Der Mann mit dem Messer

Der Mann mit dem Messer

Bonaire, September 2016

Da stand er da mit seinem Militärhemd in Tarnmuster, neben dem etwas abgewrackt aussehenden Pick-up mit Rostbeulen und  schief hängendem Nummernschild. Und nachdem ich den geschmeichelt lächelnden Wachmann fotografiert und mich bedankt hatte, gehe ich schnurstracks auf den „Messermann“ zu. 

Auf der Ladefläche seines Pick-up hat er Honigmelonen, die er mit dem Messer halbiert und eine Art Drink zum Mitnehmen daraus mischt.

Ich hebe schon meine Kamera, doch da sieht er mich, also, shit happens, bin ich hin und habe, brav wie es sich gehört, nach einem Foto gefragt. „Ja klar.“ Sagt er und fängt an, auf seiner Ladefläche zu kramen. Dann dreht er sich wieder mir zu und hebt beide Hände nach oben – in der einen hält eine Honigmelone, in der anderen das Hackebeil-Messer. Für das ernste, dunkle Gesicht, das er zur Schau trägt, hat der Mann anscheinend Humor.

Woher ich komme, will er dann wissen. Germany.

„Beautiful.“ Fängt er an zu meditieren. „Beautiful eyes, beautiful hair…“ Ich hebe den Daumen nach oben in Anbetracht dessen, was sonst noch alles an mir so beautiful sein soll und sehe zu, dass ich weiter laufe. Du kennst meinen Charakter nicht, denke ich grinsend, der ist so schwarz wie die Hölle, frag Stefan!

Apropos Stefan, die verabredete Stunde war schon seit einer halben Stunde rum, doch gesehen hatte ich ihn nicht. Na, vielleicht sitzt er noch in irgend einem Cafe und ist bei seinem Bier versackt…

Ich schlendere die Einkaufsmeile entlang, gehe in ein Schuhgeschäft rein, kaufe Wasserschuhe. Schlendere weiter. Komme zum Hafen, am Markt vorbei, sehe dort keinen Stefan. Laufe wieder zurück zur Bank, vielleicht sitzt er inzwischen dort neben dem fröhlichen Wachmann und den rüstigen Senioren.

Doch auch da ward kein Stefan gesichtet. Ich drehe also noch eine Runde. Die Schuhe fangen bei der Hitze langsam zu drücken an. Ich klappere ein paar Geschäfte ab, auf der Suche nach wasserfesten Schutzhüllen fürs Handy. Zum Schnorcheln. Doch ich werde nicht fündig. Und zu weit entfernen will ich mich auch nicht, vielleicht taucht er ja inzwischen noch auf. An der Bank.

Doch auch als ich nach meiner zweiten Erkundungstour dort wieder nachschaue, sind auch diesmal bloß die Senioren und der Wachmann zu sehen. Inzwischen sind zwei Stunden vergangen.

Okay, Stefan: Das ist zwar schön, dass du mir so viel Freiraum gönnst, aber inzwischen habe ich Durst, kein Bargeld in Form von US-Dollar dabei, um mir was zu trinken zu kaufen und die Sonne brennt, sprich; Du könntest so langsam auftauchen!

Also setze ich mich wieder unter die Akazie zu den Senioren und scanne immerzu die Straße in beide Richtungen ab. Und diesmal brauche ich auch gar nicht so zu tun, als warte ich auf jemanden, diesmal warte ich tatsächlich…

Ich ziehe die Schuhe aus, sitze mit gekreuzten Beinen da. Rauche noch eine Zigarre. Setze mich anders herum hin. Ist bequemer.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich am anderen Ende der Straße zwischen all den Köpfen ein gestreiftes Hemd aufblitzen. Ja, das ist es; das ist das Hemd, welches ich selbst gebügelt habe. Das ist Stefan.

Aber halt… warum…

Er bleibt stehen, schaut die Straße runter, sieht mich anscheinend nicht, dreht um und läuft wieder weg. Neee… oder?

Ich überlege kurz, dann schnappe ich mir die Schuhe in die eine, die Handtasche in die andere Hand und renne barfuß los. Zum Schuhe anziehen bleibt mir keine Zeit, ich sehe das gestreifte Hemd gerade noch um die Ecke biegen. Nur gut, dass Stefans Gang eher ein Schlendern ist; doch als ich ihn erreiche, habe ich große Lust, ihn abwechselnd mit meinen Schuhen und meiner Handtasche zu verprügeln.

Er schaut mich vorwurfsvoll an und bevor ich noch etwas sagen kann, meint er: „Ich habe eine ganze Stunde gewartet.“

Mir rasselt die Kinnlade herunter.

Wo hast du gewartet?“

„Hier an der Bank, an der wir uns treffen wollten!“ Sagt er und zeigt hinter sich, auf die schöne, steinerne Sitzbank am blauen Wasser, romantisch zwischen zwei Palmen eingebettet.

Ich lange mir an den Kopf.

Wir gehen etwas trinken. Ich bin am Verdursten. Gleich am Wasser, in der Nähe der Promenade, befindet sich eine Freiluft-Bar, die für mich sehr karibisch anmutet: da lassen wir uns nieder und entspannen. „Ich bin gern hier.“ Sagt Stefan. Die vage Idee, hier zu leben, nimmt immer konkretere Formen an.

„Ich habe mich über die Preise informiert.“ Meint er. „Ab 80 000 kann man hier schon Häuser kaufen.“ Es ist verrückt. Doch es ist der erste, warme Ort, zu dem ich ihn mal nicht überreden musste, um hier leben zu wollen.

Und ich? Leben in der Karibik?

Sofort. Ich brauche Sonne und Wärme. Bereits wenige Wolken am Himmel setzen mich außer Gefecht. Ich bin ein Mensch mit extrem niedrigem Blutdruck und wetterfühlig dazu. Bei trübem Wetter läuft ohne Coffein bei mir gar nichts. Doch hier brauche ich solche Späße nicht. Eine wunderschöne Insel, tolles Wetter, immer Sonne, warme Nächte – und das Meer vor der Tür ist ja auch ganz nett.

Ein grandioses Essen

Wir laufen weiter. Handyschutzhüllen fürs Schnorcheln finden wir zwar keine, doch am Markt entdecken wir einen Stand mit indonesischer Küche. Es schmeckt sagenhaft. Vor allem die Erdnuss-Sauce – ein Gedicht. Wir sitzen entspannt da, essen lauschen den Klängen von Latino-Musik. Beobachten die Menschen. Stefan sagt noch einmal, wie gerne er hier ist.

„Eine sehr entspannte Insel.“

Nachdem wir anschließend zusammen am „Messer-Mann“ vorbei zum Auto laufen, würdigt der mich keines Blickes mehr – „Beautiful hair“ ist vergeben… 😉

Unsere Köchin vom Markt – wir sollten ihr wieder begegnen…

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