiert uns wiederum ein traditionell gekleidetes, türkisches Paar. Hier treffen Welten aufeinander und ich schaue den beiden Mädels nur verständnislos hinterher.

Der schweißtreibender Weg hoch zum Theater lohnte sich – der Ausblick um uns herum ist gigantisch.

Das ehemals griechische Theater der Stadt Hierapolis (griech. die heilige Stadt) sowie die ausgedehnten, teilweise unterirdisch verlaufenden Grabanlagen wurden rund um die heißen Naturquellen der Kalksteinterrassen herum gebaut, deren Wasser zur Bearbeitung von Wolle genutzt wurde. Auf dem Wollhandel basierte der Reichtum der antiken Stadt, daher auch der Name: Pamukkale, was auf türkisch laut Wikipedia so viel wie Baumwoll- oder Watteburg bedeutet.

Menschen kommen, machen Bilder und gehen wieder, Nina und ich setzen uns auf die steinernen Stufen und schauen hinunter. Wir sind nicht den ganzen anstrengenden Weg hier hochgekraxelt, um gleich wieder zu verschwinden. Gerne hätte ich mir die gesamte Anlage inklusive unterirdischer Grabstätten ausgiebig angeschaut, doch wie gesagt, zwei Stunden… und wir wollen noch im Wunderwasser der heißen Quellen plantschen.

Zunächst bewundern wir die schneeweißen Landschaften aus der Ferne, laufen die eigens aufgebauten Holzstege entlang, die dazu da sind, damit man nicht auf den Kalkflächen herumtrampelt. Nahe der heißen Quellen gibt es Umkleidekabinen mit Toiletten – und da kam dann unser Bikini zum Einsatz.

Ich weiß, ich sah katastrophal aus. Ich hatte ja im Vorfeld etwas vom „Bräunen“ erwähnt. Das äußerte sich in tiefroten, verbrannten Oberschenkeln, deren Farbtonation bereits fast schon ins Lila wechselte. Ich lerne es aber auch nie; das letzte Mal, dass ich mich so verbrannte, war auf Mallorca 2009.

Nun, ich muss sagen: es fühlt sich nicht so schlimm an wie es aussieht, und so hüpfen wir gutgelaunt in den natürlichen, helltürkisblauen Swimmingpool.

Pamukkale ist, wie fast alle Attraktionen dieser Art, tagsüber ziemlich überlaufen; sicher würde es sich lohnen, abends mit einem Mietwagen herzukommen, um die heißen Quellen für sich alleine zu haben – ganz ohne Zeitdruck. So hatten wir hier einen Arm, da einen Fuß neben uns; es war voll. Nichtsdestotrotz war es beeindruckend; vom Rand des natürlichen Beckens ab fiel die Felswand steil nach unten ab und es bot sich eine Aussicht auf den darunter liegenden See und die weite Ebene. Ich war stolz darauf, ein solches Naturwunder gesehen zu haben und davon später erzählen zu können; Touristen hin oder her, es war eine herrlich entspannte Zeit.

Als wir am Abend vorher die Promenade von Marmaris entlang flanierten, da begegnete uns wieder einmal diese nette, türkische Dame aus dem Hotel, die uns am Tag unserer Ankunft voller guter Laune prophezeihte, wir würden ja doch hier bleiben… Nina blieb stehen und die beiden unterhielten sich. Als die Frau erfuhr, dass wir nach Pamukkale wollen, lachte sie laut auf und fragte: Wie schön wollt ihr denn noch werden? So erfuhren wir, dass dem Wasser schönheitsfördernde Eigenschaften nachgesprochen werden. Und wahrscheinlich macht es auch Lahme wieder laufend und Blinde wieder sehend, denke ich mir grinsend, als ich jetzt noch ein bisschen tiefer in dieses herrliche, 35 Grad heiße Wasser eintauche.

Auf den Holzstegen stehen unzählige Paar Schuhe herum. Es wird penibel darauf geachtet, dass ja jeder sein Schuhwerk auszieht. Füße, Füße, den ganzen Tag Füße; und sobald ein Paar dieser Füße beschuht sind, ertönt sogleich der schrille, mahnende Ton der Trillerpfeife. Ich glaube, die Wächter träumen nach so einem Arbeitstag selbst nachts noch von Füßen…

Viel zu schnell geht die Stunde vorüber, viel zu schnell nähert sich der Zeitpunkt der Abfahrt. Doch wer glaubt, man würde uns auf direktem Wege nach Marmaris befördern, irrt; nach ca. einer Stunde Fahrt halten wir vor einer „Textil-Manufaktur“. Dann werden wir alle aus dem Bus gebeten und das Gefährt listigerweise „aus Sicherheitsgründen“ abgeschlossen. So tappen wir mangels Alternativen in die riesige Verkaufshalle hinein. Es gibt hier alles, von Bekleidung über Bettwäsche bis hin zu Vorhängen, doch zu Preisen, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Ziemlich schnell verlassen Nina und ich die Halle und warten draußen auf die Weiterfahrt. Der Himmel über uns hatte sich zugezogen; bedrohlich aussehende, schwarze Wolken türmen sich am Horizont auf. Es fängt an zu regnen. Ich wünschte, ich hätte Zigarillos dabei.

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